Texteplattform der Literaturgruppe 5aim des Musischen Gymnasiums.Texteplattform der Literaturgruppe 6aim des Musischen Gymnasiums.
  Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Homepage des Musischen Gymnasiums

http://myblog.de/literatur

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Ich habe es geschafft, deine Spuren zu verwischen, Liebling
Es war traurig, zu spüren, wie die ersten Regentropfen ihre Haut berührten. Wenigstens warm. Sie zog sich ihre Bluse über, schüttelte ihr Handtuch aus und machte sich auf den Weg zurück in ihr kleines Appartement.
Sie versuchte, noch ein Mal jedes einzelne Sandkorn unter ihren Zehen zu spüren, wer weiß – vielleicht würde sie ja schon am nächsten Tag nach Hause fahren. Wegen Regen war sie ja wirklich nicht in den Süden gekommen.
Die braunen, durstigen Wiesen saugten gierig das Regenwasser auf und die Feigenbäume ließen ihre letzten Früchte zu Boden fallen. Sie eilte den schmalen Schotterweg entlang, das Handtuch über dem Kopf; ihre Sandalen waren schwer vom Wasser.
Sie sah von Weitem schon ein kleines Etwas auf dem Boden liegen. Als sie näher kam, erkannte sie das Wesen: ein nasses, verlassenes Kätzchen, saß zitternd da; sie bückte sich um das kleine Tier aufzuheben. Als sie dabei in die Hocke ging, konnte er ihre knappe Badehose unter der Bluse hervorblitzen sehen. Er bewegte sich auf den Knien leise ein bisschen aus seinem Versteck heraus und plötzlich spürte sie nur noch eine raue Hand, eine unangenehme Hand, von der sie ins Gebüsch gezogen wurde.
Sie sah das Grün, sie erkannte es sofort wieder. „Elias, du auch hier?“, kam es aus ihrem verzogenen Mund. „Ja, da staunst du, was!“ Sie versuchte, ihre Handgelenke aus seinen Fingern zu befreien. „Könntest du mich bitte loslassen!“ „Was machst du eigentlich hier?“, fragte er mit einem „Ich bin hier der Überlegene-Grinsen“. „Urlaub. Und jetzt lass mich los!“, nun etwas lauter. „Bitte, bitte!“ Er nahm seine Finger von ihr und hielt die Arme über seinen Kopf.
Sie kroch unter dem Feigenbaum hervor und klopfte sich die Erde vom Körper. Das Kätzchen hatte anscheinend die Flucht ergriffen. Laura war schon ein paar Meter entfernt, als er ihr nachrief: „ Morgen am Strand, oder muss ich dir wieder hier auflauern!?“ Mit seinem Lachen im Kopf rannte sie am Asphalt weiter.
Das kalte Süßwasser tat gut, den Sand, das Salz und die Wut abzuspülen. Selbst die dicke Kakerlake, die direkt über dem Duschkopf auf den gelben Fliesen pappte, konnte ihr an diesem Tag nichts anhaben. Seinen Körper und Atem gespürt zu haben, ließ ihr Gehirn kochen und sie bereute es, dass sie ihm nicht das Nasenbein zertrümmert hatte. „Arschloch!“, schrie sie und die Kakerlake fiel in die Badewanne.
Laura ging nicht ins Restaurant zum Abendessen, ihr Bett schien ihr unbequem und selbst die Zikaden empfand sie als lästig. Noch dazu hatte die niederländische Familie im Nachbarappartement die Klimaanlage schon wieder auf höchste Stufe eingestellt. Das Surren bohrte sich in ihr Trommelfell. „Wir mögen keine Mücken. Wir deshalb immer Türen ganz zu!“, hatte der hellhäutige Niederländer, der inzwischen die Qualen von Sonnenbrand erleiden musste, Laura bei ihrer Anreise erklärt. Sie schwitzte lieber, als mit steifem Nacken aufzuwachen.
Es war ein einsamer, untypischer Urlaubsabend in Griechenland. Sie schaltete ihr Mobiltelefon ein, ein paar Augenblicke später erschien ein gelbes Couvert am Display, das hektisch blinkte. In der Erwartung, eine nette Freundin oder ihre Mutter habe ihr geschrieben, öffnete sie die Nachricht: Gute Nacht, meine allerliebste Laura! Bis morgen am Strand, Elias 
„Nein, danke!“, gähnte sie, steckte sich Stöpsel in die Ohren und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Als sie die laschen Brötchen vom Frühstücksbuffet und den viel zu starken Kaffee zu sich genommen hatte, bestellte sie sich ein kleines Mietauto und erkundete die Insel. Der Regen hatte sich über die Nacht getrollt und nur weißen, dünnen Dunst übriggelassen, der sich wahrscheinlich auch bald verziehen würde.
Schafe und Ziegen kauten die letzten braunen Halme, Olivenbäume mit mageren Kühen dazwischen, Obststände am Rand der schmalen Straße. Laura genoss die Einsamkeit und die Meerluft, die durch das offene Dachfenster pfiff und ihre Haare zerzausen ließ. Im Rückspiegel sah sie einen silbernen Wagen, ebenfalls gemietet. Sie drehte das Radio lauter und summte zur griechischen Musik.
Als sie von der Landstraße abfuhr wurde sie ein bisschen nervös, als sie sah, dass das der Wagen hinter ihr ebenfalls tat.
Sie parkte direkt am Hafen des kleinen Fischerdorfes und hätte dabei beinahe ein paar Tauben übersehen, die im letzten Moment davonflatterten.
