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Julias Kurzgeschichte

Du findest den Weg zurück, geh einfach den Spuren nach...
“Du glaubst, du hast die Welt gesehen, aber in Wirklichkeit hast du keine Ahnung, was abgeht. Nicht einmal die Phantasie um es dir vorzustellen kannst du haben, so unschuldig bist du.”
“Ich habe genug gesehen, um zu wissen, dass ich sie so nicht lassen möchte.”
Er lachte auf. Sie blieb stehen und sah ihm eindringlich in die Augen. Die ihren waren etwas zusammengekniffen. Die Kälte machte ihnen in diesem Jahr besonders zu schaffen.
“Du redest, als hättest du die Welt gesehen, dabei bist du doch mindestens so unschuldig wie ich. Du kennst doch auch nur einen kleinen beschissenen Teil. Alles außerhalb deines Interessensgebietes übersteigt doch deine Vorstellungskraft.”
“Wie alt bist du?”
“Hey, du wechselst das Thema! Darüber reden wir noch! Diese Frage stellt man keiner Frau, das solltest gerade du doch wissen.”
“Komm schon, sei nicht kindisch.”
Sie legte den Kopf schief und grinste verlegen.
“Du wirst jetzt vielleicht lachen...  Siebzehn.”
Das war ja erstaunlich schnell gegangen. Normalerweise zierte sie sich wesentlich länger, wenn es um die Preisgabe ihres Alters ging. Aber was sollte jetzt noch passieren? Außerdem wunderte es sie, dass er noch einmal darauf zurückkam, denn sie hatte das Thema als abgeschlossen betrachtet, als er sie vorhin auf zweiundzwanzig geschätzt hatte. Er warf seinen Kopf in den Nacken und schnaubte. Dann sah er sie wieder an und musste tatsächlich lachen. Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie sanft.
“Was tue ich hier mit dir? Kannst du mir das sagen? Was mach ich da eigentlich? Siebzehn... Scheiße... Die sperren mich ein... Erzähl das ja keinem.”
“Tja, was ich hier tue, frag ich mich auch schon seit drei Stunden, seit du mich angelabert hast. Du erfüllst nämlich fast komplett mein Profil für den “sofort in die Wüste zu schickenden Mann”. Fühl dich geehrt. Wenn du jetzt noch sabbern würdest, dann wär ich eh schon längst weg.”
“Drei Stunden ist das her?”
“Ich denk schon. Wie spät ist es?”
“Warte... Fünf nach zwei.”
Übermütig zog er sie an der Hand durch den nur sehr spärlich beleuchteten Weihnachtsmarkt. Vorbei an den dunkelgrünen Hütten, den geschlossenen Läden der Stände, ein ganz schönes Stück durch das frisch gefallene Weiß. Als sie in eine Gasse einbogen, kam ihnen ein lachendes Pärchen entgegen, das Schnee von den Motorhauben der Autos schob. Sie schätzte die beiden gerade  gegen Mitte Dreißig, als er plötzlich meinte:
“Wetten, er traut sich nicht, sie abzuschießen?”
“Kann dir ja eigentlich egal sein, oder?”
“Wetten? He du, wetten, du traust dich nicht, sie abzuschießen?”
“Komm schon, lass das... Gehn wir weiter... “
“Was? Ist doch nichts dabei! Ich hasse solche Pärchen! Scheiße, ich mein, die rennen durch die Gegend - nichts im Kopf außer Hormone... Wieso? Die haben alle keine Ahnung...”  
“Aaah ja. Und der einzige, der was vom Leben versteht, bist natürlich du und außerdem und sowieso. Schon klar.” 
Schmollend ging sie zwei schnelle Schritte. Dann machte sie am Absatz kehrt und stolperte schon fast gegen seine Brust, die auf ihrer Nasenhöhe lag.
“Heeee... nicht weglaufen!”
Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen, sodass sie seinen rechten Schneidezahn auf seiner Unterlippe ruhen sehen konnte. Sie musste lachen über den Rest der Irritation, die noch an seinen Augenbrauen kleben geblieben war. Hand in Hand schlenderten die beiden noch weitere zwanzig Minuten durch Straßen und Gassen und weil sie eine nicht zu unterdrückende Hochstimmung in sich aufkommen spürte, rannten sie auch über so manchen nächtlich beleuchteten Platz, bis sie nach Atem rangen. Was drei Stunden zuvor war, schien jetzt so unwichtig, auch wenn es ständig in ihrem Kopf herumschwirrte. Sein Frauenbild, sein Machogehabe, seine Freundin, das war da noch wichtig gewesen, jetzt beschäftigten beide ganz andere Dinge. Aber es hatte nun mal so begonnen:
111
“Willst du mir nicht deine Freundinnen vorstellen? Ihr schaut so nett aus...”
Überrascht drehte sie sich um. Da hatte ein Typ doch glatt die Frechheit besessen, sich von hinten an sie heranzupirschen und sein Kinn auf ihre rechte Schulter zu legen. Jetzt sah er sie mit einer Art Dackelblick von unten her an. Sein kahlrasierter und braungebrannter Freund stand mit angetrunken glücklichem Grinsen neben ihm und wiederholte die Frage, die er ihr geradegestellt hatte.
“Ähm, das sind zwar nicht meine Freundinnen, aber... Hallo - hier haben wir Blondine Nummer eins - ihr blaues Haarband fügt sich perfekt in den Rest des von ihrer besten Freundin ausgesuchten Outfits. Dann nicht zu vergessen - Blondine Nummer zwei in Violett und außerdem im Sonderangebot - greift zu, solange sie noch heiß sind. Nur mit Namen kann ich noch nicht dienen, die haben sie mir noch nicht verraten, aber ich bin sicher, dass sie sie euch, wenn ihr lieb fragt, ins Ohr hauchen werden.”
Oho! Es lebe die (alko)hohlbedingte Oberflächlichkeit. Leicht zu beeinflussen. Fast schon langweilig.
class=Section2> Mit sarkastischem Lächeln wandte sie sich wieder dem Tresen zu, überzeugt den braungebrannten und seinen  Dackel los zu sein. Sie setzte die Lippen an den Filter ihrer Zigarette und schloss die Augen. Den ganzen Abend schon tränten sie und so musste sie versuchen sie nicht auch noch dem scharfen Rauch ihres eigenen Glimmstängels auszusetzen. Absurd, wenn man bedachte, wie spärlich die starken Neonröhren nurmehr den Raum beleuchten konnten, weil die Lichtwellen sich in den Schwaden verfingen. Während die Dunstwolke aus ihrer Lunge langsam mit ihrer Umgebung verschmolz, griff sie nach dem hellblauen Glas zu ihrer Rechten und drehte es in der Hand.
“Was trinkst du da?”

Stand doch der Dackel schon wieder hinter ihr und zwar diesmal so dicht, dass seine Arme links und rechts von ihr auf dem Tresen lehnten und sein Oberkörper sich an ihren Rücken schmiegte und sie
nach vorne gegen den Tresen drückte. Besoffenes Machoschwein. Was sie doch alle für einen Mut besaßen mit ein paar Litern Bier.
“Hey, Junge! Jetzt stell dich erst mal neben mich ja, dann schaun wir vielleicht mal etwas weiter in mein Glas hinein, ja? Du erstickst mich ja fast mit deiner Anwesenheit...”
So einer hatte ihr heute gerade noch gefehlt. Sie sollte die Lokale wechseln, in denen sie sich rumtrieb, hier wurde sie nämlich viel zu leicht mit einem dieser notgeilen Kleinkinder verwechselt, die mal eben schnell zum Knutschen wo rein gingen und vielleicht mit einem Anhängsel wieder raus und unter der nächsten Brücke eine schnelle Nummer schoben. Oder auch mit denen, die nur hier waren um mal schnell ihr Ego zu pushen, indem sie sich auf einen Drink einladen ließen und dann wieder gingen, nur um zu sehen, ob sie es drauf hätten. Egal für welches von beiden sie gehalten wurde, es erzeugte lediglich schlechte Stimmung mal auf der ihren, mal auf der Seite ihres Gegenübers oder in diesem Fall Hintenübers.
Zwar murrte er, war jedoch sehr damit zufrieden, ihre Aufmerksamkeit wiedergewonnen zu haben.
“Na du gehtst ja richtig ran! Gefällt mir... Also was trinkst du da jetzt?”
Hilfe!Kotz! Der war ja noch billiger, als er aussah! Wenn sie allerdingst zu den Freundinnen hinübersah, mit denen sie tatsächlich da war, überlegte sie, ob nicht das die Gelegenheit wäre, ihren Ruf als prüde Männerhasserin wieder Mal für ein Weilchen loszuwerden. Es musste ja nur so aussehen. Nichts tun, außer so tun, als ob. Ein harmloser Flirt konnte nicht schaden, auch wenn sie sich ein klein wenig ekelte. Wenn er schon mal da war. Es rannten ja wirklich nur Vollidioten herum, wo sie nur hinsah. Schnipp. Zeit für einen kleinen Sinneswandel, Fräulein.
“Eristoff Ice im Glas, der Herr. Keine Ahnung, was den Barmann geritten hat, es umzufüllen. Nett oder? Sieht man nicht alle Tage.”
class=Section4> Das Gute an einem besoffen Flirt war, dass man den größten Blödsinn von sich geben konnte, ohne sich dafür genieren zu müssen, weil das Gegenüber ohnehin entweder gar nicht zuhörte oder alles für so intelligent befand, dass man bei der Aussage, die sie eben getätigt hatte, schon Intellektuellenstatus besaß. Ihn schienen  ihre charmant ablehnende Art und der immerwährend sarkastisch mitschwingende Unterton in ihrer Stimme nur noch mehr anzuspornen. Außerdem hatte er schon gemerkt, dass sie, obwohl so genervt, doch nicht uninteressiert war. Zumindest nicht uninteressiert an einer kleinen Konversation. Was dann noch drin wäre, musste er noch herausfinden.
“Zwei Eristoff Ice im Glas bitte! Hee, hallo! Zwei Eristoff Ice im Glas!

 

“Dann bin ich dir wohl zum Dank verpflichtet, junger Mann.”
“Freut mich, dass du was mit mir trinkst.

 

“Also sprich zu mir, was machst du so? Wer bist du?
“Hmm, du willst aber ganz schön viel wissen. Was mache ich... Autos. Ich mache Autos.”
“Was?”
“Seit ein paar Jahren. Werkstatt. Alles schwarz. Weißt du, was du da verdienst?!”
“Toll. Du hast Geld. Was hast du sonst noch?”

 

“Eine Wohnung. Eine Freundin. Ein...”
“Du hast eine Freundin? Na, das ändert die Sache natürlich erheblich. Dann kann ich ja normal mit dir reden. Ich will nämlich nichts von dir. Perfekt.”
“Hast du etwa geglaubt, dass ich dich anmache? Nein. Ja, du kannst normal mit mir reden. Hey cool. Darauf müssen wir jetzt aber fast anstoßen.”

 

Sie hoben die Gläser, ließen sie klirren und tranken. Sie hatte ihren Kopf schiefgelegt und schien wirklich erfreut zu sein über die Tatsache, dass er vergeben war und leicht amüsiert über den Kommentar, mit dem er sein Anbaggern abstritt. Er trank noch immer. Als schließlich auch er sein Glas abgestellt hatte, bedeutete er ihr mit einem Kopfnicken, dass hinter ihnen soeben ein Stehtisch freigeworden war. Sie brauchten für ihre kleine Übersiedelung nicht mehr als drei Schritte zu gehen.
“Mensch, wie sich die alle aufführen!”
“Wer?”
“Meine Leute, sowieso nur betrunken, aber wichtig. Jeder von denen schuldet mir soviel Geld, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Im Prinzip gehören alle ihre Autos mir.”
“Tja, ähm, schön.”
Was sollte man auf so etwas schon groß antworten. Doch das schien ihn sowieso nicht zu interessieren, er schien auch schlagartig nicht mehr so betrunken oder zumindest wackelig, wie eben noch zu sein.
“Ich muss dich jetzt etwas fragen...”
“Bitte, fang an.”
“Wenn der Mann soviel Geld verdient, dass die Frau nie arbeiten müsste, wieso will sie es dann trotzdem tun?”
“Wie meinst du das, ist doch eigentlich nachvollziehbar, oder?
“Nein, ich versteh das nicht. Ich meine, ich verdiene einige tausend im Monat und sie will ernsthaft arbeiten. Dabei könnte sie jeden Tag mit ihren Freundinnen ins Kaffeehaus gehen und kriegt von mir tausend im Monat nur zum Shoppen. Sie zahlt nichts für die Wohnung, fürs Essen, für gar nichts. Ich will dafür nichts, als mein Essen auf dem Tisch, wenn ich nach Hause komme. Was ist ihr Problem?”
Da hatte er auf den richtigen Knopf gedrückt. Solche Diskussionen liebte sie. Einmal tief Luft geholt und schon legte sie los, ab in den Kampf um den Charmeur zu vernichten.
“Naja, das Hauptproblem wird vermutlich deine Einstellung sein. Wie stellst du dir das vor? Du wirst sicher, so wie du daherredest, nicht bist an dein Lebensende mit ihr zusammen sein, oder? Dann muss sie arbeiten - wird etwas schwierig ohne Berufserfahrung. Wie soll sie jemals eine ordentliche Pension bekommen? Und auch wenn du mich jetzt für eine arrogante Emanze hältst, dir ist schon bewusst...”
Sie wollte nicht böse sein, ihn nicht vergraulen, auch wenn sie sich im Klaren war, dass das mit dieser Aktion wohl sehr leicht passieren konnte, aber ihr Eifer war einfach geweckt. Ihr Vortrag wurde mit seltenen “versteh ich nicht”s oder mit Schweigen beantwortet. Selbst nach einer Stunde
konnte sie nicht sagen, ob sie aneinander vorbeigeredet hatten, oder er begonnen hatte, nachzudenken. Auch wenn dies eine kaum zu wagende Hoffnung wäre. Während sie noch redete, kamen ihre Freundinnen ihr entgegen und verkündeten, sie würden jetzt weitergehen. Wenn man

verzweifelt genug ist, findet man überall etwas. Nur offenbar hier nicht. Die hatten es echt gerade nötig, wenn sie im einen Lokal keinen abkriegten, mussten sich die Männer im nächsten eben in acht nehmen. Keine von denen kümmerte es, mit wem sie sprach und wer er war. Sie ließen sie allein. Auch wenn eine Stunde später eine SMS hereinhüpfte, in der der Name des Lokals stand, in dem sie sich anscheinend gerade aufhielten. Sie hatten sie, ohne auch nur ein Wort der Sorge, einfach allein gelassen. Doch da war sie schon nicht mehr da. Die beiden hatten ihre sich immer besser entwickelnde Diskussion ebenfalls in ein anderes Lokal verlegt. Sie erfuhr, warum er schon seit drei Jahren in einer eigenen Wohnung lebte. Nicht, weil er das Geld hatte, nein. Seine Eltern hatten sich quasi von ihm “getrennt”, als drei Jahre Knast wegen Steuerhinterziehung gedroht hatten. Außerdem war er nicht aus ihrer Stadt. Das hatte den Ausschlag gegeben, warum sie sich entschloss, mit ihm noch woanders hinzugehen.
222
“Was magst du?”
“Espresso.”
“Zwei Whiskey Wasser ein  Espresso.”
Die Kellnerin verschwand im Takt wippend hinter den Tresen. Die paar Gäste an der Bar tanzten euphorisch zu uralten Weihnachtssongs. Während sie auf den Knopf der Kaffemaschine drückte,
tanzte der zweite Kellner sie an und die beiden verfielen recht flott in einen tranceähnlichen Tanzzustand.