Ihre Schläfen wurden feucht – zwei Autos weiter kam der silberne Fiat zum stehen. Niemand stieg aus, Laura fühlte sich an ihren Sitz gefesselt. Doch dann fand sie das Ganze lächerlich, schnallte sich ab und stieg aus dem Auto. Sie blickte sich nicht um, ging entlang der Hafenmauer, bis sie zu einem netten Café kam. Blaue Tische und Stühle aus Holz unter Tamarisken, ein Glas mit frischen Früchten und Eis – ihr konnte es kaum besser gehen. Durch die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille konnte sie eine männliche Gestalt erkennen, die einige Meter von ihr entfernt den Strand entlang ging. Schwarzer Pullover, Hut, lange Hosen. Laura schüttelte den Kopf; dass bei dieser Hitze jemand einen Pullover tragen konnte. Doch dann hatte sie es plötzlich eilig, zu zahlen und machte sich auf den Weg zum Auto.
Die Hitze drückte auf ihre Glieder – die Hände geschwollen, es fiel ihr schwer, das Lenkrad ordentlich zu greifen. Im Rückspiegel sah sie nichts. Bloß den blauen Himmel, der Dunst hatte sich tatsächlich binnen weniger Stunden aufgelöst, und die Straße. Sie nahm ihr Telefon aus der Handtasche und legte es auf den Beifahrersitz. Als Hintergrundbild für das Display hatte sie ein Foto ihrer Mutter gespeichert. Das breite Grinsen mit den wirren Locken im Gesicht: Anna Lobinger. Inzwischen 62 Jahre alt, geschieden, eine Wohnung in Wien. Laura war damals zehn Jahre alt gewesen, als ihr Vater mit vielen Koffern in seinem großen Auto das Haus in Graz, ihren Bruder Lukas, ihre Mutter und sie verlassen hatte. Zwei Jahre später hatten sie das Haus wegen Geldproblemen verkaufen müssen und waren alle gemeinsam nach Wien gezogen. Dort hatten Lukas und Laura dann die Schule erfolgreich abgeschlossen. Elias war für vier Jahre in Lauras Leben getreten, Jusstudium nebenbei, eigene Wohnung.
Und nun, mit Ende zwanzig, wollte sie eigentlich entspannt Urlaub machen, alleine.
Als Laura die Autoschlüssel dem Vermieter wieder zurückgegeben hatte, spazierte sie noch eine Runde durch den Ort, setzte sich auf einen freien Liegestuhl am Strand, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Straßenhunde liefen im Sand hin und her, blieben stehen und beschnüffelten die Flasche Wein, die aus Lauras Tasche herausragte. Viele Fotos vom roten Ball über den Wellen füllten den Speicher ihrer Kamera. Jeden Urlaub dieselben Bilder, aber immer wieder so ästhetisch, schön für ihre kleine Wohnung in Wien.
Eine Hand berührte ihre Schulter. Das Herz schlug doppelt, schlug dreifach, Wellen in ihren Ohren und ihre Stimme stumm. Laura schaffte es nicht, sich umzudrehen. „Schon wieder nicht dagewesen heute…“, flüsterte ein Raunen in ihr Ohr. „In der Früh am Strand, nicht erst am Abend, so spät, so alleine…“ Sie griff nach hinten, zog die Hand von ihrer Schulter und schnaubte: „ Ich sehe mir lieber die Insel an, als den ganzen Tag den Kopf in die Sonne zu halten und jungen Mädchen auf den Hintern zu gaffen!“ Elias lachte. „Genau so schnippisch wie früher! Verlernt hast du das wirklich nicht! Ich darf mich doch zu dir setzen?!“ Schon im selben Moment landete er auf der Liege. Sie zog ihre Füße an, um seinen Körper nicht zu berühren. Ihre Zehennägel waren rot lackiert, die braune Haut spannte sich wie dünnes Pergament über ihre Schienbeine. Er fummelte mit seinen Fingern an ihrem silbernen Fußkettchen herum. „Elias, bitte!“, sagte Laura mit genervtem Ton. Sie zog die Weinflasche aus der Tasche und drückte den Korken mit ihrem Daumen in das dunkle Rot. Nachdem sie einen kräftigen Schluck gemacht hatte, sagte sie: „ Ist gar nicht so schlecht! Willst du auch mal?“ „Nein danke!“ Stattdessen legte er seine Hand auf ihr rechtes Knie und zeichnete mit seinem Zeh nervös Kreise in den Sand. „Laura, ich, ich…“ „Aber ich nicht, Elias! Ich will nichts mehr von dir, nicht einmal ein banales Gespräch am Strand“, fiel sie ihm ins Wort. Sie nahm noch ein paar Schlucke aus der Flasche, schlüpfte in ihre Sandalen und verabschiedete sich von Elias. „Ich will dich nicht mehr sehen! Und den Urlaub möchte ich ganz für mich alleine haben! Übrigens brauchst du nicht noch einmal versuchen, mir mit einem silbernen Mietauto zu folgen – auf solche Spielchen steh ich nicht! Du verstehst mich doch?!“ „Laura, das war ich nicht, echt nicht!“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob sein Gesicht aus Scham rot wurde, oder ihn die Sonne blendete. Aber sie wusste, dass sie nun essen gehen würde. Alleine, ein Topf Krabben mit Wein und zum Abrunden ein Gläschen Ouzo.
Das süßliche Fleisch zerging auf ihrer Zunge und sie konnte sich nicht zurückhalten, dem Kellner zuzuzwinkern, als dieser zu ihrem Tisch kam, um die Kerze anzuzünden. Sie legte die Summe mit einigem an Trinkgeld auf den kleinen Silberteller und schwebte ganz angenehm leicht angetrunken Richtung Appartement. Die Hunde kläfften hinter jedem Gatter, an dem sie vorbeikam, und die Grillen schenkten ihr ein Abendkonzert. „Warum der noch was von mir will?“, hörte sie sich selbst sagen. „Ich war ihm damals zu anstrengend und zu sehr mit meinem Studium beschäftigt. Er findet Juristen ja zu spießig und überhaupt diese intellektuellen Studenten im Allgemeinen. Arbeiten muss man gehen, sich sein täglich Brot selbst verdienen! Konnte ich doch trotz Studium genauso gut. Ist vielleicht sogar besser so! Kann er sich seine Klamotten selber waschen. Ob der überhaupt eine Waschmaschine hat? Ach Blödsinn, er verdient sich ja genug Geld selbst, hätte ich schon fast vergessen…“ Sie stolperte über einen Stein und es fiel ihr schwer, auf den hohen Absätzen ihrer Sandalen, Halt zu finden. Sie kicherte.
Kurz vor der Hotelanlage fischte sie ihren Zimmerschlüssel aus der Tasche, ging vorbei an der Bar, in der ein paar ältere Touristen noch ein Bierchen zu sich nahmen, vorbei am Swimming-pool und blieb stehen, als sie sah, dass Elias vor ihrer Zimmertüre stand. Sie wusste nicht, ob sie kehrt machen oder direkt auf ihn zugehen sollte. Doch irgendwie fühlte sie sich mutig, wirbelte den Schlüssel an ihrem Zeigefinger und ging zu ihm. „Guten Abend! Ich glaube, du weißt wo deine Herberge ist!“, sah ihn dabei nicht einmal richtig an, sperrte die Türe auf und schlug sie dann fest wieder zu. Sie verriegelte die Terrassentüren, ging ins Badezimmer, um sich abzuschminken. „Das Spiegelbild ist aufrecht, seitenverkehrt, gleich groß und virtuell, aber die Seele kann nicht gespiegelt werden“, sagte sie, während das Schwarz von ihren Wimpern auf feuchter Watte landete. Laura massierte ihr Gesicht und zerdrückte beim Vorbeigehen in der Türschwelle eine fette Kakerlake, die auf ihrem Panzer kreiselte. „Eigentlich arme Geschöpfe!“, murmelte sie und stolperte Richtung Bett. Der Alkohol hatte ihren Kopf doch kräftiger durchgespült und beschwert, als sie gedacht hatte.
Er sah ihre nackten Brüste durch den dünnen Vorhang. Die Weinflasche vom Abend hielt er immer noch in der Hand und vor Aufregung zerdrückte er nun fast den Flaschenhals mit seinen Fingern.
Laura bemerkte von all dem nichts. Sie vermutete Elias schon lägst in seinem Hotel, zog sich ihr Nachthemd über, um auf der Terrasse Insektenkerzen anzuzünden.
Er sah sie zur Türe gehen, es war seine Chance, er konnte seine Begierde förmlich riechen, der Duft hing in seinem Pullover. Er rannte um das kleine Häuschen, durch ein Stück Wiese mit Dattelpalmen und sprang auf die Terrasse. Laura ließ einen schrillen Schrei los, Hunde antworteten sofort mit Bellen aus allen Richtungen. Elias drückte sie zu Boden. Laura konnte kaum atmen. Die Fliesen, in denen die Sonnenstrahlen vom Tag schliefen, drückten sich in ihren Rücken. Elias kniete auf ihren Schenkeln und hielt ihre Handgelenke. „Jetzt hab ich dich aber!“, sagt er, gar nicht unfreundlich, eher sanft. Trotzdem schüttelte Laura ihren Kopf, als er sich zu ihr hinunterbeugte, um sie zu küssen. Sie schwebte in einer Angsttrance, konnte ihre Umwelt kaum wahrnehmen. Das Grillenzirpen verwandelte sich in ein tosendes Meer in ihren Ohren, die Fliesen drückten warm, ihre Handgelenke blau, „Bitte lass los!“, schrien diese. Seine Finger wanderten über Lauras Stirn, über das Kinn, den Hals entlang bis in den Graben zwischen ihren zwei weichen Hügeln. Er kniete sich nun auf den Boden, schloss seine Augen. Die Äpfel rollten unter den Lidern, er verlor sich völlig – ein starkes, wütendes Knie in seinem Unterleib öffnete seinen Traum. „Verdammt!“ Laura setzte sich auf und rutschte zu einem Plastikstuhl, um sich an diesem hochzuziehen. Die leere Weinflasche lag einsam in der Wiese, die Kerzen waren erloschen, Elias -ein Tyrann- stand vor ihr, sah durch sie hindurch. Sie waren beide so klein in diesem Moment, so unfähig und zitterten, obwohl ihre Häute nass waren. Lange standen sie so, einige Minuten vergingen, dann drehte sich Elias um und rannte davon. Laura eilte ins Badezimmer und bäumte sich vor der Kloschüssel auf, bevor sie zusammensackte. Ihre Handgelenke schmerzten und überhaupt fühlte sich ihr ganzer Körper leblos an.
Das Wasser spülte die bittere Galle aus ihrem Mund und ließ ihre Handgelenke allmählich heller werden. „Du liebe Zeit!“, murmelte sie und ging auf die Wiese hinaus, um die Weinflasche über den Zaun zu werfen. Der Aufprall war dumpf auf dem verbrannten Gras. Sie verriegelte keine Türen mehr, ihr war alles egal, suchte ihr Telefon und setzte sich auf die Terrasse. Die Nachricht von Elias war kurz und prägnant: Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht von dir lassen! Ich liebe dich, bitte verstehe mich irgendwie – Elias
Ihre Gefühle spielten völlig verrückt, sie weinte, einerseits aus Schmerzen, andererseits weil ihr Elias komischerweise leid tat. Sie holte sich eine Flasche Ouzo aus dem Kühlschrank, die eigentlich als Geschenk für ihre beste Freundin dienen sollte, und schrie in die Nacht hinaus: „Eigentlich tust du mir gar nicht leid!“, woraufhin keine Hunde mehr bellten und das Surren der Klimaanlage monoton weiterlief.