 

“Ich hasse sowas. Soll doch ihren Job machen, das Weib.  Wieso hackelt die nichts?”
“Hey jetzt mal wieder runter vom Gas, ja? Der Kaffe rinnt noch durch. Sag mal, kannst du dich gar nicht freuen? Ist doch schön, wenn alle so einen Spaß haben.”
“Sind ja doch nur angesoffen.”
Ein hoffnungsloser Fall, das musste sie einsehen. Frauenbild aus den Dreißigern und sonst auch nicht sehr zuversichtlich. Ihr Gesicht fühlte sich ein bisschen taub an. Er hatte noch den hellsten Tisch ausgesucht und sie konnte ihn trotzdem kaum sehen.
Nur an der Bar brannten bunte Lampen und eine Lichterkette, die über den Tresen gewickelt war, blinkte. Die Kellnerin stellte das Tablett mit den vier Gläsern und der Kaffetasse vor ihr ab. Sie kassierte und ließ noch ein Lächeln da, bevor sie wieder zurücktanzte. Sie prosteten sich zu.
“Dass wir uns getroffen haben.”
Sie nippte an dem Whiskey und machte sich dann erst einmal an ihren Espresso. Den hatte sie nämlich jetzt wirklich nötig. 
“Schau mal. Cooles Teil.”
Er hatte ein Handy in der Hand und hatte sich gerade drangemacht, die SMS zu lesen.
“Das ist nicht deins oder?”
“Nein. Lässiges Teil. Weißt du, was das am Schwarzmarkt wert ist?”
“Legs hin! Tu das sofort wieder dahin, wo du es her hast, sonst bin ich weg.”
Ihr Ton war schlagartig so scharf, dass sie nur noch zu zischen vermochte.

“Hey, mach keinen Stress. Siehst du - ist schon weg.”
Er legte das Telefon auf den Tisch und hob die Hände, als hätte er erkannt, dass ihre Stimme eine überaus gefährliche Waffe war. In sein Gesicht hatte sich ein verschrecktes Grinsen gesetzt.  Sie sah ihn lange an, ohne etwas zu sagen. Das Grinsen verschwand, um seine Augen bildeten sich Fältchen. Die Hände sanken wieder, aber nur ausgesprochen zögerlich. Er nahm sein Glas und kippte den ganzen Inhalt auf einmal hinunter. Mit einem Knall stellte er es wieder ab und umklammerte  es. Sein Gesicht
war verkrampft, der Kiefer  zusammengepresst, die Augenlider zugekniffen. Er saß stark vornübergebeugt als müsste er sich gleich im nächsten Moment übergeben. Nach einiger Zeit setzte er sich wieder auf, sie hatte nur geschwiegen und ihn weiter angesehen. 
“Du kennst doch diese ganzen Filme. Mafia und so...”
Begann er ganz unvermittelt und leise, ihr direkt ins Gesicht schauend. Ohne eine Antwort zu erwarten fuhr er fort.
“Das ist alles wahr. Die gibt es wirklich. In der echten Welt ist das noch viel schlimmer. Wenn du einmal drin bist... Du kommst nicht wieder raus. Keine Chance.”
Wieder sah sie ihn an uns schwieg eine Weile.
“Autos?”
“Auch.”
“Wie tief hängst du drin?”
“Zu tief.”
“Fragezeichen?”
“Ich habs sozusagen von meinem Vater übernommen. Der ist jetzt seit drei Jahren draußen.”
“Netter Vater.”
“Ich bin froh, dass er draußen ist.”
“Wie könntest du rauskommen? Ich mein, dein Vater konnte ja auch irgendwie.”
“So viele Leben hab ich nicht, als dass ich das noch mitkriegen würde.”
Er formte mit Zeige- und Mittelfinger eine Pistole und drückte mit dem Daumen ab.
“Puff. So schnell geht das, wenn du aufmuckst.”
Na toll. Was machte sie hier? Ob es nun Masche war, oder nicht, die Situation war gerade eben um einiges schräger geworden. Luft. Luft würde jetzt bestimmt nicht schaden. Aber raus gehen war nicht.
“Ich such mal schnell das Klo. Die hier nehm ich lieber mit.”
Sie grinste ihn an und hängte sich ihre Handtasche um. Stufen runter. Ja, die Toilette war rauchfrei. Als sie in den Spiegel sah, war sie froh, dass das Lokal so finster war. Sie sah wirklich zum kotzen aus.
Wieder auf dem Weg nach oben , rechnete sie damit, den Tisch leer vorzufinden, aber sie täuschte sich.
“Hier bin ich wieder! Traraa! Das volle Gruselklo da unten - ich bin fast in den Heizkeller gerannt.”
Sie stieg wieder auf den hohen Stuhl und seufzte.
“Mensch, bitte trink du meinen Whiskey, ich bring das heut echt nicht mehr runter. Da, nimm!”
Sie griff zu ihrem Wasserglas und trank einen großen Schluck, mit der anderen Hand schob sie den Whiskey über den Tisch. Er nahm das Glas und leerte es in einem Zug. Sie hob die Augenbrauen.
“Hast du Geschwister?”
“Eine Schwester.”
“Älter? Jünger?”
“Sie ist dreizehn und ich schwör dir, wenn die ihr etwas tun, bring ich alle um.”
Oje, da war es wieder. Das Thema war noch nicht abgehakt, dabei wirkte er nicht einmal gereizt, als er das sagte. Seltsam abgebrüht. Heute, dachte sie, war es wahrscheinlich besser, dass sie ihn nicht kannte.  Für sie, für ihn und für überhaupt alle. Egal, ob das, was er erzählte, der Wahrheit entsprach. Doch dann tat er etwas, das ihre Gedanken kurzzeitig ordentlich aufwirbelte.
Der Kuss war ziemlich feucht, aber doch unerwartet genug, um ihren Körper in einen Ameisenhaufen zu verwandeln.
“Gehn wir, komm.”
Sie stand auf und zog ihren Mantel über. Sie musste zusehen, dass sie ihm nachkam, er war nämlich sofort nach draußen gerauscht, als sie stand.
“Ciao, schönen Abend noch!”
Eilig schlängelte sie sich zwischen Barhockern und Wand zur Tür. Sie war erleichtert, als die eisige Luft ihr ins Gesicht schlug, es machte sie wieder lebendig, ließ sie innerhalb von Sekunden die Höhlenstim-mung abschütteln. Eine der unzähligen Turmuhren in dieser Stadt schlug zwei Uhr. Er öffnete den unverschlossen Briefkasten vor dem Lokal und legte ein Handy hinein.
“Das ist nicht dein Ernst oder?”
“Wieso, ich nehms doch eh nicht! Hey du hast mich zu einem guten Menschen gemacht, ich will es gar nicht mehr!”
“Dann geh rein und legs zurück! Geh sofort rein und legs zurück verdammt!”
“Sicher nicht! Ich geh da echt nicht nochmal rein. Geh halt du, wenn du unbedingt meinst.”
Wütend schnappte sie es sich und riss die Lokaltür wieder auf. Unauffällig wiederholte sie den Slalom, über dessen Beendigung sie gerade so froh gewesen war und legte das Ding mir unnötiger Vorsicht auf den Tisch, an dem sie gesessen hatten. Niemand hätte es bemerkt, wenn sie es geworfen hätte. Trotzdem. Wegen diesem Typen brauchte wirklich niemand sie des Diebstahls verdächtigen, “Wegen dir will ich es gar nicht mehr”, haha, aber genommen hatte er es doch. Als sie wieder nach draußen trat, war er verschwunden. Vermutlich war es besser so. Sie kam noch rechtzeitig nach Hause, ein leichtsinniger Ausflug hatte ein ungefährliches und nicht ganz uninteressantes Ende gefunden. Ruhig

stapfte sie Richtung Adventmarkt. Schräger Typ. War irgendwie klar, dass er irgendwann die Sause kriegen würde.
“Hey, wo gehst du hin? Warte!”
Hm, also doch nicht. Hinter einer Hausmauer war er gestanden und hatte telefoniert. Mit einem Freund, mit einem Mafioso? Sie blieb stehen.
“Warum bist du so?”
“Wie bin ich?”
“Du glaubst, du hast die Welt gesehen, aber in Wirklichkeit hast du keine Ahnung, was abgeht. Nicht einmal die Phantasie um es dir vorzustellen kannst du haben, so unschuldig bist du.”

333
Winterluft füllte ihre Lunge. Sie kam von der Seite und wirbelte um ihr Gesicht. Als wäre es von einer kalten Fleecedecke umhüllt. Sie drehte sich über den Platz, wie in einem dieser Kitschfilme, wo es sofort darauf zu schneien begann. Aber das war ihr nun auch schon egal, so viele vorgefertigte Sätze, wie sie heute schon gehört, gesagt und in Gedanken formuliert hatte. Warum sollte nicht auch ihr Abend einmal wie in einem dieser brechreizerregenden Filme enden.
Er stand nur da, sah sie an und sagte nichts. Er schien sich unwohl zu fühlen aufgrund der Tatsache, dass er ganz allein auf einem großen Platz war, mit einem Mädchen, das er seit dreieinhalb Stunden kannte und das heute schon zu viel über ihn erfahren hatte. Gut, dass er sie nie wieder sehen würde. Komisch war es trotzdem, dass sie sich drehte, nichts tat, außer sich zu drehen und in den Himmel zu schauen, als würde sie warten, dass Schnee herunter fiele.
“Gehn wir weiter?”
“Gleich, warte noch.”
Sie hatte beschlossen, sich ihrem Film selbst zu machen. Jede Szene würde genau so lange dauern, wie sie es wollte. Jetzt wollte sie noch ihren Schneeflockentanz beenden. Doch mittlerweile war ihr schon so schwindelig, dass sie aufgab, bevor Schnee in Sicht war.
“Passt, gehn wir.”
“Was war denn das jetzt?”
“Ich hab mich gedreht, hat man doch gesehn oder?”
“Okay... Wohin sollen wir gehen?”
“Wie wärs mit... Dort!”
Zweihundervierzig Stufen. Das war aus dem Heimatkundeunterricht hängengeblieben. Oder auch nicht, sie war nicht so sicher, es waren auf jeden Fall so viele gewesen, dass sie nicht durchgehend hinauflaufen konnte, als sie acht war. Er tat es, sie ließ sich Zeit. Wer Stöckelschuhe trägt, darf sich nicht hetzen lassen. Hatte sie einmal gehört. Das war nur gut so, sonst hätten vielleicht ein paar ihrer Knochen ihren heilen Zustand nicht beibehalten können. Er wartete schon zappelig, als sie oben ankam.
“Wohin jetzt?”

“He, hast du Stress? Schau, wir sind die ersten, die durch den Schnee gehen.”
Durch einen Torbogen, über eine Anhöhe, einen Privatweg und eine abartig enge Gasse, ließen sie ihre Spuren laufen. Unter einem weiteren Bogen blieben sie schließlich stehen. Da begann er wieder sie zu küssen.
“Bleib doch heute Nacht einfach bei mir im Hotel. Ich zahl dir dann später das Taxi. Bitte bleib da.”
“So einfach ist das aber nicht. Ich bin nicht so eine. Das müsstest du doch jetzt mittlerweile schon verstanden haben. Es geht nicht. Dein Frauenbild ist einfach zu simpel. Veraltet und falsch noch dazu. Du musst lernen, dass du nicht alles haben kannst. Schon gar nicht für Taxigeld und Whiskey.”
“Das heißt, du würdest gerne und tust es nicht, weil du mir einen Denkzettel verpassen willst?”
“Richtig.”
Eine andere Antwort hätte ihn zu sehr verwirrt und wäre vermutlich auch falsch gewesen.
“Aber es wäre anders. Ich hab das immer so gemacht. Es hat immer funktioniert. Die Frauen bestätigen das doch selbst. Sie kommen zu mir, wir schieben ne Nummer, ich schmeiß sie raus. Fertig. So hab ich auch meine Freundin kennen gelernt. Sie hab ich nicht rausgeschmissen. Das war vor vier Jahren. Ich war treu.”
“Wers glaubt. Naja, du bist echt nicht zu beneiden.”
“Wieso?”
“Okay, du bist vielleicht zu beneiden, aber ich beneide dich nicht. Dein Geld möchte ich nicht mal geschenkt. Geschweige denn dein Leben. Aber das willst du ja selbst nicht, wie es scheint.”
“Kann sein, aber im Moment will ich nirgendwo sonst sein, außer hier.”
Ihr Plan mit den Filmszenen schien aufzugehen, es hörte sich alles, was sie sagten an, es sah alles, was sie taten, aus wie frisch einem Drehbuch entsprungen.
“Perfekt. Dann habe ich ja gar kein schlechtes Gewissen, wenn ich den jetzigen Zeitpunkt wähle, um dich alleine zu lassen.”
“Ich hab doch gesagt, du sollst hier bleiben! Komm schon, es wäre etwas Besonderes. Ich... Bitte!”
“Ich muss gehen.”
“Aber gegen ne schnelle Nummer unterm Torbogen hättest du doch sicher nichts, oder? Ungeschützt, was würde Mutti sagen?!”
Er drückte sie gegen die Wand und seine Lippen auf ihre. Seine Hände, zumindest die eine, die sie nicht festhielt, schienen sich zu verselbstständigen. Überall war sie plötzlich.
“Bleib. Bitte, bitte bleib!”
Sie schubste ihn von sich weg.
“Jetzt dreh nicht durch. DREH NICHT DURCH! Ich muss nach Hause. Du findest den Weg zurück, geh einfach den Spuren nach, ich nehme die andere Seite.”

“Dir ist schon klar, dass wir uns nie wieder sehen werden.”
“Das ist es.”
Sie küsste ihn und drängte sich an ihm vorbei. Erst im letztmöglichen Augenblick ließ sie seine Hand los. Dann ging es steil bergab, eine Akrobatikübung mit diesen Absätzen und ohne Stufen. Zum Glück gab es ein Geländer. Der perfekte Abgang für eine Liebeskomödie. Ohne Umdrehen natürlich. Konsequent geradeaus staksen.
“Du wirst doch jetzt nicht wirklich gehen!”
Sie hielt an, starrte nach vorne. Dann wandte sie ihren Kopf nach hinten und ging einen Schritt bergauf. Diese Richtung fiel ihr viel leichter. Wie alleine er dastand.
 