Sie erwachte, als die ersten Vögel ihre morgendlichen Runden drehten und der Hahn des nahegelegenen Bauernhofs seinen Ruf vollzog. Ihre Schläfen pochten, die leere Flasche lag umgestoßen auf dem Tisch. Dafür, dass sie einige Stunden auf einem billigen Plastikstuhl gesessen hatte, war ihr Schlaf erstaunlich gut gewesen. „Blöder Alkohol!“, raunzte Laura und ging ins Zimmer, um sich in ein normales Bett zu legen. Doch sie fand keine Ruhe mehr. Zu stark schwebte die Geschichte in ihrem dicken Kopf und zu unaussprechbar lagen die Worte von Elias auf ihrer filzigen Zunge. „Wasser!“, dachte sie. „Ich brauche sofort kaltes, frisches Wasser!“ Sie schleppte sich zum Kühlschrank. Trauben, igitt – Wein, Joghurt, Milch, Butter, Saft und ja, prickelndes Mineralwasser. Ein dankbarer Ausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit.
In kurzer Zeit war die Flasche leer und wurde zusammen mit der schrecklichen Ouzoflasche in den Mistkübel geworfen.
Die morgendliche Dusche im Meer war herrlich. Keine Menschen am Strand und in den Sonnenaufgang hineinzuschwimmen erweckte in ihr das Gefühl von Leben, vielleicht sogar ein wenig von Renaissance.
Die Wellen waren ganz sachte, umspülten ihren Körper und legten sich wie Seide auf ihre Haut. Sie tauchte unter, wirbelte den Sand mit ihren Fingern auf. Kleine Fische bildeten Kreise, schossen alle gleichzeitig davon, wenn Laura ihnen zu nahe kam. „Es ist so schön, die Welt von unten zu sehen!“, blubberte sie der Wasseroberfläche entgegen. Sie ließ sich treiben, den Kopf unter Wasser. Das Schlimme von gestern schickte sie mit jeder Welle davon, die Laura leicht hin und her schaukeln ließen. Plötzlich wurde die Wiege heftiger, sie spürte eine Hand, die auf ihren Hinterkopf drückte und ihren ganzen Körper unter Wasser drängte. Laura versuchte sich zu befreien, strampelte mit den Beinen, schlug um sich, doch das Wasser und die Hand gaben ihr zu viel Widerstand. Sie verlor die Orientierung, zu viel Sand in ihren Augen, zu wenig Sauerstoff in ihrer Lunge. Laura rollte sich zu einer Kugel zusammen, zog die Knie ganz eng an ihren Bauch und ließ sich von ihrem passiven Körper führen. Die Hand war weg, die Wellen wurden wieder friedlicher – bloß ein bisschen Schaum lag nun auf der Wasseroberfläche. Laura schnappte nach Luft und wollte sich gerade das Salz aus den Augen wischen, als sie erneut in Richtung Grund gedrückt wurde. Der Wirt, der gerade seine Tische am Strand aufdeckte, schmunzelte, denn er dachte, dass ein junges Liebespaar aus Übermut im Wasser spaßte; ging in sein Café zurück, um für die ersten Gäste Frühstück vorzubereiten.
Laura konnte unter Wasser ein Bein ihres Gegners fassen, kratzte, biss, schlug mit der Faust dagegen, so gut sie konnte. Das Bein wich, ihre Haare wurden losgelassen und sie konnte endlich wieder an die Oberfläche. Sie war weit vom Strand abgetrieben, konnte keinen Boden unter ihren Zehen spüren. Elias starrte Laura ins Gesicht: „ Guten Morgen! Hab ich dich denn so erschreckt? Du bist ja ganz blass. Aber ich hatte mir gedacht, so ein Morgensport kann uns beiden nicht schaden! Also ich fand es lustig…“ Laura öffnete ihren Mund, um ihm tausend Sätze an den Kopf zu werfen, um ihn zu beschimpfen, um ihm zu zeigen, was er angerichtet hatte. Doch es kam kein Laut aus ihr heraus. Sie hatte noch zu wenig Luft, um irgendetwas zu sagen. Mit Mühe kraulte sie in schnellem Tempo zurück zum Strand. Ihr war kalt, die Knie zitterten aus Erschöpfung, sie hustete Wasser aus ihrer Brust. Schnell schnappte sie ihre Hose und Bluse. „Du bist doch völlig verrückt! Ein Irrer bist du, ein Tyrann! Weißt du, dass ich gerade fast ertrunken wäre? Ist dir das bewusst, du elendiger Verfolger? Bist Tag und Nacht aufs Höchste unangenehm zu mir: lauerst mir auf, willst mich vergewaltigen, entschuldigst dich, verstehst nicht, warum ich deine <Liebe> nicht mehr annehme und hättest mich jetzt beinahe getötet. Wie weit willst du eigentlich noch gehen? Wie weit? Ich kann dir nur eines sagen: Wenn du nicht sofort damit aufhörst, zeige ich dich an und ich weiß ganz genau, welche Strafe auf Stalker, noch dazu mit Mordversuch, wartet. Vielleicht war mein Studium ja doch nicht so schlecht, wie du siehst!“, brüllte Laura. Elias stand einige Sicherheitsmeter von ihr entfernt und fuhr sich durch die nassen Haare. „Laura, jetzt mach doch nicht so eine Show wegen dem bisschen Spaß! Schau, wie der schon blöd aus seinem Café starrt!“, er zeigte auf den Wirt. „Die anderen können das ruhig sehen und hören!“, schnaubte sie und drehte sich um.
Als sie sich in ihrem Appartement gründlich abgetrocknet und eingecremt hatte, machte sie sich auf den Weg in die Hotelbar. Da sich der Himmel ein bisschen verfinstert hatte, was perfekt zu ihrer Stimmung passte, beschloss sie, einen gemütlichen Tag beim Pool mit einem Buch zu verbringen und die Anlage gar nicht zu verlassen.
Die freundliche Kellnerin servierte ihr einen Vitamincocktail mit reichlich Crasheis. Und als Laura schlürfend so dasaß mit dem Buch in der Hand, fing sie an, nachzudenken. Über die Zeit früher, über den letzten Urlaub mit Elias, überhaupt über die ganze Beziehung generell – eigentlich war dieser Lebensabschnitt im Großen und Ganzen wunderschön gewesen. Sie versank in interessante Gedanken.   
Es war kurz vor fünf Uhr, als sie einen prüfenden Blick in ihren Kühlschrank warf. Weißwein, Fruchtsäfte, Gin, Ouzo, der mit Eiswürfeln gefüllte Kübel von der Bar, Früchte, Schlagobers. Perfekt! Sie stellte ein paar Kerzen auf der Terrasse auf, bevor sie ins Badezimmer verschwand, um sich hübsch zu machen. Als sie sich die Wimpern tuschte, sagte sie sarkastisch: „Heute kann meine Seele gespiegelt werden.“ Schmunzelnd schlüpfte sie in ihr rotes Kleid und zerdrückte wie nebenbei ein paar Ungeziefer.
Elias erschien pünktlich, als der Tisch mit Oliven, Fetakäse und Brot fertig beschmückt war. „Abend!“, sagte Laura und riss sich zusammen, ihn ordentlich und herzlich zu begrüßen. „Schön, dass du gekommen bist!“ Er zog eine kleine Schachtel aus seiner Jackentasche und legte sie in Lauras Hände. „Ein kleines Dankeschön für die nette Einladung!“ „Nichts zu danken! Es sollte ja eher ein Gespräch werden, als ein Versöhnungs-Rendez-vous!“ „Ja!“, stotterte Elias und wurde ein wenig rot im Gesicht. In der Schachtel lag eine Kette mit einem goldenen Waagen – Anhänger. „Als Zeichen der Gerechtigkeit.“, sagte er und legte ihr die Kette um den Hals. „Die ist wunderschön!“, flüsterte Laura und log so sehr dabei, dass sie ihre Nase förmlich wachsen spürte. „Möchtest du ein Gläschen Wein? Bitte setz dich inzwischen und greif zu! Ich komme gleich…“
Die nächsten zwei Stunden verliefen sehr gut. Elias lehnte schon ein bisschen müde am Tisch, während Laura ihn mit Früchten fütterte. „Warum hast du das die letzten Tage gemacht?“, fragte sie, um sich alles noch einmal zu überlegen. „Weil ich dich um alles in der Welt wieder zurückhaben wollte.“, sprach er, schon ein bisschen undeutlich. „Ja, aber das hättest du doch auch auf eine andere Weise versuchen können!“, sagte sie in einem „jetzt ist alles wieder gut-Ton“. „Das hätte ich anders nicht geschafft – ich kenne dich doch! „Und dir ist aber schon bewusst, dass du dafür hart bestraft hättest werden können?!“ „Wenn es um dich geht, sind mir alle Gesetze egal!“, sülzte er. Der Punkt war da, die Sache ganz sicher beschlossen. „Ein kleiner Nightcup gefällig?“, fragte sie und verschwand dabei schon in die Küche. Sie zog sich das Kleid über den Kopf, öffnete ihre Haare, legte ein paar Polster einladend auf ihr Bett. „In vino veritas“, murmelte sie und nickte dabei. Viel Gin landete im Glas, viel Crasheis und nur wenig Tonic. Sie stellte den geöffneten Kübel voll Eis hinter das Bett, die Seile lagen ordentlich daneben, ebenfalls die Sahnetube. Als sie nur in Unterwäsche in der Türschwelle erschien, konnte sich Elias nicht länger auf seinem Stuhl halten und stürzte sich auf sie. „Ich hatte völlig vergessen, wie toll du wirklich aussiehst…“, raunte er in ihr Ohr. „Nicht so stürmisch, mein Lieber. Wir haben heute die ganze Nacht. Mach es dir inzwischen doch schon mal auf meinem Bett bequem!“ Er zog sich aus, legte sich auf die weiche Matratze, die nach Laura duftete. Nachdem sie das Glas auf das Nachtkästchen gestellt hatte, kniete sie sich über ihn und fesselte seine Handgelenke an das Bettgestell, danach seine Füße. „Solche Spielchen hattest du dir doch früher immer gewünscht…“, sagte sie. „Heute erfülle ich dir diesen Wunsch.“ Laura sprühte Sahne auf seinen Bauch und entfernte sie dann mit ihren Lippen. Elias schloss die Augen und genoss. In ihr stieg Ekel hoch und sie wunderte sich darüber, wie sehr sie ihn hassen konnte, nachdem er einmal ihr wichtigster Mensch gewesen war. Sie flößte ihm behutsam ein bisschen Gin ein. „Das machst du gut, Liebes!“, stöhnte er. Sie massierte ihn, gab dabei immer wieder Flüssiges in seinen offenen Mund. Elias verschluckte sich, jetzt musste jeder gut durchdachte Handgriff stimmen. Laura leerte mehr Gin nach, Elias japste nach Luft, aber seine Röhre war zu sehr verschlossen. Sie nahm Crasheis, presste es in seinen Schlund, in die Gurgel, in die Luftröhre, immer mehr, er konnte sich nicht bewegen, nicht schreien. „Du magst doch diese Spielchen, oder?“, lachte sie. Die Uhr zeigte kurz vor zwölf, er zuckte, lag dann ganz still und irgendwann waren sein Herz und das Eis geschmolzen.