20.1.09 19:51


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Kurzgeschichte Adele

Der Sitzlederbezug

 

Grün, Rot, Braun, Schwarz – alles zog an mir vorbei. Unter meinen Füßen, die ich auf den gegenüberliegenden Sitz gebettet hatte, ratterte der graue Kunststoffboden. Ich fühlte mich beinahe so, als säße ich auf einem Leiterwagen, der von Pferden durch die Steppe gezogen wird. Ich schloss meine müden Augen, als bettete ich ein Kind nach einem langen Tag, und dachte dabei an das zurückliegende Gespräch.
Nach einer Weile lauschte ich und wiegte mich in den vertrauten Tönen und Geräuschen, die das ganze Abteil erfüllten. Selbst das Quietschen des Sitzleders klang nach einem alten Freund, der mir leise etwas zuflüsterte.
Als ich die Augen aufschlug, wurde ich sofort von einem sonnengelben Safranfeld geblendet. Es schien mich beinahe zu begrüßen, zu erinnern, dass ich etwas Gutes getan hatte und die richtige Entscheidung noch treffen würde. Die Baumwipfel, die im Hintergrund der blassgrünen Häuser hervorragten, blühten teilweise noch. Auch sie präsentierten sich in so kräftiger Bemalung, als hätte man sie allesamt in einen großen Topf  Farbe getunkt.
Immer noch schweiften meine Gedanken ab und verfingen sich in einem Netz von Entscheidungsmöglichkeiten, das ich in den letzten Tagen gewebt hatte. 
Obwohl ich eigentlich tausende Gründe gehabt hätte, traurig oder bedrückt zu sein, irgendetwas schien mich von der Welt in einen Raum voll Vakuum zu heben.
Ich betrachtete meine Hände, die ich hinter meinem Kopf hervorgezogen hatte. Da waren sie. Die Hände einer alten Frau. Schon immer hatte ich sie gehasst. Schon immer waren meine Hände das, was ich an mir am meisten verabscheute. Und nun, mit einundvierzig Jahren waren sie das, was das junge Mädchen in mir zu einer alten Frau machte.
Ich wurde von der sich quietschend öffnenden Abteiltür aus meinen in Selbstzweifel getränkten Tagträumen gerissen. Herein kam ein junger Mann mit einer Aktentasche und einem Headset. Er murmelte mir und der alten Dame neben mir einen „Guten Abend“ zu und setzte sich auf den Platz schräg gegenüber. Er erinnerte mich ein bisschen an meinen Bruder, wie er so dasaß mit seiner halben Büro-Einrichtung. Auch die Dame neben mir schien merkwürdig fasziniert von diesem äußerst attraktiven jungen Mann.
Ich selbst wunderte mich kaum, dass er mich an meinen Bruder erinnerte. Wenn ich an den Grund meiner Reise dachte, war es wohl unvermeidlich ihn andauernd zu sehen. Wie um alles in der Welt sollte ich je fähig sein über ein anderes Leben zu entscheiden? Ich hatte ja nicht einmal die Kraft, mein eigenes zu verändern. 
„Fühlen Sie sich nicht gut? Brauchen Sie vielleicht etwas zu trinken?“, fragte die ältere Dame neben mir plötzlich.
„Nein, danke, ist schon gut.“
Das letzte, was ich jetzt brauchen konnte, war bemitleidet zu werden weil ich doch ach so blass aussähe. Irgendwie waren die ganze Freude und Leichtigkeit, die zuvor in mir hochgestiegen war, verschwunden. Mit einem lauten Knall landete ich wieder auf der Erde. Auf dem Boden der Tatsachen, auf dem ich immer noch diese Entscheidungen zu treffen hatte.
Der Zug hielt ratternd bei der ersten Haltestelle, „Kleinbüttingen“. Wo auch immer ich hier gelandet war.  Ich sah mir noch einmal meine Mitreisenden an. Der Businessman tippte geschäftig an seinem Laptop herum und sah nur manchmal auf um auf die Uhr zu schauen oder einen Anruf zu tätigen. Ich war mir sicher, er war unterwegs nach Hamburg. So wie ich auch. Wobei das nicht ganz richtig ist, ich hatte ja schließlich keine Ahnung gehabt, wohin ich fahren wollte, als ich in den Zug gestiegen war. Erst als ich in einem Abteil möglichst weit hinten und mit nur einer Frau darin Platz genommen hatte, hatte ich den Fahrplan herausgenommen und angefangen ihn zu studieren. Hamburg also.
Nun war ich schon mehr als eine Stunde unterwegs und wartete immer noch auf die erleuchtende Eingebung, auf die ich beim Antritt meiner Reise gehofft hatte. Sie kam nicht.
Draußen hatten sich die grellgelben Felder in ein blasses ockerfarbenes Meer verwandelt. Von den zuvor dunkelgrünen Tannen waren nur noch Silhouetten zu erkennen und in den Häusern gingen langsam die Lichter an. Ich schloss abermals die Augen und fing an zu lauschen. Ich hoffte irgendetwas von der Abendstimmung draußen mitzubekommen, doch außer des Quietschens der Wagons und des Schleifens der Schienen war nichts zu hören. Ab und zu räusperte sich der Bürohengst gegenüber von mir und die alte Dame ließ immer häufiger ein lautes Niesen vernehmen. 
Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Fahrt über meine Tasche auf dem Schoß gelassen hatte. Mit einer kurzen Handbewegung landete sie auf dem Boden. Heraus fielen mein Mobiltelefon, ein Lippenstift und, es war mir zuerst gar nicht aufgefallen, ein Formular. Das Formular, das mir der Arzt bei unserem Gespräch zuvor gegeben hatte.
Plötzlich packte mich eine Wut, als ob die Dame neben mir daran schuld sei, dass ich zu faul war, um die Tasche, wie jeder normale Mensch, auf den Boden zu stellen anstatt sie einfach hinzuwerfen. Ich schaufelte die heraus gefallenen Dinge wieder in die Tasche und warf mich zurück in meinen Sitz. Diese Menschen, die einfach ihrem Alltag nachgehen und keine Ahnung haben von irgendwelchem Schmerz. Von Verantwortung und Treue. Dieser Büro-Macho der einfach dasitzt und denkt, es gibt nichts Wichtigeres im Leben als durch möglichst schlaue Verhandlungsstrategien möglichst viel Profit zu schlagen.
Wütend auf die beiden anderen Insassen des Abteils starrte ich aus dem Fenster. Doch ich sah nur noch mein Spiegelbild. 
Dort starrte mich ein Mädchen an. Das Mädchen, das es immer geliebt hatte, mit seinem Bruder zu spielen. Das trotz aller blauen Flecken, die es durch ihn bekam, nie von seiner Seite wich. Das Mädchen, das plötzlich zur Frau wurde, als sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt wurde. Ihr Gesicht war verzogen, beinahe fremd. Nichts erkannte ich mehr an ihr. Natürlich hatte sich mein Gesicht nach außen hin nicht sonderlich verändert, es hatte immer noch dieselben feinen Gesichtszüge, dieselbe spitze Nase und dasselbe schmale Kinn. Aber mir kam es verändert vor. Als wären hunderte von Jahren vergangen und hätten sich tief in die Haut eingekerbt. 
"Lange dauert das heute, nicht? Wahrscheinlich Stau oder so...", befand die Dame neben mir. Ich überlegte einen Moment, sie darauf hinzuweisen, dass es bei Zügen wohl kaum Stau geben kann, entschied mich aber dann doch für eine alternative Antwort:
"Ja, womöglich. Haben Sie es denn eilig?"
"Nein, nein. Ich besuche nur meine kleine Enkelin"
"Ah... Na dann ist ja gut", meinte ich und hoffte mit diesem Satz das Gespräch beendet zu haben. Natürlich war dem nicht so und die Frau freute sich einen Gesprächspartner gefunden zu haben.
So betrieb ich eine Weile gezwungenermaßen Konversation und war dementsprechend erleichtert, als die Dame bei der Haltestelle "Kniesing" den Zug verließ.
Etwas schmunzelnd über die offensichtliche Tatsache, dass ich genervt war, sah der Büro-Mann kurz zu mir auf und widmete sich danach gleich wieder seinen wichtigen Dokumenten.
Es hatte inzwischen angefangen zu regnen. Am liebsten hätte ich das Licht ausgeschaltet um besser hinauszusehen. Ich hatte es schon immer geliebt, zuzusehen, wie alles nass wurde und wie die Pflanzen, wie unter einer Dusche, plötzlich wie neu aussahen. Natürlich konnte ich dem Mann gegenüber nicht einfach das Licht ausmachen, obwohl mich seine Reaktion schon irgendwie interessiert hätte.
Ich verfiel in einen Sumpf von Langeweile und sehnte mich bald nach dem erzwungen freundlichen Gespräch mit der alten Dame. Vielleicht war auch ihr Parfum, das sie offensichtlich im ganzen Abteil versprüht hatte, ein Grund dafür, dass ich an sie denken musste. Alte Menschen haben einfach etwas, das anziehend und abstoßend gleichzeitig ist. Wenn ich meinen Bruder bloß erleben könnte, wie er so alt wird. Aber vielleicht konnte ich ihn so erleben. Vielleicht auch nicht.
Und wieder war ich an dem verzweifelt erschöpften Punkt angelangt, an dem ich in den letzten 70 Minuten schon etliche Male war. Unterschreiben oder nicht. Leben oder Tod.
"Sagen Sie, könnten Sie sich vorstellen, also rein hypothetisch natürlich, als Kleinfirma einen Anteil an unserem Unternehmen zu haben?", unterbrach der Bürohengst meinen Gedankenfluss.
"Ähm, wie war das bitte?"
"Naja, ich werte hier gerade eine Umfrage aus und Sie scheinen ja nicht besonders beschäftigt zu sein, also dacht' ich mir, ich frage Sie auch"
"Tja, ich weiß nicht recht, ich habe ja keinen Schimmer, wie es ist, eine Firma zu haben, geschweige denn ein Unternehmen."
"Tja theoretisch würden Sie ja auch kein Unternehmen haben sondern nur einen Anteil. Also finanziell. . . Was machen Sie denn so von Beruf?"
"Ich bin freischaffende Künstlerin", antwortete ich mehr oder minder stolz.
"Ah, sehr interessant. Und was genau machen sie da?"
Eine sehr berechtigte Frage. Was machte ich in meinem Beruf eigentlich? Mein letzter Roman war kläglich gescheitert und als ich es mit Songtexten versucht hatte, hatte mich sogar meine Ex-Schwiegermutter angerufen und gefragt, ob ich irgendwie Unterstützung brauchte. Natürlich tat ich das nicht. Zumindest nicht von ihr. Der Einzige, den ich damals regelmäßig in Tränen aufgelöst angerufen hatte, um ihm meine Probleme vorzuheulen war mein Bruder. Er war auch immer für mich da, versäumte regelmäßig Verabredungen und Meetings und warf sogar den ein oder anderen One-Night-Stand aus der Wohnung, nur um mir zuzuhören. Er wäre eigentlich der perfekte Freund gewesen, wäre er nicht mein Bruder.
Wieso musste er auch unbedingt noch mit der Straßenbahn nach Hause fahren? Wieso konnte er nicht einfach die U-Bahn nehmen, wo weit und breit kein Auto war? Ich hatte damals lange gebraucht um die Worte herauszufiltern die die Sekretärin des Krankenhauses mir am Telefon sagte. Zwei Uhr morgens – ein Auto – eine Ampel – ein Unfall.
Mein rechter Fuß, auf dem ich schon eine halbe Stunde gesessen hatte, fing an zu schmerzen und ich musste kurz aufstehen. Ich ging hinaus auf den Gang des Zuges. Die Insassen des Wagens waren totenstill. Nur der Zug selbst gab die altvertrauten quietschenden Laute von sich. Wieder versuchte ich, aus dem Fenster zu blicken. Wieder sah ich außer meinem eigenen, an die Scheibe gepressten Gesicht, nichts. Hier draußen war es schön kühl. Ich klappte die provisorische Sitzfläche heraus, die normalerweise nur in sehr ueberfüllten Zügen benutzt wurde, und setzte mich. Doch kaum hatte ich mich gesetzt sagte die Stimme aus den Lautsprechern schon die Endstation "Hamburg" an.
Irgendetwas sagte mir jetzt, was zu tun war. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich etwas halbherzig von dem Bürohengst und stieg aus.
Ich sah mich am Bahnsteig um, holte das Formular heraus und las halblaut: "Bestätigung zur Unterbindung der Funktion von Lebenserhaltenden Maßnahmen an Markus S. Brander".
Ein schwaches Lächeln flog mir übers Gesicht. Die erleuchtende Eingebung, auf die ich beim Antritt meiner Reise gehofft hatte, war da.

19.1.09 23:10


Lindas Kurzgeschichte (spät, aber doch)

Schon mit 8 Jahren wusste ich, dass ich anders war. Während die Nachbarskinder in meinem Alter draußen auf der Strasse spielten und die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürten, ordnete ich in meiner Puppenküche die Porzellantassen zum fünften Mal neu an. Immer wenn die kleinen hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Tassen nicht perfekt auf den hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Untertassen standen, überkam mich der Drang, sie wieder auseinanderzunehmen und von vorne anzufangen. So verbrachte ich Monate meiner Kindheit, immer klopften andere Kinder an meine Fensterscheibe und dann, wenn ich darauf wartete, dass sie mich zum Mitspielen auffordern würden, fragten sie nach meiner kleinen Schwester. Ihre dunklen Locken waren jedesmal, wenn sie wieder nach Hause kam, zerzaust und mit Zweigen und Blättern gespickt. Und ich hatte in der Zwischenzeit meine Spielschürze auf dem kleinen Bügelbrett geglättet, Amanda und Kati Zöpfe geflochten und mich auch noch um die Lieblingspuppen meiner Schwester gekümmert. „Wo warst du?“, waren immer die ersten Worte, die mir über die Lippen kamen, wenn sie so vor mir stand, mit geröteten Wangen, glänzenden Augen und dem kleinen Muttermal am linken Nasenflügel. Sie war daran gewöhnt, mir immer detailgenau darüber zu berichten, was sie den ganzen Tag über so getan hatte, mit wem und wie lange, deshalb sprudelten die Geschichten nur so aus ihr heraus. Natürlich erzählte sie nicht immer die Wahrheit, aber ich wusste ja, dass es keine Elfen und Einhörner gab, also überging ich diese Lügen, die regelrecht aus ihr herausflossen. Ich legte ihr dann immer ein neues Kleid heraus, dazu farblich passende Wollstrümpfe und bürstete ihr die Haare. Auch wenn sie es viel lieber hatte, wenn ihre Löckchen wild herumhüpften, konnte ich es so nicht ausstehen und band ihr wie immer eine kleine Schleife hinein. Nun sah sie wenigstens wieder ordentlich aus und Vater würde sich freuen, wenn er uns so nett hergerichtet sah. Ich fegte nun schon zum dritten Mal die nicht mehr vorhanden Kuchenkrümelchen vom Tisch und räusperte mich. Erwartungsvoll sah mich meine Schwester an, doch zum ersten Mal wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Dass Mutter nicht mehr von ihrer Reise zurückkam? Dass sie auf einem Einhorn fortgeritten war? Ich drehte am Henkel der äußersten Tasse herum und diesmal schienen die hellblauen Punkte einfach nicht mehr zueinanderpassen und so sagte ich erstmal eine Weile gar nichts.



„Verschwinde aus meinem Zimmer!“, schrie sie und ihre Stimme hallte in meinen Ohren wider. Langsam, als tröpfle man bittere Medizin in eine Teetasse, verschwammen die Bilder auf ihrer Zimmertür und ich sank zusammengesackt auf den Boden nieder. Die Kälte der Wand war schier unerträglich, doch störrisch presste ich meinen Rücken dagegen. Sie brauchte mich nicht mehr. Sie brauchte mich nicht mehr. Dieser Gedanke spukte mir schon seit Wochen im Kopf herum, doch ich schob ihn in die unterste Schublade meines Bewusstseins, wollte es nicht wahrhaben. Sie war doch erst 19!