Sie nahm ein Leintuch aus dem Schrank und wickelte den schweren, leblosen Körper darin ein. Dann nahm Laura noch eine Decke, die ihr sozusagen als Tasche dienen sollte. Sie trat auf die Terrasse hinaus, um die Lage einzuschätzen. In den benachbarten Appartements brannte nirgends Licht, auch aus der Hotelbar hörte man kaum Stimmen.
Laura atmete schwer, als sie Elias Leichnam in der Decke auf die Terrasse zog. Ihre Vorstellungen von seinem Gewicht waren anders gewesen, noch dazu durfte sie von niemandem bemerkt werden. Sie zog ihn schwerfällig durch den Rasen, den Blick immer zu den Häusern gerichtet – jeder Zeit konnte ein Fenster geöffnet werden und jemand ihre Tat bemerken. Ganz dicht am Zaun entlang kämpfte sie sich langsam zum zweiten Ausgang der Hotelanlage, zu den Radständern, bei denen sich um diese Uhrzeit wohl hoffentlich gar niemand mehr befand. Am Asphalt fiel ihr das Ziehen leichter, doch die Decke wurde allmählich dünner und rissiger. Sie ließ Elias kurz bei der Ausfahrt liegen und lief vor zur Straße, um zu kontrollieren. Laura schwitzte aber sie hatte keine Zeit, sich mit der Hand über die Stirne zu wischen. Bald hatte sie es geschafft – nur noch um die Ecke, dann war die Gefahr vorbei, das Feld lag dunkel und einsam in der Nacht. Der Weg war frei und sie nahm all ihre letzte Kraft zusammen, um Elias ein kurzes Stück auf der Schotterstraße, hinein in die verbrannte Wiese zu ziehen. Unbemerkt hatte sie es geschafft, die Leiche neben die leere Weinflasche vom Vortag zu legen. Sie wickelte ihn aus der Decke und drehte sein Gesicht nach oben. Die Tücher band sie zu einem Bündel – sie würde sie in eine Mülltonne werfen oder vielleicht sogar verbrennen. Elias Augen waren trüb, wie bei Fischen die länger auf Eis, vielleicht auf Crasheis, im Supermarkt gelegen haben. Die Grillen zirpten, so still, dass man das Meer von weiter Ferne rauschen hörte. „Ich habe es geschafft, deine Spuren zu verwischen, Liebling! Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt, merke dir das!“ und sie hielt dabei die goldene Waage ganz fest zwischen ihren Fingern.     
   
Lena Lankmayer 7i – short story (Literatur 2008/09)
9.1.09 14:51


Werbung


Short Story

Short Story:
Trockene Saat
Die Sonne saugte den Blättern das letzte Grün aus, zerriss die Erde und trieb die Hühner in den Schatten des alten Olivenbaumes. Der Wind erbarmte sich ihrer nur selten und ließ roten Staub über den Weg gleiten.
Es gab nicht viele Bäume auf Leonas Farm. Sie hasste nichts mehr als verwilderte Pflanzen und sie zu pflegen, schien ihr zu aufwendig.
Außer dem Zirpen der Zikaden und dem gelegentlichen Gackern hörte Leona nichts. Sie stand über die Abwasch gebeugt, ihr Rücken schmerzte. Mit langsamen Kreisbewegungen wischte sie den Teller. Die Oberfläche war schon spiegelglatt, der Schaum hatte allen Schmutz gelöst, aber Leona dachte nicht daran, von der Bewegung abzulassen. Obwohl er ihr es versprochen hatte sie mittags zu besuchen, war bis jetzt noch kein Tuckern eines Motors zu hören. Danny fuhr immer mit dem Mofa und hielt normalerweise auch immer seine Versprechen.
Hier und da stoppte sie den Wasserstrahl, um zu horchen. Sie hörte nichts, das ihr Herz höher schlagen ließ.
Sie betrachtete den Schaum eine Weile und ließ die winzig kleinen Bläschen zerplatzen. Sie bildete sich ein, das Aufreißen der Oberfläche zu hören, wie die Wände der Blase nach außen geschleudert wurden.
Es musste schmerzen, wenn man aufgerissen wurde.
Was hatte sie sich erwartet? Er hatte es versprochen.
Kurz spähte sie durch die Küchentür, die nach draußen führte, in der Furcht, sie könne wieder kein verrostetes Moped im Hof vorfinden. Es war keines da.
Ihre Augen in den glühenden Feldern jenseits der flatternden Hühner. Die Tiere verschwammen zu weißen unruhigen Flecken und der Olivenbaum ließ seinen Schatten gemächlich auf dem staubigen Boden schlummern.
Es schien, als würde ihn heute niemand mehr wecken.

 

Er brauste über Rot, beachtete das verärgerte Hupen kaum. Seine Augen tränten. Ob es wegen des Fahrtwindes oder seines betäubenden Zornes war, dass wusste Danny nicht.
„Ständig muss ich mir von deinem Bruder erzählen lassen, was du treibst. Auf die Idee, mich selbst zu besuchen, würdest du nie kommen. “
Richtig ins Telefon gequakt hatte sie. Vor einem halben Jahr hätte sie nie so mit ihm geredet, schließlich war er ihr Liebling. Sie begann zu merken, wie sie alterte, doch akzeptieren konnte sie es noch lange nicht.  
Er hatte auch keine Lust, sie davon zu überzeugen, dass es nicht so schlimm und einfach an der Zeit sei. Er bog in eine Seitengasse ein und parkte sein Mofa neben glänzendem Lack.
Mit verschwitzten Händen und zersaustem Haar hetzte er durch das Eingangsportal, über dem ein riesiges Kreuz prangte, das jeden Moment auf die eintretenden Personen herabzustürzen drohte.
An der Rezeption angelangt, erkundigte er sich, in welchem Zimmer seine Mutter wohnte.
Er schluckte als ihm der Weg erklärt wurde und er sich vorstellte, wie sein Bruder ihn bereits in und auswendig konnte.
Seine Schritte quietschten auf dem Plastikboden. Im Gang saßen sie und starrten ihm nach. Wo hast du deinen Blumenstrauß, dein freundliches Lächeln gelassen?, las er ihnen aus den Gesichtern. Er wusste, dass zu ihnen genauso keiner kommen würde. Ihr einziger Freund hing in Zehnmeterabständen an der Wand und hypnotisierte sie für die Zeit, in der sie nicht im Speisesaal saßen. Aus ihm quakten verzerrte Frauenstimmen.
Bestimmt hatte sich seine Mutter geweigert zusammen mit den anderen fernzusehen.
Er verlangsamte seine Schritte, als sich die Raumnummern der 133 annäherten.
Er blieb stehen. Das hier hatte ihn davon abgehalten, Leona zu besuchen. Auf beiden Seiten drückte es ihm die Schläfen zusammen. Nein, nicht wegen der Vorwürfen, nicht wegen der Wut auf seinen Bruder.
Er ließ seine Lider Richtung Kinn sinken. Jeder Untergrund für einen Plan verflüchtigte sich aus seinen Handflächen, rann den Gang entlang und tröpfelte die Treppen hinab.
Schließlich drückte er die eiserne Türklinke nach unten. Neonlicht fiel im entgegen. Er tat ein paar Schritte, dann sah er das viel zu weite Nachthemd, die streng zusammengebundenen Haare. Damals war sie noch nicht so matt grau gewesen. Das braune Haar war lediglich von vereinzelten ergrauten Strähnen durchzogen.
Sie saß zum Fenster gewandt auf der Bettkante. Woran mochte sie gerade denken? Es war ihm schon fast peinlich mitten im Raum zu stehen.
Dann warf er ein „Hallo, Mutter“ in den Raum, von dem er nicht wusste, wie es klingen hätte sollen. Ein erschrockenes Gesicht wandte sich zu ihm um. „…warum bist du da?“
„Keine Ahnung, sehen, wie´ s dir geht...“ 
„Gerade prächtig ist es hier nicht, aber das könntest du dir denken. Und hast du einen neuen Job gefunden?...ich weiß ja noch immer nicht, warum du damals alles hingeschmissen hast…aber bitte.“
„Ich wohne nicht weit von hier. Aber erst seit kurzem. Wir sind mit der Firma übersiedelt. Ich hab das hier für einen besseren Standort gehalten. Wir werden sehen.“
„Wir werden sehen!!!...Das hat er auch immer gesagt. Und nie ist etwas daraus geworden…aber wir werden sehen!!“….
Er wollte retour spulen, sich im Erdgeschoß wieder finden, auf den Fersen entschlossen umdrehen und die Umgebung nach einer Telefonzelle aufsuchen, ehe es zu spät war. 
„Und was ist sonst so bei dir los?“
„….Ich habe jemanden kennen gelernt….Sie heißt Leona.“ „Seid ihr verlobt??“
„Was?! Nein, ich kenne sie erst seit kurzem.“
„Ach so.“
Sie seufzte, stemmte sich auf und stellte sich vor das Fenster. Wie ein General stand sie dort und schien ihr Reich durch die Glasscheiben zu überschauen.
Als gelte es alle roten Autos in ihrem Reich zu zählen, fixierte sie die Straße, die überzuquellen drohte.
Er selbst blieb stehen, wo er von Anfang an gestanden war.
Beiläufig sagte er: „Übrigens wollte ich sie heute treffen, aber…“ Da platzte sie schon heraus:
„Aber du warst so nett mich einmal im Jahr zu besuchen und zu fragen wie es mir denn so geht! Wie fürsorglich von dir,… herzlichen Dank.“

 

 

Sie hatte die Teller einem nach dem anderen verstaut, ausgerechnet beim letzten war sie an die Kante gestoßen und ein Stück Porzellan war zu Boden geklirrt.
Sie verspürte den Drang die feinen Splitter mit den bloßen Finger zusammenzukehren, damit sie spürte, wie grausam das Zerbrechen sein hatte müssen. Unachtsam. Das war sie. Sie hatte sich geschworen vorsichtiger zu sein. Die ewige Ungeduld in ihr ließ nicht davon ab, vor sich hin zu brodeln.