Es war eine fixe Idee von mir, dass sie allein nicht klarkam, wie sollte sie auch. Sie war nur ein kleines Mädchen, ich musste doch ihre Sachen bügeln, ihre Klamotten morgens herauslegen, ihr Zimmer aufräumen. Ohne mich kam sie doch nicht zurecht! Ich zog mir den Rock zurück unter die Knie, er war verrutscht, als ich mich hinsetzte. Es ging so nicht weiter, die „Freunde“, mit denen sie sich herumtrieb, waren ein schlechter Umgang für sie, doch jedes Mal, wenn ich Vater darauf ansprach, nahm er sie in Schutz und sagte: “Ich kann auch nichts machen, sie wird schon wissen, was sie tut, sie ist ja ein Engel!“  Und dann lenkte er wie gewöhnlich ab, umkurvte geschickt jedes noch so heikle Thema und fragte nach dem Essen. Nachdem ich eine Weile stumm den abbröckelnden Putz neben ihrer Tür betrachtet hatte, ohne Zweifel vom vielen Tür-Zuschlagen, stand ich auf und nahm den Staubsauger in die Hand. Zwar lag nirgends auch nur ein winziges Staubkörnchen, doch das eintönig brummende Geräusch des kleinen Motors beruhigte meine Nerven. Nachdem ich mich wieder unter Kontrolle hatte, fing ich an die Fransen des Flurteppichs parallel auszurichten, ich hielt es nicht aus, wenn sie durcheinanderlagen.
Viel gab es ja nicht zu tun. Da ich jeden Tag dasselbe Putzritual vollzog, war alles schon sauber und blitzblank, doch wie immer fand ich noch etwas, das nicht meinen Vorstellungen entsprach. KLIRR! Anscheinend hatte meine kleine Schwester eine weitere meiner Porzellanvasen gegen die Wand geworfen und ich durfte dann anschließend alles trockenwischen und die im Raum verstreuten Blumen aufklauben. Der Gedanke daran, dass am Boden nun lauter Scherben lagen, machte mich fast verrückt, doch ich widerstand dem Drang, an ihrer Tür zu klopfen um sie aufzuräumen. Sie würde mich sowieso nur anschreien. Ein erstickter Schrei war aus dem Zimmer zu hören, wahrscheinlich war sie auf eine der Scherben getreten und hatte sich verletzt. Ich nahm einen Besen, ging zur Tür und klopfte.



Mir war schlecht. Um der Übelkeit etwas entgegenzusetzten atmete ich ein paar Mal tief ein und aus. Als mein Brustkorb sich hebte und senkte, wurde ich tatsächlich ruhiger und begann klar zu denken. Ich konnte nichts tun, es war ihr Leben, ich hatte mich nicht einzumischen, wie sie mir schon so oft klargemacht hatte.

Die Menschen, die an mir vorübergingen, verzogen ihre hässlichen Münder zu grinsenden Fratzen, wenn sie mich sahen, streckten ihre bazillenübersäten Hände nach mir aus, um mir zur Verlobung meiner kleinen Schwester zu gratulieren. Ich murmelte eine kaum verständliche Entschuldigung zu einem der Gratulanten und verdrückte mich ins Bad. Als ich den Wasserhahn aufdrehte und das kalte Nass über meine Hände rinnen ließ, fühlte ich schlagartig, wie es mir besser ging. Ich bespritzte mir das Gesicht und sah den kleinen tropfenartigen Wasserperlen zu, wie sie über meine Haut rannen. Das weiche Frottee-Handtuch mit den Initialen des Verlobten meiner Schwester fühlte sich ekelhaft angenehm an und ich ließ mich auf dem Toilettendeckel nieder. Jedoch sprang ich von dort sofort wieder auf, da mir klar wurde, wie viele Menschen diesen Deckel schon berührt hatten, und fing an, ihn mit Toilettenpapier und Seife abzuschrubben. Jemand klopfte an die Tür und rüttelte an der Klinke. „Besetzt!“.

Ich spülte die Reste des Papiers runter, wusch mir erneut die Hände und zupfte mir mein graues Kleid zurecht. Vor der Tür stand irgendeiner der Verwandten meines Schwagers in spe. Ich murmelte erneut eine meiner kaum verständlichen Entschuldigungen und quetschte mich an ihm vorbei. Blindlings durchschritt ich die Korridore, bis ich ins Empfangszimmer kam. Als wüsste sie, dass ich aus diesem kronleuchterbehängten, Kleinbürger-Aristrokaten-Haus fliehen wollte, stand an der Tür meine Schwester und hielt mich am Arm fest. Ihr Griff war wie ein Schraubstock, der sich um meinen Oberarm zwängte und nie mehr loslassen wollte. „Wo willst du denn schon hin?!“, zischte sie mir ins Ohr und schickte ein künstliches Lächeln in Richtung  der Neuankömmlinge, die eben hereintraten. „Nur kurz frische Luft schnappen“, antwortete ich und war froh, dass sie die neuen Gäste begrüßen musste, denn dadurch lockerte sie ihren Griff und ich entschlüpfte nach draußen.

Ich setzte mich auf die weißen Marmorstufen und zählte die Ritzen im Asphalt vor mir. Was hatte ich nur falsch gemacht? Wieso hasste sie mich so? Wir hatten uns als Kinder gut verstanden, bis Mutter gestorben war. Seitdem war ich ihre Mutter. Und sie war einfach nur undankbar. Mir wurde schon wieder schlecht, und bis es vorüberging, beobachtete ich eine Straßenlaterne, die an- und aus-flackernd graue Schatten an die weiße Wand des Hauses warf. Ihr falsches Lachen schallte wieder und wieder in meinen Ohren und mein Mund fühlte sich ekelhaft trocken an. Weiße Dreiecke drehten sich vor meinen Augen, ich wollte atmen, doch eine eine unsichtbare Klaue mit ihren grässlichen roten Fingernägeln umfasste meinen Brustkorb, so als wollte sie mich nie mehr loslassen  Die Wut sammelte sich in meiner Magengrube, ich wollte sie anschreien, sie zur Vernunft zwingen, gegen das lächerlich saubere Marmorgeländer treten! Es war soweit mit mir gekommen, dass ich mich vor ihr versteckte! Ich atmete noch ein paar Mal tief ein, bevor ich meine Wut hinunterschluckte und mit kalten Fingern ein Päckchen Zigaretten, das ich ihr zuerst weggenommen hatte, damit sie sich nicht die Lunge ruinierte, aus meiner Tasche fischte. Die Lampe flackerte noch einen Moment, bis sie grell leuchtend zum Stillstand kam. Meine Finger zitterten, als ich das Päckchen aufriss und eine Zigarette herausholte. Mit einem tiefen Atemzug schien es mir, als würde ich zum ersten Mal saubere Luft außerhalb meines Zimmers einatmen. Wie unbewusst fragte ich einen Passanten nach Feuer, zündete sie an und zog daran. Die Dreiecke drehten sich langsamer und langsamer und als wäre ich ganz woanders, strafften sich meine Schultern. Bevor ich zu husten anfing, hatte ich einmal das Gefühl, etwas mit meinem Leben anzufangen.

Ich setzte einen Fuß vor den anderen, ohne auf eine Rille im Boden zu steigen, ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Ich wollte aufhören, alles hinschmeißen, nicht mehr nach Hause zurückkehren, doch ich wusste, dass sich meine Füße nicht überzeugen lassen würden, einen anderen,fremden Weg einzuschlagen.


Als ich die nur zu bekannten Bäume sah, um die allzu bekannten Ecken bog und ohne hinzuschauen wusste, welche Farben die Häuser um mich herum hatten, war ich schon vor dem kleinen Garten angelangt. Die grün lackierte Tür schien mich auszulachen, den Briefschlitz gehässig zu verziehen, doch ich konnte nicht ausweichen, wurde von dem weißen, abblätternden Putz angezogen. Ich öffnete die Gartentür, balancierte von einer grauen Fliese zur anderen – wie früher. Sogar die Hollywoodschaukel bewegte sich, als wären wir gerade noch darauf gesessen, hätten gelacht. Bevor ich den Schlüssel zog und aufsperrte, stand ich einen Moment unschlüssig vor der Tür, doch ich konnte mich beim besten Willen nicht umdrehen und gehen. Innen war alles genauso wie früher. Die Enttäuschung wallte in mir auf, von den Zehenspitzen kroch sie langsam hinauf, erarbeitete sich ihren Weg.
Auf der Kommode lag dieselbe alte Postkarte und dieselbe alte Kerze stand auf einem Spitzendeckchen. Ich drehte die Kerze um 180°, erst dann konnte ich mich lösen und ging weiter. Die Teppichfransen waren ordentlich aufgelegt, so als wäre ich gerade erst mit einem Kamm durchgegangen. Ich öffnete alle Türen, sah in alle Räume, rückte hier zurecht, drehte dort etwas, bis ich zur Küche kam. Dort saß Vater auf seinem Stuhl und starrte auf die gelbbeige Tischdecke. Als er mich kommen hörte, blickte er auf und fragte: „Was gibt es denn zum Essen?“

19.1.09 21:03


Euphemismen-Zusammenfassung

hey Leute, es fehlen leider noch ein paar Beispiele bei den Arten von Euphemismen, wenns geht, bitte ergänzen!=) 

Euphemismen
(Fortsetzung KG3)

·        der Periphrase untergeordnet,
           Bestandteil der uneigentlichen Rede*,
           ist rhetorische Figur;
 
*Uneigentliches Sprechen ist dann gegeben, wenn der Sprecher etwas nicht so meint, wie er es sagt und damit offensichtlich anders verstanden werden möchte.

·        Wurzel, griechisch: >eu- gut >Pheme- Rede, Kunde, Nachricht

·        dient:
          Selbstschonung, Schonung des Gegenübers, Verschleierung, Nihilisierung            
          eines Konflikts

·        wie gebildet?, 2 Wege:
          1.tabuisierte Sachverhalte neu bezeichnet werden,
oder Ersatzbegriffe verwendet > Litotes, Metapher…(somit wird harmloserer Aspekt hervorgehoben)
2.Veränderung der Gestalt des tabuisierten Wortes
(z.B. durch Fremdwortgebrauch)

·        10 Arten von Euphemismen:
Metapher
griech.: „anderswo hintragen“,
ist sprachlicher Ausdruck bei dem Wort/Wortgruppe aus Bedeutungszusammenhang in anderen übertragen wird
od. ein Begriff wird durch ein Bild erklärt
Bsp:

Vage oder mehrdeutige Ausdrücke
Bsp:

Auslassung und Nulleuphemismen
Bsp:
         
          Hinzufügen von Wörtern
Bsp:

Verallgemeinerungen
Etwas wird ungenau oder verallgemeinernd ausgedrückt.
Begriff steht dann für mehrere verschiedene Ereignisse, Sachen
oft in politischen Reden verwendet!
Bsp: Sache, Angelegenheit

Leerformeln:
emotionale Überseinstimmung zw. Hörer und Sprecher,
weil objektive Bedeutung durch diesen Euphemismus subjektiv wird
nicht sachlich definiert
Bsp: Freiheit, Menschenwürde

Litotes
man umgeht direkte Bezeichnung durch Negation des Gegenteils
Bsp: Er ist keine helle Birne., Sie ist kein Zwerg.

Fremdwörter, seltene Wörter
Hörer(auch Sprecher) wissen manchmal nicht genau, was der Begriff bedeutet> künstlich Vagheit erzeugt
entlehnte Wörter(sind höflicher, eleganter als Ausdruck in Muttersprache)
Bsp: Diskurs, liquidieren

Stilistische Inkongruenz
Abweichung vom üblichen Stil, arbeiten mit Kontrast;
Verwendung von Fachbegriffen, obwohl sonst legerer Stil
>Beeindruckter Zuhörer, „ah der kennt sich aus!“
Bsp:

Oxymera
widersprüchliche Aussage
Bsp: Freie Marktwirtschaft, Natürliche Familienplanung(Verhindern einer Empfängnis durch Berechnen der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage=Verhütungsmethode)

Abkürzungen
Bsp: H-Bomben, NS-Zeit

18.1.09 21:22


Meine Kurzgeschichte- Jakob Lundwall P.S.: Die Frau Prof. Seidenauer hat mir viel ausgebessert, i

Die nackte Drahtseilfigur

 

 

Der Himmel sah aus wie eine braun gefleckte Banane.
Das Ende der Welt schien an der Türe zu klingeln, als erste Blitzgreifarme vom besonders fauligen Teil des Bananenhimmels nach Westen zuckten.
Vögel desertierten ins gelbe Licht. Der ockerfarbene spanische Sand jagte hinterher.
Der Wind sang immer lauter.
Timotius stand auf der geräumigen Dachterrasse und rauchte genüsslich an einer besonders kurzen Zigarette.
Befriedigt sah er einen Einsatzwagen auf der Straße unter ihm mit blau blinkendem Warnlicht herumfahren.
Der Wind peitschte die Markisen.
Timotius war sicher einer der einzigen, die dem drohenden Unwetter außerhalb ihrer schützenden Mauern begegnen würden.
Timotius geilte es auf, der einzige zu sein.
Der Wind leckte sein Ohr.
Scheiß Wetter.
     Ob dieses hirnrissige Unternehmen von spanischer Fluggesellschaft bei so einem Himmel starten würde?
Die staubigen Topfpflanzen auf der Terrasse raschelten unheilvoll, als würden sie die abwertenden Gedanken über ihre heimische Fluggesellschaft nicht gutheißen.
Das Handy läutete.
Timotius ignorierte es, indem er weiter seinen Blick über die kahle spanische Hügellandschaft wandern ließ.
Das Handy läutete.
Timotius seufzte angewidert und klappte es auf.
Hola?“, fragte er unbekümmert gegen das heftige Geheule des Windes ankämpfend, seinen Blick auf dem hässlich orangfarbenen Boden.
„Malcolm?! Was? Ja? Ja? Nein. Nein. Ja. Ja. Mir egal. Aufwiderhören.“
Lästiger Verkaufsprozess! Blöde Finnen!
Timotius schmiss gekonnt lässig die Zigarette über das Geländer.
     Seine Gedanken waren geordnet und zielstrebig. Heute Kopenhagen, morgen Boston, übermorgen Geburtstag der Mutter. Wie alt war sie noch mal gleich?
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich um, der Terrassentür wieder zugewandt.
Der Wind war nun bestialisch stark und vom einst so ungewöhnlichen Bananenhimmel, war nun lediglich nur noch morbides Schwarz zu sehen.
360 Tage Sonne hieß es. Musste er immer an genau diesen fünf bescheuerten Schlechtwettertagen hier sein?!
Drinnen war es warm. Das Kaminfeuer flackerte, der weiße Marmorboden war poliert und die zitron-gelben Wände spiegelten seinen Schatten. Drinnen war es schön. Keine Finnen, keine Geschäftsdeals, kein Mensch. Kein, kein, kein.
Timotius ging zu dem klapprigen Dunkelholztischchen, auf dem seine Briefe, Rechnungen, Flugtickets nach Kopenhagen und geliebten Kekse lagen.
Timotius war dankbar für die Kekse. Kochen, geschweige denn Backen konnte er nicht. Davon verstand er nichts. Die Küche ist die dümmste Erfindung, seit den Sicherheitskontrollen am Flughafen, sagte er, wenn man ihn auf dieses heikle Sujet ansprach, doch auf Kekse wollte und konnte er nicht verzichten.
Mrs. Richardson von nebenan hatte sie für ihn gebacken, nachdem er es ihr aufgetragen hatte.
In Timotius Augen war das englische Ehepaar Richardson, sowieso nur ein wehrloses, steuerbares, naives Etwas, das sich nebenan eingenistet hatte. Die beiden würden ihm sogar hundertzehn Euro schenken, wenn er sie darum bitten würde! Oder ihm die Füße küssen und ihm nebenbei auch noch die gesamte Wohnung streichen, wenn er nur „Muh“ oder „Mäh“ machte.
Timotius lächelte in sich hinein.
Jaja, gutgläubige Leute waren derart grotesk unbeholfen, dass es schon fast wieder lustig war.
Timotius sah auf die Standuhr die gemächlich, dem Heulen des Windes zum Trotz dahintickte.
Das Taxi würde in gut einer Stunde hier sein.
Da stand er nun, zwischen monotonem Ticken der Uhr und aufbauschendem Brausen von draußen und starrte ins Leere. Sein Kopf schien auf Ruhemodus eingestellt worden zu sein, Ruhe die er dringend brauchte, nach all den vielen Stunden des Organisierens und Arbeitens.
Timotius Haupt zuckte unweigerlich, als ob er einen Hilferuf nach Benutzung seiner selbst ausrufen würde.
Hinter der Glasscheibe sah der wirbelnde Schmutz aus, wie eine fahle Schlangenhaut, die sich elegant durch das Tal wand. Es hatte wohl oder übel etwas Faszinierendes. Etwas Ungreifbares. Etwas Neuartiges.
Timotius nickte verloren. Oh, so schön, so schön. So wild.
      Der Moment erschien Timotius wie ein sensibles Blatt Pergament. Fragil und aufwendig hergestellt.
Das abermalige Läuten des Telefons glich daher einem windscharfes Messer, das erbarmungslos das Pergament mittendurch zerschnitt.   
Timozius fluchte laut: „Herrgott noch mal! Himmelarschundzwirn, blöde Bastarde, blöde! Hola?“, schnarrte er ins Telefon. 
Auf der anderen Seite der Leitung war nur ein leises Rauschen, das zusammen mit dem Tosen des Sturmes, dem Krachen und Knacksen der Blätter, dem Gebell eines verirrten Hundes, das Donnern der schwarzen Wolken und dem Atmen von Timotius eine gespenstische Musik erschuf.
Hola?“, sagte er noch mal mit seinem durch und durch schwedischen Akzent. Fremdsprachen waren nie seine Stärke gewesen, genau so wenig wie Kochen oder Backen.
Das Rauschen am Telefon wurde durch den Besetztklingelton ersetzt. Offenbar hatte der- oder diejenige aufgelegt.
Das Gruselorchester des Windes draußen hatte nun den Höhepunkt des Konzertes erreicht.
Regen donnerte wie Granatapfelkerne gegen die Scheiben, die unter diesem Beschuss zu schreien schienen. Die Nackenhaare von Timotius wogen im Rhythmus des Windgeheules.
Das Licht flackerte und Timotius Augen huschten, wie bei einem Tennismatch hin und her. Angst hatte er keine, im Gegenteil, er wartete nur auf das abermalige Klingeln des Telefons um dann ausrasten zu können. Warum rief jemand an, der dann nicht mit ihm sprechen wollte? Selbst wenn sich dieser jemand verwählt hätte, dann hätte er sich verdammt noch mal entschuldigen können, oder? Diese elendigen Spanier!
Er wagte es kaum zu atmen, denn er fürchtete er könne dann das Läuten überhören. Mit seiner belegten Zunge leckte er sich über den trockenen Mund, was diesem ein schleimiges Aussehen verlieh.
Wo bist du, hä? Wann rufst du wieder an und käsiger Spinner? Traust dich wohl nicht?
Das Flackern der Lampen wurde immer nervöser und die Standuhr schien schneller zu ticken, als wolle sie wegrennen. Die Adern auf seiner Hand pulsiert deutlich und die Augenbrauen zuckten.
Ruf an! Ruf an!, dachte er herausfordernd, die Augen huschend.
Das Pochen seines Herzens glich einem Schnellbahnexpress der mit 360 über die Gleise glühte, bis die Räder schmolzen.
Ruf a-
Die Haustüre klingelnde
„Aha!!!“, brüllte Timotius triumphierend, riss das Telefon hoch, presste es an sein heißes, rotes Ohr und schrie aus Leibeskräften in die Sprechmuschel: „Du Wichser! Noch nie was von ’Tschuldigung, verwählt gehört? Hä?!“
Komischerweise realisierte er erst während er sprach, dass sein gegenüber wohl kein Schwedisch verstand, also sagte er setzte er bloß nach: „Pajero – tu!
Timotius knallte den Hörer auf die Gabel, ließ sich aufs Sofa plumpsen und rieb sich angewidert die Stirn.
„Elendige Spanier!“, hauchte er, als wären es seine letzten Worte auf dieser Welt.
Das Prasseln am Fenster wurde leiser.
Dann läutete abermals die Tür.
Timotius schreckte hoch und wurde rot.
Er sah das regungslose Telefon an. Die Türe, verdammt und dich du!
Er schoss hoch, sodass ihm schwarz vor den Augen wurde, was er stöhnend und bückend bekräftigte. „Ya voy!“ knirschte er verkrampft, mehr zu sich, als zur Tür, die knapp vier Schritte von ihm entfernt war und an die nun jemand mit dem Türklopfer pochte.
Halb gebückt humpelte er zur Türe. Es waren doch mehr, als vier Schritte.
Zu ihren schlechten Manieren, kommt auch noch deren Unpünktlichkeit zur Geltung! „Elendiges Volk!“ quetschte Timotius aus seinem Mund, als wäre es Erbrochenes. „Scheiß Taxifahrer!“
Timotius riss die Türe schwungvoll auf und einem Rudel Schneewölfe gleich wehte der Wind in sein zitronengelbes Appartement und schien alles zu besudeln.
Media hora!“, brüllte er der Dunkelheit entgegen und war schon im Begriff die Türe wieder zu zuwerfen, als eine schüchterne Frauenstimme, dies verhinderte: „Ähm, Herr Dahlberg?“
Timotius heilt inne.
Zum ersten Mal sah er genauer in die Dunkelheit.
„Mrs…. Mrs. Richardson?“
„Schuldig.“, meinte diese und lächelte verkrampft, als sie ihm ihre Hand zum Gruß reichte. Fassungslos schüttelte sie Timotius. Ihm fiel auf, dass ihre Finger recht verschrumpelt wirkten, so als ob sie zu lange gebadet hätte.
Timotius hatte Mrs. Richardson noch nie bei ihm anläuten gesehen, außer wenn er sie kommen ließ um irgendetwas bei ihm zu tun. Sie trug eine grässliche, grob gehäkelte, rosa Strickjacke, die offenbar nicht ausreichte um die Sintflut an monatelang von der Natur zurückgehaltenen Regen von der restlichen Kleidung abzublocken.
Die gelblich wirkenden Haare, die an den Ansätzen gespensterhaft weiß waren hingen in Zotteln über die für ihr Alter makellose Stirn.  Kein Leberfleck, keine Narbe, keine Sommersprossen, nur glatte, plastikhafte Haut, die unfähig schien sich in Falten verwandeln zu können. Die Jeans war befleckt, was deutlich an den tiefdunklen Stellen erkennbar war.
Was tat sie hier um diese Uhrzeit?
Zum ersten Mal an diesem Abend wünschte sich Timotius, der Taxifahrer wäre schon hier um ihn von dieser schaurig orientierungslosanmutenden Nachbarin weg zu bringen.
„Mrs. Richardson?“, fragte er noch einmal, womöglich um dadurch vielleicht zu erreichen, dass jemand hinter dem nächst besten Akazienbusch hervorsprang und „April, April!“ rief.
Was tat sie hier um diese Uhrzeit?
Mrs. Richardson sah ihn von untenherab an.   
Dann: „Tee, Herr Dahlberg?“
„Ahm…“, dieser Dame ging es offensichtlich nicht gut. Wieso wollte sie mit ihm Tee trinken, wieso hatte sie ihn dafür nicht angerufen, statt im Regen vor seiner Türe zu warten?
„Ahm, Mrs. Richardson, mein Flug er geht in-“ – „Neinneinneinneinnein!“, winkte sie schnell ab, „Flieger fliegen sowieso, ich bitte Sie Herr Dahlberg mit mir Tee zu trinken. Ich habe Earl Gray aus der Teeboutique da unten aus der Calle Santa Ana. Sie mögen doch Tee? Also ich liebe Tee! Tee, ich könnte nichts anderes trinken außer Tee! Es gibt nichts Besseres als Tee, außer Tee vielleicht!“ An dieser Stelle gluckste sie verrückt und Timotius dachte unweigerlich, sie hätte diesen Text auswendig gelernt.
Mit einem größeren rechten und einem kleineren linken Auge sah sie ihn schief an. Ihr Grinsen irritierte Timotius. 
Timotius wog die Situation ab.
Erstens konnte er niemand hier draußen im Regen stehen lassen, zweitens wirkte Mrs. Richardson labil und unzurechnungsfähig, drittens hatte er in der Tat noch ein wenig Zeit, bis sein Taxi kam.
Andererseits wollte er nicht mit eben dieser labil und unzurechnungsfähigen Nachbarin in deren oder seine Wohnung gehen.
„Tee?“, fragte diese noch einmal.
Timotius sah sie an. Ihre Augen wirkten bittend und ihre Hände spielten nervös an einer Goldkette, die in ihrem Ausschnitt hing.
Timotius zögerte und der Regen wurde abermals stärker.
Bitte.“, flüsterte Mrs. Richardson nun und schluckte heftig.
Ungern kam dann dennoch ein: „Einen Moment noch!“ und unfassbar warum er das nun gesagt hatte, war Timotius schnell beim Kleiderschrank holte Mantel, Schal und feste Schuhe.

 

Vier Monate hatte es nun schon nicht mehr geregnet. Wasser war knapp und Erholressorts wie dieses hier brauchten Unmengen an Wasser für die ausländischen Gäste, den Golfrasen und die Swimmingpools. Sogar während es nun schüttete, wie aus überdimensionalen Blecheimern, liefen die Sprenkelanlagen auf Hochbetrieb.  
Mrs. Richardson takelte vor Timotius Richtung ihres Appartements.
Es durften nur um die zehn Meter von seiner Tür zu der von ihr und ihres Mannes gewesen sein und dennoch schien es wie ein zehn Kilometer Fußmarsch auf dem zwischen den beiden Totenstille herrschte.
        Obwohl derselbe Architekt die beiden Appartements geplant hatte und obwohl beide äußerlich ident waren, waren dennoch beide Eingangstüren unterschiedlich. Timotius Tür war weiß und schlicht, die Tür der Engländerin Mrs. Richards war massiv, dunkel und mit grässlichen Schnitzereien verziert. 
„Was macht Ihr Mann gerade, Mrs. Richardson? Ist er auswärts?“
Lediglich das Klimpern des Schlüsselbundes kam als Antwort.
Die Tür ging auf und Timotius fand all das Darauf folgende sonderbar. Zunächst einmal war der Grundriss dieser Wohnung derselbe wie in seiner. Alle Wände waren gleich, ebenso die Türen und Fenster und dennoch war alles anders ausgemalt und eingerichtet worden, als bei ihm. Es schien Timotius als sei er in seinem eigenen Appartement ein Einbrecher, oder als ob listige Heinzelmännchen über seine Abwesenheit hinweg alles neu arrangiert und eingerichtet hätten.
„So.“, meinte Mrs. Richardson und legte die grässliche Strickjacke über einen grässlichen Holzsessel und ging über den grässlichen Fußboden in die winzige Küche, in die gerade einmal eine halbe Person hineingepasst hätte. Alles war vollgeräumt mit Kräutern und es roch verdächtig nach Knoblauch.
„Earl Gray für Sie, Dahlberg?“
„Jaja.“
„Mit Milch?“
„Nein mit Zitrone und ein wenig Zucker?“
 Ein Grunzen des Verstehens kam als Antwort.
„Machen Sie es sich doch im Wohnzimmer bequem, Dahlberg!“, folgte es über das Blubbern des heißen Wassers hinweg.
Timotius nickte und ging wie selbstverständlich ins Wohnzimmer, das genau dort war, wie bei ihm auch.
Sein erster Gedanke war: Wow, dieses Zimmer ist nicht so grässlich, wie das andere!
Tiefrote, unruhig gemalte Wände, Drahtskulpturen nackter Frauen, weiße Sofas, die eine Art Kontrapunkt zu dem Rot der Wände setzten, gelbe Lampenschirme, ein großzügiger Fernseher, ein kleiner, mittlelhoher Glastisch mit etlichen Zeitschriften, ein Paar Füße, ein Bild Venedigs, ein-
Timotius blinzelte verwirrt mit den Augen.
Irrte er sich?
Nein. Neben dem Glastisch sah er deutlich zwei schwarze Schlüpfer, die an einem Paar Füße hingen, welche an Beinen befestigt waren, welche zur Hüfte und zum Bauch, zu den Schultern, zum Hals und schließlich- oh mein Gott, zu dem unschön verrenkt daliegenden Kopf von Mr. Richardson führten!
Das Blubbern des Wassers und Mrs. Richardsons Summen eines Kinderliedes draußen in der Küche ließen Timotius einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Wäre Mr. Richardsons Kopf nicht derart verrenkt und wäre über seiner Schläfe keine Platzwunde gewesen hätte Timotius geschworen er würde schlafen, wie ein Baby.
Das Blut war heller, als das von Timotius, welches dunkel und abgelaufen wirkte.
Das silberne Haar vermischt mit diesem hellen Rot wäre ein Kunstwerk an sich gewesen und wäre Timotius nicht derart gebannt geschockt gewesen, er wäre fasziniert von dieser Arbeit gewesen. Dieses Unwirkliche an dieser Situation hatte vermutlich dahin geführt, dass Timotius dachte es sei ein Kunstwerk. Ein offensichtlich toter Mann in Schlafanzug, mit schwarzen Pantoffeln, silbernen Haar mit roten Farbakzenten erschien neben einer vollbusig, wippenden Frau aus Draht und Stahl an einem verregnet, stürmischen Abend allemal wie ein Bildnis.
Genial!
Plötzlich zuckte Timotius Kopf schon zum zweiten Mal an diesem Abend und diesmal war es ein flehenderes, ruckartigeres Zucken, als das vorige.
Bei Gott, Timotius Dahlberg! Der Mann ist tot! Die Frau weiß das wahrscheinlich gar nicht! Womöglich sind die Mörder noch hier! Vielleicht hinter diesem cremefarbenen Vorhang dort?
Es blitzte draußen und der Vorhang erhellte sich just in diesem Moment.
Doch würde sich ein Triebtäter dahinter verstecken, sein Schatten hätte ihn spätestens jetzt verraten.
Timotius sah sich im Wohnzimmer nach anderen geeigneten Verstecken um, bis ihm ein gar grausiger Gedanke kam: Mrs. Richardson.
Sie.
Aber… wenn es sie… dann hätte sie doch… nie im Leben hätte sie ihn dann eingeladen, außer… außer sie wollte ihn… sie wollte… wollte… ihn? Aber warum? Und warum ihren Mann?
Timotius wirbelte herum als Mrs. Richardson mit einem Teetablett im Arm ins Wohnzimmer schritt. Der Raum ließ sie jünger wirken. Auch sie sah wie ein Kunstwerk aus. Ob Timotius wohl auch wie eins aussah?  Zum dritten Mal zuckte sein Kopf und riss ihn aus diesen nichtigen Gedanken.
Sie schien die Leiche ihres geliebten Mannes gar nicht zu bemerken.
„Zitrone sagten Sie?“
Seine Kehle war heißer.
„Sagten Sie?“, bohrte Mrs. Richardson nach.
Seine Kehle rebellierte, als wolle sie ihm verbieten sich zu verständigen.
Daher nickte er einfach.
Draußen heulte der Wind. Bitte, bitte möge das Flugzeug heute noch mit mir starten und möge dieser Taxifahrer doch endlich hier sein, auf niemanden konnte er mehr zählen! Wieso kam er nicht? Elendes Land!
Mrs. Richardson setzte sich grazil auf den Canappé am kleinen Glastischchen, so dass ihr toter Mann gegenüber von ihr lag.
Sein Blut befleckte nun den Boden.
„Setzen Sie sich, Dahlberg!“, meinte sie, als sie die Zitrone in eine der Tassen presste.
„I-ich mag keine Zitrone!“, stotterte Timotius schnell.
Womöglich war sein Becher vergiftet!
„Och.“, meinte Mrs. Richardson, als sei es eine Verschwendung gewesen die gute, sonnengereifte Zitrone zu verschwenden.
„Gut, dann nimm ich den mit der Zitrone eben…“, sagte sie und reichte ihm die andere Tasse.
Timotius zögerte.
Aber was wenn sie wusste, dass ich dachte, dass mein Tee vergiftet sei und sie in Wahrheit den anderen vergiftet hatte, weil sie dachte, ich würde denken, dass meiner vergiftet war und in Wirklichkeit war ihrer vergiftet, den ich nun trinken werde und der mich schlussendlich doch noch vergiften würde.
Aber diesen Tee abermals ablehnen konnte Timotius nicht, das erschien ihm zu blöd.  
Augen zu und durch dachte er und kippte das Gesöff auf einmal hinunter.
„Hatten Sie heute noch nichts zu essen, Dahlberg?“
Timotius zuckte mit den Schultern.
Irgendwie musste er sie auf ihren toten Ehemann aufmerksam machen.
„Ahm… Ihr Mann, ist er… ist er… auswärts?“, fragte er noch einmal und kam sich bescheuert vor nach jemandem zu fragen, der gerade neben ihm lag.
„Ach Mortimer, der ist dauernd irgendwo… wahrscheinlich ist er im Casino und amüsiert sich gerade ganz prächtig! Spielen Sie?“
„Nein. Die Chance zu verlieren ist viel zu groß.“
„Weise, weise. Am Ende verleirt man alles“
„Außer das Leben!“, brach es schnell aus Timotius heraus.
„Selbstredend. Sie scheinen noch nie in einem Casino gewesen zu sein, Dahlberg?“
„War ich auch nicht. Kein Geld. Es ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu vie-“, er biss sich auf die Zunge. Sag dieses Wort nicht mehr wieder!
„Jaja.“, meinte Mrs. Richardson selig. „Aber an Armut muss man ja heute noch nicht gleich sterben.“
„Muss man nicht. Nein, muss man nicht!“, lachte Timotius nervös und spielte unruhig mit seinen Fingern.
„Mein Mann, Mortimer, er hat immer zu mir gesagt Alice, selbst wenn wir all das nicht hätten, wären wir zusammen, wahre Liebe nicht war?“, meinte sie und nippte an ihrem Tee.
Mit all das meinte sie wohl deren Reichtum, dachte Timotius.
„Wir lieben uns sehr, mein Mann und ich, seit achtundvierzig Jahren, das ist eine lange Zeit, Dahlberg, finden Sie nicht?“
„Sehr lang.“, nuschelte Timotius und mühte sich nicht Mr. Mortimer Richardson anzusehen.
Stattdessen sah er auf die Kerzenhalter, die auf dem Glastisch standen.
Alle waren aus Messing und schienen alt und verstaubt. Angelaufen waren sie auch da und dort. Außer der ganz rechten. Er funkelte und glänzte, als ob man ihn drei Tage lang durch gewaschen hätte.
„Wollen Sie einen Frühjahrsputz machen, Mrs. Richardson?“, fragte er, „Und alten Krempel und so rauswerfen…“ (an dieser Stelle hätte er sich abermals ohrfeigen können), „…ich meine natürlich, den alten Krempel auf Hochglanz bringen.“
„Warum?“, fragte sie unschlüssig.
„Na Ihr Kerzenhalter! Der glänzt so schön!“
Mrs. Richardsons Augen wurden groß und ihre Lippe bebte.
„Ich musste ich… ich habe, wissen Sie, ich… ja, gewaschen habe ich ihn. Kurz bevor ich zu Ihnen ging habe ich ihn händisch gewaschen, weil… ich habe Sie ja angerufen, habe aber dann aufgelegt, ich äh…“
Stille.
Grauenvolle Stille.
Grauen-, grauen-, grauenvolle Stille.
Die stillste Stille seit langem.
So still, dass die Ohren wehtaten, weil das Trommelfell vergeblich versuchte irgendwelche Geräusche einzufangen.
„Warum haben Sie ihn gewaschen, Mrs. Richardson?“
Sie atmete schneller.
„Weil… weil… ich liebe meinen Mann.“
„Sie lieben Ihren Mann und deshalb putzen Sie wie verrückt einen Kerzenhalter?“
„Wie verrückt geputzt habe ich ihn nicht, was fällt Ihnen ein, Dahlberg!“
„Sie leiben Ihren Mann?!“, fragte Timotius nun verdutzt und schon etwas lauter.
Er wusste, er konnte dieser Höllenangst nur entgegentreten, wenn er sie anschrie.
Mrs. Richardson war ein komplettes Nervenbündel, unsicher und naiv, wie er es von ihr gewohnt war.
Er musste sie darzubringen es auszusprechen, was noch nicht ausgesprochen worden war!
„Lieben Sie Ihren Mann, Alice?“
Tränen waren in ihren Augen.
„Lieben Sie ihn?!“
Tränen waren auf ihrer Wange.
„Lieben Sie ihn, verdammt?!“
Tränen tropften von ihrem Kinn.
„Reden Sie!“
Sie redete nicht, sondern schluchzte nur und langte nach ihrem Tee.
Timotius schlug ihr die Tasse aus der Hand.
„Sie haben ihn umgebracht mit Ihrem Kerzenhalter, den sie dann wie verrückt geputzt haben um Blut und Fingerabdrücke zu beseitigen!“
Mrs. Richardson schrie ihn an: „Warum haben Sie meinen Tee auf den Boden geschmissen, Sie Wahnsinniger! Ich sollte die Polizei rufen!“
„Ja, das sollten Sie!“
„Ja, das sollte ich!“
Beide sahen sich zornig und entsetzt zugleich an.
Dann wandten beide gleichzeitig ihre Blicke zum Telefon.
Wie auf Startschuss sprinteten beide zum Hörapparat, kämpfend, beißend, kratzend, schreiend.
Mr. Richardson lag ruhig am Boden.
Der Glückliche!
„Geben Sie her, Dahlberg! Los!“
„Nie im Leben, Sie Psychopatin!“
Irgendwie schafften es beide den Polizeinotruf zu wählen, während sie um das Telefon kämpften.
Ein missmutigklingender Beamter hob auf der anderen Seite der Leitung ab.
„Hilfe! Ein Irrer ist bei mir eingebrochen! Er heißt Dahlberg! Timotius Dahlberg!“
„Kommen Sie, eine Irre hat ihren Mann umgebracht! Sie heißt Richardson! Alice Richardson!“
„Hilfe!“
„Kommen Sie!“
„Lassen Sie mich los, sie Perverser!“
„Beißen Sie nicht, geben Sie her!“
“Aaaaaahrg!“
 Dann hörte man den Piepston.
Der Polizist hatte einfach aufgelegt!
Elendiges Land!
Stille.
Dan unter verhaltenem Schniefen und Schluchzen: „Was soll ich denn nun bloß tun, Dahlberg? Ich… es war ein Unfall…“
„Ein Unfall?! Jemandem mit einem Messinggegenstand zu verdreschen?!“
„Es ist egal wie und warum es passiert ist, das wichtigere ist was ich nun tun soll, Dahlberg?“
Timotius überlegte.
Was auch passiert sein musste zwischen den höflichen, naiven, gutherzigen Richardsons, angehen tat es ich nichts.
Mrs. Richardson war immer hilfsbereit zu ihm gewesen, hatte ihm Kekse gebacken, Essen gekocht, geputzt und gekehrt.
Mr. Richardson hatte für ihn eingekauft, war mit ihm Golfspielen gegangen und hatte ihm oftmals gute Bücher geliehen.
Irgendwie tat ihm seine Nachbarin auf unerklärliche weise leid.  
Sie schien derart… derart verzweifelt.
Sie zählte unweigerlich auf ihn und das wusste er.
„Wissen Sie was?“, fragte er freundlich, „Mein Taxi wird in ein bis zwei Minuten hier sein. Ich werde einsteigen, zum Internationalen Flughafen fahren, dort den Business Class Check-in – Schalter nehmen und dann mit Flug IB1452 nach Kopenhagen fliegen.“
Mrs. Richardson sah ihn wiederum unschlüssig an.
„Aber was soll das mir-“, wollte sie fragen, doch Timotius legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, machte „Pscht!“ und zwinkerte mit dem Auge.
Mrs. Richardson sah ihn an. Entgeistert. Verwirrt. Hoffnungslos.
Pscht?“, machte sie zögernd, als ob es sich hier um einen Scherz handelte.
Pscht! Niemand muss jemals irgendetwas erfahren.“, lächelte Timotius, vermutlich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren.
Er fühlte die kalten, nassen Lorbeersträucher des Smålandes an seine zerkratzten, nackten, laufenden Beine schlagen, als er durch den Wald rann. Er rann, weil er gerade Anna-Lisa nackt in Svensons Scheune gesehen hatte. Nackt und unsagbar fett. Niemand würde es jemals erfahren, dass er sie gesehen hatte, außer Anton, dem er es gleich darauf sagen würde.  Der achtjährige Timotius von damals lachte.
„Niemand?“, fragte Mrs. Richardson.
Der schwedische Junge sprang über Wurzeln und gluckste dabei.
Wo waren die goldenen Tage hin? 
„Niemand.“
Ein Geheimnis ist nur soviel wert wie der, der es uns anvertraut.
Mrs. Alice Richardson nickte dankbar.
Ein Geheimnis ist nur soviel wert wie der, der es zu behalten vermag.
Timotius Dahlberg grinste.
Ein Geheimnis kann uns das ganze Leben begleiten, egal wie lange es auch dauern mag.
Beide sahen sich an.
Draußen hupte ein Auto.
Timotius zuckte naiv mit den Schultern, stand auf, öffnete die Tür, das Rudel sibirischer Schneewölfe umschmeichelte seine Wangen und der Wind leckte sein Ohr.
Ya voy, pajero!“, schrie er dem Taxifahrer freudig entgegen.
Timotius geilte es auf der einzige zu sein.
Der Geruch des nassen Grases unter den Füßen des schwedischen Jungens von damals mischte sich in die kälter werdende spanische Abendluft.
Timotius lachte und ging dem Taxi entgegen.
Es geilte ihn auf der einzige zu sein.
Und diesmal war er wirklich der einzige.
Nun ja, fast.

 

Jakob Lundwall 7I     SEI   2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

18.1.09 12:56


Alltagstaugliches Familienglück

Alltagstaugliches Familienglück Es war einer dieser Tage, an denen man besser daheim bleibt, einer dieser Tage an denen einen die Sonne auslacht, wenn man sich einmal hinauswagt, um sich zur Abkühlung schnell ein Eis zu holen, und einem so viel Hitze auf den Körper brennt, dass man sich nicht nur in 4 Schichten zu schälen beginnt, sondern dass man die vielen kleinen Bächlein Schweiß, die den Damen zwischen den Brüsten und den Herren zwischen den Beinen zu jucken beginnen, gar nicht mehr zählen kann. Der Horizont flackerte und die einzigen Tiere, die man noch zu Gesicht bekam, waren Ameisen, die trockene Blätter herumtrugen, und die lästigen, halbtoten Straßenköter, die sich hechelnd von Schatten zu Schatten schleppten um vielleicht doch noch irgendwann einen sich schälenden, verschwitzten Touristen zu finden, der in einem Anfall von Tierliebe ein Schlückchen Wasser auf den Boden schüttet, damit sie es begierig von der staubigen Straße lecken können. Die Straßenkatzen sind da schon viel klüger, die verbarrikadieren sich den ganzen heißen Tag in kühlen Kellern und kommen erst am Abend zu den Gasthäusern, wo dann Hochbetrieb herrscht, da die von „Kultur“ und „Eingeborenenstudium“ völlig ausgepowerten Touris ja auch mal wieder Energie tanken müssen. Nun gut, es war also einer dieser Tage, an dem die High-Tech-Klimaanlagen-Fabriken mit den Ferienorten und Campingplätzen wieder mal ein Bombengeschäft machten, aber da war noch etwas, es war der Tag, an dem Christas Schildkröte überfahren worden war und sie nur deshalb dahinterkam, weil sie deren linkes Hinterbeinchen mit dem kleinen, silbernen Eisenring dran auf dem Kotflügel von dem Auto ihrer Mutter wiederfand. Das war ja wieder mal typisch Mum... kaum fahren wir zwei auf Kleinfamilien-Urlaub und beginnen zu streiten, wird sie wieder pubertär und überfährt meine Schildkröte! Christa schritt aufgeregt in der Lobby auf und ab, stolperte dabei zweimal über den dicken Perserteppich, den der Page anschließend mit einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht und ohne auch nur ein Wort zu verlieren sorgfältig wieder glattstrich, und schimpfte vor sich hin. Mehrmals bat ihr der Rezeptionist ein Glas Wasser an, mehrmals schrie sie die ankommenden und durch ihr Verhalten wild tuschelnden, deutschen Feriengäste an, sie sollen doch endlich mal lernen, was wichtig ist im Leben und sich nicht einfach hinter einer Fassade von pompösen Hotels mit dicken Pools und ihren Schlechtredereien über Leuten, die sie nicht einmal kennen, verstecken, woraufhin die Gäste eingeschüchtert in den Fahrstühlen verschwanden. Nach einer Dreiviertelstunde schlug der Rezeptionist ihr vor, sie möge doch in den Gymnastikraum gehen, dort könne sie in Ruhe ihr Temperament ausleben. Christa war empört, dass er so rücksichtslos gegenüber ihren Gefühlen war und sie einfach so abschieben wollte. Woraufhin er sich 5 Minuten lang entschuldigte und ihr versicherte, dass dies niemals seine Absicht gewesen war, dass er es bedauerte, falls sie es so aufgefasst habe und dass er doch nur um ihr Wohlergehen besorgt sei. Nachdem sich die Gute jedoch auch nach dieser Zeit nicht beruhigte, gab er auf und bat ihr diesmal anstatt eines neuen Glas Wassers an mit ihm ein Beruhigungsschnäpschen zu trinken, was sie dann auch tatsächlich annahm. In wenigen Minuten kippte jeder 3 Gläschen, woraufhin der Rezeptionist einen Kollegen übernehmen ließ und sich mit Christa, die mittlerweile nicht nur einen leichten Rausch, sondern auch einen dicken Kloß im Hals hatte, in den Personalaufenthaltsraum zurückzog. Er setzte sie auf ein Sofa, holte noch ein kleines Tischchen und fragte sie, ob sie noch irgend etwas haben wolle. Als ihre Antwort darauf „noch ein kleines bisschen Schnaps“ war wurde er stutzig und fragte, ob sie denn wirklich schon über 18 sei. Sie lächelte matt und fragte, ob sie denn gerade wirklich so klein und schutzlos aussähe. Doch als er nichts darauf sagte, holte sie ihren Ausweis aus der Tasche und er machte sich auf den Weg in die Bar. Als er zurückkam mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern saß sie unverändert auf dem Sofa und hob erst den Kopf, als er sich neben sie gesetzt hatte und die Gläschen befüllt hatte. Sie tranken schweigend, aber nach dem 5. Gläschen konnte Christa einfach nicht mehr, der Kloß im Hals war einfach zu groß geworden und sie begann zu schluchzen. Der mittlerweile leicht überforderte Rezeptionist versuchte zaghaft sie mit kleinen Klopfern auf die Schulter zu beruhigen, doch er erreichte damit nur, daß sie sich vor Seelenschmerz zu schütteln begann und ihm auf den Anzug rotzte. Er streichelte ihre Schulter, und das half. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, fragte sie nach einer Zigarette, welche sie anschließend zwischen die Lippen steckte und ein Feuerzeug suchte. Schweigend räumte sie dabei ihre kleine Handtasche aus. Ihre Geldtasche, das Handy, ein kleines Tigelchen mit Lippenpflege, ein Taschenspiegel, die Autoschlüssel ihrer Mutter,... verächtlich warf sie sie auf den Tisch: „Wissen Sie was?!“ nuschelte sie immer noch mit der Zigarette zwischen den Lippen: „Meine Mutter hat heute meine Schildkröte überfahren, ist denn das zu fassen?!“. Endlich wurde sie fündig. Sie ließ das Feuerzeug aufflammen, nahm den ersten Zug und inhalierte geräuschvoll. Nachdem auch der letzte Rauchkringel ihren Lippen entronnen war, fuhr sie fort: „Weißt du, meine Mutter und ich wir hatten ja immer schon mehr Streitigkeiten, als uns gutgetan hat, aber, ich meine,... so was macht man doch nicht im Urlaub, oder?! Also okay, wir hatten auch im Urlaub schon die eine oder andere Streitigkeit gehabt, aber, normalerweise habe ich damit angefangen. Wissen Sie, was ich meine,... äh, wie war Ihr Name doch gleich?!“ „Stefano“ „Ach ja richtig, Stefano, wirklich ein schöner Name“ sie kicherte während Stefano ungeduldig hin und herrutschte. „Wissen Sie, Stefano,“ sie kicherte wieder, „also, es geht mir dabei gar nicht um das Zerstören einer Schildkröte, ich hab ja auch schon mal ihre Tomaten angezündet, was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich es gut finde, dass meine Mutter ein hilfloses Ding überfahren hat um mich zu ärgern, was sie wiederum sowieso nicht geschafft hat, nein Stefano, Sie haben mich noch nie wirklich wütend erlebt, das vorhin war eher nur eine kleines Herumgezicke von mir, nein, es geht darum, daß sie es völlig grundlos getan hat. Wenn ich ihr das gesamte Duschgel in die Hausschuhe gekippt hätte oder sie mitten in der Nacht mit einem Signalhorn geweckt hätte so wie letztes Jahr, okay, aber so?! Ich meine, das ist der erste Urlaub, seit ich 8 bin, dass wir uns nicht in den Haaren liegen und dann kommt so was aus heiterem Himmel, verstehen Sie?!“ Sie nahm einen weiteren Zug aus ihrer Zigarette. „Ich meine hat sie nicht mehr alle?! Die Schildkröte war ein Geschenk von einer meiner besten Freundinnen, die jetzt für ein halbes Jahr in Amerika ist und die danach auch gleich wieder mit ihrem Vater eine Weltreise macht. Sie hat eine Woche an dieser Schildkröte gearbeitet und alles was von der noch übriggeblieben ist, ist unser Freundschaftsring, den sie dem Tierchen ans Bein gemacht hat.“ Noch ein Zug. „Jetzt schauen Sie doch nicht so verzweifelt Stefano, was ist denn los mit Ihnen?!“ „Ach, wissen Sie, ich habe noch nie eine solch merkwürdig klingende Geschichte gehört, es löst in mir eine Mischung aus Amüsement und Verwirrtheit aus.“ Er rückte seine weiße Fliege zurecht und nahm noch einen Schluck Whisky, wobei er auf den Tisch tropfte. Er nahm ein Seidentaschentuch aus seinem Anzug und begann emsig den Tisch zu putzen. Christa nahm noch einen Zug: „Ach Stefano, das muß Sie doch nicht verwirren, gut zugegeben, das, was ich und meine Mutter teilweise miteinander anstellen, ist nicht für jeden alltagstauglich, aber glauben sie mir, diese Frau hat es teilweise nicht anders verdient, und ich wahrscheinlich auch nicht.“ „Nein, ich meine damit den etwas makaberen Teil ihrer Geschichte, das Überfahren eines, wie sie sagten, ’hilflosen Dings’“ Christa kicherte erneut. „Ach Stefano, Sie sind ja ein Scherzkeks, das war doch kein wirkliches Tier, es war eine Tonschildkröte. Ich sagte ja, eine Freundin hat sie für mich gemacht“ Stefano ließ ebenfalls ein kleines, nervöses Kichern hören und sackte ein wenig erleichtert in sich zusammen. Christa verstummte. „Nein, ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“ Christa nahm den letzten Zug und drückte die Zigarette in einem überfüllten Aschenbecher aus. „Vielleicht mag Sie es mit Ihnen Meinungsverschiedenheiten auszureden“ Christa stutze: „Wie meinen Sie das, Stefano?!“ „Nun ja, als ich noch ein kleiner Junge war musste ich am Wochenende immer zu meiner Großmutter, und nun ja, ich fühlte mich nicht übermäßig wohl bei ihr.“ „Sie haben es bei ihrer Großmutter gehasst, oder?!“ „So könnte man es unter Umständen auch ausdrücken, ja. Nun, als meine Großmutter starb, war ich zuerst froh dort nicht mehr hinzumüssen, doch nach und nach merkte ich, daß ich sie vermisste, ich vermisste den Kohlgeruch in der Küche und den von gebrauchter Wäsche und Waschmittel in ihrem Maschinenraum, ich vermisste das Ticken der alten Heizung genauso wie ihre ständigen Meckerein.“ Er schlug sich auf den Mund, als hätte er etwas Verbotenes gesagt. „Und worauf wollen Sie jetzt hinaus, Stefano?“ „Es tut mir leid, ich war nur gerade ein wenig schockiert darüber, wie ich über meine Großmutter gesprochen habe“ „Ach Stefano, ich werde es schon niemandem verraten, daß Sie Ihre verstorbene Oma nicht ausstehen konnten, aber was wollten Sie mir sagen?“ Stefano trank vorher noch einen Schluck Whisky auf den Schreck, dann fuhr er fort. „Ich wollte damit nur sagen, dass man auch negative Sachen vermissen kann wenn sie für einen selbst Gewohnheit sind, verstehen Sie, was ich meine?!“ „Oh“ Christa verstand, doch sie sagte nichts darauf. Eine Weile lang saßen die beiden schweigend nebeneinander. Dann sagte Stefano „Und,... was gedenken Sie nun zu tun, meine Teuerste?!“ „Ach ich weiß es doch auch nicht, ich würde meiner Mutter am liebsten ganz fest drücken und ihr ein ’Kick Me’ Täfelchen umhängen, oder so was in der Art, einfach nur, damits ihr besser geht. Was meinen Sie?!“ „Ich denke, das wäre eine vortreffliche Idee.“ „Na ja, das hätte ich sowieso vorgehabt, mit der Schildkrötennummer kann ich sie einfach nicht ungeschoren davon kommen lassen.“ „Wundervoll, kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?!“ „Nein, aber Sie könnten mir den Ausgang zeigen.“ „Selbstverständlich die Dame.“ Stefano geleitete sie zur Türe hinaus, doch als er sie auch noch auf ihre Suite bringen wollte, lehnte sie dankend ab. Im Fahrstuhl dachte sie an das, was Stefano gesagt hatte, und überlegte ob ihre Mutter wirklich so masochistisch und schikanensüchtig war. Sie tat ihr sogar ein bisschen leid. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl 7 Stockwerke hinauf, und als sie ihre Chipkarte in die Tür steckte und diese anschließend mit einem Summen zu öffnen war, wusste Christa immer noch nicht wirklich, wie sie damit jetzt umgehen sollte, falls dem wirklich so war, daß ihre Mutter sie so liebte, dass sie deshalb ihre Schildkröte überfuhr. Sie schlüpfte aus ihren Ballerinas und zog sich ihre Hausschuhe an und als deswegen weißliches, leicht klebriges Zeug aus den Hausschuhen herausgequollen kam, wusste sie es endlich: „Dieses Biest hat keine Gnade verdient!“ Sie schmiss die Hausschuhe, die kurz zuvor noch mit Duschgel angefüllt gewesen waren in die Badewanne und rannte barfuß und schreiend wieder zurück in die Lobby um auf ihre Mutter zu warten, der sie diesmal aber wirklich gehörig die Meinung pfeifen wird. Katharina Scheinast
12.1.09 17:43


Herbstblätter Anna hob die violette CD-Hülle auf, die sie zuvor gerade erst mit allen anderen auf den Boden fallen hatte lassen. Das Plastik war voller Fingerabdrücke und Kratzer und das selbstgebastelte Buntpapiercover hatte Knicke und einen dünnen Riss. Mit ungewöhnlich sauberer Handschrift hatte er die Lieder aufgelistet. Für seinen Little Angel, Nummer 1. Anna schmunzelte. Herzblut. Natürlich, etwas Gekauftes wäre zu lieblos gewesen für seinen Little Angel. Wie seine Augen gestrahlt hatten, als sie sein Werk ausgepackt hatte. Ein schöner Tag. Eine schöne Zeit. We’re Not Gonna Fall. Davon waren sie überzeugt. Bei genauerer Betrachtung bemerkte Anna, dass das Not leicht verwischt und das Papier dort wellig war. Er oder sie? Sie war sich nicht sicher. Aber spätestens jetzt hatte auch Little Angel eine Träne hinterlassen, mitten auf I’m Down Again. Das Lied, das aus der Reihe tanzte. Wie passend. About Hope? Nein. Nothing Remains? Wohl eher. Annas Faust zerknitterte das lila Buntpapier. About Hope. Die letzte Nummer. Ein schönes Lied. About Hope. Wunderbare Harmonien. Hoffnung? Sie warf die CD auf das Bett und kramte in ihrer Tasche nach dem Telefon. Hoffnung für den Little Angel, beschloss sie. One Last Time. Zweieinhalb Jahre lang hatte sie die Nummer auswendig gewusst. Man könnte mich um drei Uhr nachts aufwecken, ich würde sie fehlerfrei aufsagen, hatte sie immer betont. Nun brauchte sie die Telefonbuch-Funktion. Jakob, Judith, Julia, Julian. Julian. Sie nahm einen tiefen Luftzug und drückte Grün. Sie würde seine Stimme wieder hören. Schnell drückte sie Rot. Passend zum Gesicht, sie hatte nicht ausgeatmet, sondern die Luft angehalten. Sie warf das Handy gegen die Wand und starrte noch ein paar Sekunden auf die Stelle, an der es abgeprallt war und das Gehäuse sich gelöst hatte. Sie starrte immer noch darauf, als sie Handy, Gehäuse und Akku einsammelte und auf ihren Schreibtisch legte. Sie starrte, als sie sich auf ihren blauen Couchsessel setzte. Sie starrte, bis sie im Augenwinkel die Sonne im Spiegel rot werden sah und dieser das Rest-Auge animierte, sein Blickfeld zu verschieben. Anna mochte Sonnenuntergänge. Sie liebte das unendlich kitschige Farbenspiel, und beobachtete es solange, bis graue Dämmerung es verdrängt hatte. Darkness, cover me…deny everything… Nein. Sie wandte sich vom Fenster ab um ihr Mobiltelefon zusammenzubauen. Ein Spiel. Aber die Abdeckung für den Akku fehlte. Blöde Sache, so würde dieser ständig herausfallen. Die Mühe, die Abdeckung zu suchen, machte sie sich nicht. Sie sah lieber beim Fenster hinaus. In ihrem Zimmer war es dunkel geworden. Die Straßenlaterne und ihr Bild im Spiegel erhellten den Raum schwach. Aber genug, um die Unreinheiten am Fensterglas zu erkennen. Putzen. Ja, das musste es sein. Ferngesteuert holte sie Putzmittel und Tuch. Es war Abend, aber die Luft warm. Sie musste putzen. Sie wischte, schrubbte, kratze noch lange in die Nacht hinein. Sie säuberte das Fenster in der Küche, im Bad und die doppelte Balkontür im Wohnzimmer. Es musste elf oder zwölf gewesen sein, als sie den stark riechenden Fetzen beiseite legte und ihr Handy in die Hand nahm. Sie legte Julians CD ein. Er war ein nachtaktiver Mensch. About Hope. Strophe. Refrain. Strophe. Refrain. Sie drückte grün. Here’s an army of questions fighting inside my head. Diese Rufnummer ist nicht vergeben. Should I leave myself alone for a brand new start? Diese Rufnummer ist nicht vergeben. Come on, stand up and dry your eyes. Diese Rufnummer ist nicht vergeben. It’s the end of hope, not the end of your life! Sie ließ ihren Arm sinken. Wie gut, dass es Nacht war. Mit ihrer gesamten Bekleidung legte sie sich aufs Bett. Das Handy hatte sie noch immer in der Hand. Die Musik lief leise weiter. Um viertel vor sieben weckte sie ein nervtötender Piepton, wie gewöhnlich. Sie duschte, zog sich an, machte sich zwar nicht besonders hübsch, aber doch außer-Haus-fähig und trank einen schwarzen Kaffee mit Zucker, wie jeden Morgen. Um halb acht machte sie sich in ihrem blauen Golf auf den Weg Richtung Büro, wo sie bis drei nachmittags blieb. Alles Routine. Aber nachmittags nicht. Normalerweise wäre sie heimgefahren, hätte dazwischen vielleicht noch Kleinigkeiten eingekauft, sich zu Hause ausgeruht. Am Abend mit einer Freundin getroffen oder alleine geblieben. Heute wollte sie nicht. Sie fuhr in die Innenstadt. Ihr gefiel es dort, besonders im Herbst. Wenig Touristen, Gewürzduft, weiches Licht zwischen den alten Häusern. Hier und da sogar ein rotes Blatt. A Summer’s End. Sie ging durch die breite, gepflasterte Fußgängerzone und schaute in die Luft. Klares, schönes Hellblau, nur weit hinten ein paar weißgraue Wolken, die der Wind schnell wandern ließ. Auch Annas Haare wurden verblasen, zum Glück aus ihrem Gesicht. Trotzdem, den kleinen zotteligen Hund vor ihr hatte sie nicht gesehen. Sie stolperte und blieb mit dem rechten Fuß in der Leine hängen. Hund? Eher Ratte. Eine bellende Ratte. Schnell befreite Anna ihr Bein, stand auf und ging ohne ein Wort weiter. Die Ratte und die alte Dame, der sie gehörte, bellten gemeinsam über die Unhöflichkeit der jungen Menschen. Sie ging weiter, vorbei an Edelboutiquen und Filialen großer Modeketten, kleinen Cafés mit uralter Tradition und Coffeeshops, Buchläden, Musikgeschäften und einigen kleinen von Zugewanderten betriebenen Schmuckständen, die auch jetzt noch versuchten Touristen abzuzocken. Das Modelleisenbahngeschäft. Ende der Fußgängerzone Richtung Zentrum, rechte Seite, im gleichen Haus wie der Optiker. Schnell war sie gegangen. Das Schaufenster hatte sich um keine Lokomotive verändert, seit sie das letzte Mal zusammen hier gewesen waren. Der gelbe Postzug. Die süße schwarze Retro-Lok. Der hochmoderne ICE. Gemeinsame Träume von einer eigenen kleinen Welt im Wohnzimmer. Wie niedlich. Die Technik hatte sie nie verstanden, sooft man es ihr auch erklären mochte. Aber fasziniert. Take my hand and fly, we’re not gonna fall. Sie wandte sich ab. Blödes, kindisches Zeug. Reine Zeitverschwendung. Doch, wenn sie schon mal hier war, konnte sie die paar Meter zum Markt eigentlich weitergehen. Rechts oder geradeaus am Haus vorbei? Sie war sich nicht mehr sicher. Wahrscheinlich waren beide Wege möglich; sie entschied sich für rechts. Ein vager Blick zurück zum Modelleisenbahngeschäft. Ein Mensch. Groß, schlank, schwarze Lederjacke. Mach dich nicht lächerlich. Andererseits, ein Blick war doch wohl gestattet. Auch noch schulterlange hellbraune Haare. Nein, das war unmöglich. Allerdings, wie sah wohl die Vorderseite aus? Sie ging drei Schritte rückwärts. Menschenskind, mach dich nicht lächerlich. Er kann es nicht sein. Das wäre mehr als ein Zufall. Aber Anna mochte Dinge, die über Zufälle hinausgingen. Er musste bemerkt haben, dass Anna ihn musterte, denn er drehte sich ihr zu. Er war vielleicht vierzig, sein Gesicht aber etwas eingefallen und wettergegerbt. Eine grässliche Sonnenbrille. Und so schlank, wie er von hinten ausgesehen hatte, war er auch nicht. Eine seltsame Kette um und eine bunte Tätowierung am Hals. Motorradrocker in Zivil? Schade. Er zog eine Augenbraue hoch. Skeptisch oder versucht verrucht? Bevor er sie noch länger begutachten konnte, lief Anna davon. Kopfschüttelnd sah er ihr nach. Sie lief durch enge, nach Kanal stinkende Gassen, mal links, mal rechts. Wohin sie unterwegs war, wusste sie nicht genau. Hauptsache Hirngespinste töten. Surrender to nothing, run as far as you can. Ohne auch nur einem Menschen zu begegnen lief sie ein paar Minuten zwischen alten Häusern umher, davon wahrscheinlich drei Mal im Kreis, bis sie am Rande eines großen Platzes stand. Sie kannte den Platz irgendwoher. Aber woher? Er war mit großen bunten Steinen bepflastert und in der Mitte ein Brunnen. Ein paar Bäumchen am Rand…Ach, natürlich. Der Marktplatz. Lange war sie nicht mehr hier gewesen. Obwohl ein Marktplatz ohne Markt naturgemäß schwerer zu erkennen ist als ein Marktplatz mit Markt. Doch heute war Dienstag, und soweit Anna sich erinnern konnte, fand der Markt immer mittwochs und samstags statt. Sie und Julian hatten sich hier manchmal Krustenbrot gekauft, und Oliven. Schwarze für ihn, grüne für sie. Außerdem gab es hier die besten Äpfel der Gegend zu kaufen. Klein, grünrot, saftig; eigentlich hätte sie sie vermissen müssen. Sie entschloss sich, am nächsten Tag herzukommen und welche zu kaufen. Unter Leute zu kommen würde ihr sicherlich gut tun. So stand sie am nächsten Tag zur fast selben Zeit am selben Ort, der jedoch kaum mehr an sein gestriges Abbild erinnerte. Etwa 20, 25 Stände waren auf dem Platz aufgebaut, es roch nach frischem Gebäck, Fisch und Blumenkohl. Trotz sehr grauem Wetter tummelten sich viele Menschen auf engem Raum; es war laut, man hörte angeregte Gespräche über das verlorene Fußballspiel, das neueste Polit-Theater und den Preis der Avocados. Anna kaufte einen halben Laib intensiv duftendes Krustenbrot und gleich ein ganzes Kilo Äpfel. Sie wollte die Lebensmittel nicht lange mit sich herumschleppen und kämpfte sich durch einige Menschentrauben vor Würstelständen in Richtung Auto. Toll. Ein Blumenstand mit einer Gruppe von ungefähr 30 alten rundlichen Frauen davor. Ellbogenskrupel ja, Kampfskrupel nein. Und schon böse Blicke. Da war sie wieder, die nette bellende Frau von gestern mit ihrer synchron bellenden Ratte. Sie trug einen Kürbis unterm Arm. Ihre buschigen Augenbrauen blickten finster. Kürbissuppe, das war eine gute Idee. Anna lächelte sie freudig an, doch die Frau schien sie nicht zu verstehen. Sie schaute weiterhin finster. Anna hatte bestimmt seit Ewigkeiten keine Kürbissuppe mehr gegessen, entweder hatte sie zur falschen Jahreszeit Lust darauf gehabt oder es war ihr den Aufwand nicht wert gewesen. Nun war es Herbst und sie war ohnehin froh über Ablenkung. Sie würde Isabel einladen und wieder einmal einen richtigen Mädelsabend veranstalten. Also Kürbisstand ansteuern. Ein kleines Meer aus bunten Zierkürbissen erstreckte sich über einige Quadratmeter Plastikkisten. Sie könnte doch 5, 6, 7 Stück kaufen und auf einem Teller als stimmungsvolle Herbstdekoration auf das Schuhkästchen vor ihrer Wohnungstür platzieren. Nein, notwendig war das nicht. Eher überflüssig. Und mit Brot, Äpfeln und einem Kürbis hatte sie ohnehin genug zu tragen. Also nur einen Speisekürbis, einen möglichst kleinen, aber feinen. Hier war ein hübscher, knallorange. Sie nahm ihn und hob ihn auf die Verkaufstheke. „Bitte diesen hier und sonst nichts anderes“, sagte sie, wie immer den marktüblichen Aufschwatzungsversuchen vorbeugend, während sie in ihrer Handtasche nach dem Geld kramte. Wo waren in diesem Kleingeld die großen Münzen? Und wie viel kostete der Kürbis eigentlich? Der Verkäufer hatte noch kein Wort gesagt. Verärgert blickte sie zu ihm auf. Nein. Sometimes truth is stranger than fiction. Nicht nur ihm stand der Mund offen, auch sie riss ihn auf. Sie ließ ihre Geldtasche fallen und starrte doch weiter geradeaus. Er aber fasste sich beim Geräusch der auf den Pflasterstein aufschlagenden und sich verteilenden Münzen. Er bewegte sich um den Tisch herum und bückte sich um ihr Geld aufzuheben. Anna selbst stand starr. Wortlos stand er auf und drückte ihr die Geldtasche samt Inhalt in die Hand. Da waren sie, die grünbraunen Augen. „Julian? Aber wie - “ „In fünf Minuten habe ich Feierabend. Wenn du wartest, können wir reden.“ Er ging wieder zurück hinter den Tisch und bediente verwunderte Kundinnen, die hinter Anna gewartet hatten. Sie stellte sich etwas abseits zu den Zierkürbissen und sah ihm zu. Er machte seine Arbeit gut. Das Verkaufen schien ihm zu liegen; er wusste, wie er mit den Kunden reden und Schmäh führen musste, wenn nicht gerade seine alte Liebe vor ihm stand. Here’s an army of questions fighting inside my head. Wieder einmal. Und sie kämpfen, foltern, aber töten sich nicht. „Gib mir deine Sachen, ich trag sie dir und wir gehen spazieren.“ Ob er eine Freundin hatte? Den Gentleman hatte er nicht verlernt. Sie gingen zum Fluss und dort die Allee entlang. Wie früher, nur ohne Händchenhalten und verliebte Blicke. Die Wolken am Himmel wurden dichter und grauer. Wahrscheinlich würde es in den nächsten Stunden zu regnen beginnen. Gemeinsam mit den herbstbunten Bäumen und dem kühlen Wind eine besondere Stimmung, die Anna jedes Mal wieder träumen, in Erinnerungen und Luftschlössern versinken ließ. Nur heute war Träumen war noch unwirklicher als sonst. Eine einzige kleine Tür eines Luftschlosses versuchte Anna zu bauen, als sie Julian von der Seite betrachtete. Eigentlich wollte sie das gar nicht. Eigentlich. Vom Schweigen verhüllt wurde sie sowieso immer durchsichtiger. Sie setzten sich auf eine Bank. Manchmal sah es so aus, als wollte Julian etwas sagen, aber er schien es sich immer im letzten Moment anders überlegt zu haben. There's nothing left to say anymore? Doch, fand Anna. „Wie geht es dir?“, begann sie. „Ganz gut, dir?“ „Ja, mir auch.“ Sie sah einem braunen Blatt zu, das vom Baum über ihnen gefallen war und nun durch die Luft gewirbelt wurde. Es war ein schneller, ruckartiger Tanz. Nein, Kampf. Irgendwann war es schließlich besiegt und fiel auf den Kiesweg. „Und in der Liebe?“ „Alles wunderbar.“ „Das heißt, du bist in einer Beziehung?“ Sie hasste es, Menschen Antworten aus der Nase ziehen zu müssen. Aber das Interesse an eventuellen Rivalinnen war größer. „Ja.“ Nun lächelte er ein klein wenig. „Wir werden heiraten.“ „Oh. Schön.“ Schön schade. Schöner Schlamassel. Schöne Scheiße. Wie auch immer. Annas Blickfeld verschwamm. Sie sah zur Seite. Diese Frau musste umwerfend sein. Besser als der Little Angel. Ein Blatt. Ein braunes Blatt dort oben in der Luft. Reizend. Es sah etwas mickrig aus, aber flog viel eleganter als das erste. Kein Kampf, sondern Langsamer Walzer. Der Wind hatte wohl nachgelassen. „Wie lange kennt ihr euch denn?“, fragte Anna ohne ihn anzusehen. „Ein halbes Jahr“, antwortete Julian. Ein halbes Jahr gewinnt gegen zweieinhalb. Schön zu hören. Sie musste mehr als umwerfend sein. Vielleicht ein Great Angel. Was auch immer. Noch ein Blatt. Ein wunderschönes braunes Blatt. Nein, schon vorbei. „Ich weiß, das wirkt kurz“, wurde er etwas redseliger. „Aber ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ich glaube, wir sind füreinander gemacht.“ Diesen Satz kannte Anna gut. Und er könnte niemals eine andere Frau so sehr lieben. Soviel dazu. Wahrscheinlich ein Marvellous Angel. Oh, zwei Blätter. Der Wettbewerb beginnt. Auf die Blätter, fertig, los! „Das klingt vielleicht seltsam…“ Ja, das tat es. Doch. Das linke Blatt verlor an Höhe, Anstrengung! „…aber Peter ist einfach alles für mich.“ Anna ließ von den Blättern ab und schwenkte schlagartig ihren Kopf. „Hast du wirklich gerade Peter gesagt?“ „Ja. Du hast richtig gehört. Ich -“ „Ist schon in Ordnung“, sagte Anna breit lächelnd. „Ist schon in Ordnung.“ „Überrascht?“, fragte Julian, nun ebenfalls grinsend. „Ja, doch“, antwortete Anna trocken und lachte ein bisschen, als sie die Blätter auf dem Boden landen sah. „Aber ich finde das besser so.“ Ever smiled at the tragedies we hold inside, so machte Anna das oft. „Tatsächlich?“ „Ich glaube schon. So habe ich dich zwar endgültig verloren, aber -“ „ – aber du weißt, dass es nicht an dir liegt.“ „Genau.“ „Hattest du dir Sorgen gemacht?“ „Gedanken, Sorgen, wie auch immer man es nennen will. Wer ist diese Frau, ist sie schöner, klüger, netter; was macht sie besser als ich?“ „Soll das heißen, du bist jetzt beruhigt?“ „Ein bisschen.“ „Die Weiber werden sich ihre Münder über dich zerreißen.“ „Ja, was muss ich für eine miese Freundin gewesen sein, wenn mein Freund nach mir schwul wird? „Lass sie reden. Sind doch nur Weiber. Ich sagte doch, dir könnte nie eine andere Frau das Wasser reichen.“ „Ich glaubte nicht mehr daran.“ „Und jetzt?“ „Wenn du es sagst…“ Der Wind wurde allmählich heftiger; Anna konnte die Blätter nicht mehr zählen. Viele waren in den Fluss geweht worden und schwammen nun nach Norden. „Aber wie wollt ihr denn...“ Sie wollte das Wort nicht aussprechen. „Heiraten? Peter ist vor ein paar Jahren nach Amsterdam ausgewandert. Ich werde zu ihm ziehen. Am Freitag um zwölf fliege ich. Deshalb brauche ich jetzt auch jeden Euro.“ „Freitag schon?“ Die Zeit verging zu schnell. Anna mochte die Zeit nicht. Am liebsten würde sie sie aufhalten. Oder zurückdrehen. Nein. Zurückdrehen und Aufhalten. „Ja, Freitag schon“, sagte Julian. „Die Zeit läuft dahin wie Usain Bolt.“ „Wer ist Usain Bolt?“ „Der Weltrekordhalter über 100 Meter.“ Aha. Vorsicht, Humor. Nun war der Wind richtig stark. Es fing an zu nieseln. „Bald wird es schütten“, sagte Anna. „Ich würde gerne heimfahren.“ Schweigend gingen sie im Regen zurück zum Auto. I've silenced the pain, nothing remains. „Wir haben deinen Kürbis vergessen“, stellte Julian beim Verstauen der Lebensmittel fest. „Das macht nichts. Ich habe keine Lust darauf.“ „Tu mir einen Gefallen und komm zum Flughafen“, sagte Julian, als Anna sich ins Auto setzen wollte. Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss arbeiten.“ „Und du kannst nicht –“ „Keine Chance. Eine wichtige Tagung.“ „Oh. Schade.“ Er umarmte sie. „Ich hab dich lieb. Ich meld mich mal bei dir, mein Little Angel.“ „Auf Wiedersehen, mein Großer.“ Don’t shed those tears, my little Angel. Sie versuchte zu lächeln. „Du bist ein echter Verlust für die Frauenwelt.“ Sie stieg ins Auto und schlug die Tür zu. It’s hard to believe our hearts are made to be broken by love. Zum ersten Mal war froh über Regentropfen auf ihrer Windschutzscheibe. Daniela Schlager.
15.1.09 18:59


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