Nachdem sie die Scherben beseitigt hatte, hielt sie den Rest den kaputten Tellers in der Hand, musterte die Bruchkante. Was sollte sie jetzt mit ihm anstellen? Verhältnismäßig fehlte wenig. Für einen Moment stellte sie sich vor, in die Garage zu gehen, die Kante zu lasieren  und den Teller zurück zu den anderen stellen. Doch kurz darauf verwarf sie den Plan und ließ ihn in den Mülleimer unter dem Waschbecken sacken. Dort war er nun, würde eines Tages von der Müllabfuhr abgeholt werden, zerstampft und zermalmt werden und in einem Druckheizofen neu gebrannt werden. Nie wieder wird sie mit dem Schwamm über seine spiegelglatte Oberfläche gleiten können.
Es war schon 5 Uhr und sie hatte vergessen, den Hühnern Fressen zu geben. Sie eilte hinaus, warf den bereits wartenden Federgeschöpfen, die eilig auf sie zugeflattert kamen, eine handvoll Körner hin. Gierig stürzten sie sich zu der Stelle am Boden. Lautstarkes Gezanke füllte die staubige Luft. Dann hörte sie plötzlich ein Motorgeräusch hinter dem Hang. Fast hätte sie eines ihrer Hühner zertreten, so sehr reckte sie ihren Hals um zu lauschen. Dann erschien ein kleiner Lieferwagen und jagte alsbald den Hang hinunter. Schon von der Ferne aus erkannte sie das Firmenlogo „Karisch & Co.“ 
Kam er mit dem Firmenauto?
Im nächsten Augenblick hatte sie die Wirklichkeit bereits geohrfeigt und sie erkannte den Fahrer des Wagens als einen Angestellten von Danny. Er grinste fachmännisch, seine Augen zeigten keinerlei Ausdruck.
Die mächtigen Reifen kamen, nachdem sie Unmengen von Kieselsteinen unter sich zermalmt hatten, knapp neben ihr zum Stillstand. Die Tür schwang auf. Eine blaue Latzhose stand nun Sandalen gegenüber. „Grüß Sie, …Frau Long?“ „Hallo, ja, die bin ich.“
„Ihre Lieferungen sind da.“ Er drückte ihr ein weißes, gut verschnürtes Paket in die Hand.
„Oh…Danke.“
„Sollen wir noch mal nachsehen, ob jedes Saatgut dabei ist? Zur Kontrolle?“
„Ist schon in Ordnung…Herr Karwisch wird sich nicht vertan haben.“
„Sicherlich nicht“, fügte er hinzu.
Dann schüttelte er ihre leblose Hand und ließ sie mit dem Paket alleine. Er stieg in den Lieferwagen, grinste noch einmal flüchtig, wie wenn es ihm verboten wäre und legte den Rückwärtsgang ein, wendete und fuhr über die Hügel davon.
Sie stand noch immer am selben Fleck, als „Karisch&Co.“ schon längst nicht mehr zu sehen war. Das Gewicht betäubte ihre Arme und sie trug das Paket ins Haus, ließ es in der Küche angelangt auf den Holztisch fallen. Ihre Arme spürte sie noch immer kaum, aber sie machte sich daran, den Spagat aufzuschneiden. Langsam hob sie die Deckel des  weißen Kartons. Zum Vorschein kam ein Rechnungszettel in Handschrift.
Die Zahlen waren übersichtlich an- und schwungvoll aber deutlich geschrieben.
„Für Frau Long“ hieß es.  Warum nicht Leona? Er wusste doch, dass es außer ihr keiner lesen würde, er hatte es sogar selbst verpackt.
Sie betrachtete das sorgfältig zurecht geschnittene Stück Papier eine Weile und legte es wieder zurück. Welche Miene mochte er gehabt haben, als er ihren Namen geschrieben hat? In sich hinein gelächelt hat er und gedacht: „ Leichtes Spiel, gutes Geschäft.“
Wie viele Kundinnen mochte er schon mit seinen Lachgrübchen, den wuscheligen Haaren und dem ehrlichen Blick zu unnötigen Bestellungen bewegt haben.
Sie wollte nicht weiterdenken.
Hastig verstaute sie die Blumen- und Gemüsesamen in den jeweiligen Schubladen, wobei sie bemerkte, dass sie ohnehin noch reichlich Saatgut besaß. Nein, so schnell wird sie sich nicht mehr überreden lassen, schon gar nicht von einem wie Danny.
Noch nie hatte das jemand geschafft, sie so zu manipulieren, wie konnte sie dieses Mal nur so unachtsam sein. Sie würde die Konsequenzen jetzt tragen müssen, dachte sie und
stopfte den Karton in Mülleimer, wo ihn nun der beschädigte Porzellanteller ertragen musste.
Dann ging sie es an, mit dem Staubsauger, das ganze untere Geschoß zu säubern.
Sie schleuderte das Kabel umher, als es ihr den Weg versperrte und warf dabei fast einen Bilderrahmen von der Wand. Doch Gott sei Dank schwankte er nur bedächtig, wenn man an ihm ankam. Sie hätte auch gerne diese Ruhe besessen.
Mit der Verlängerung des Gerätes raste sie über den Boden, stocherte energisch in alle Ecken und Winkeln und saugte sogar den Teppich im Gang auf beiden Seiten.
Ihr Körper war heiß, ihr Gesicht rot. Aber sie merkte es nicht. Hätte sie, wäre es ihr egal gewesen.

 

Er wusste nicht mehr, was er sagen sollte, die Hände in Hosentaschen, die Zähne auf Zähne gepresst. Gelegentlich schielte er zu dem beigen Telefon, dass auf dem Nachbartisch stand. Lang konnte er sich von seinem Gewissen nicht mehr zerreißen lassen.
Plötzlich kam sie auf ihn zugeschritten.
„Sag, läuft es gut mit deinem Geschäft?“
Wie wenn ihm das in dem Moment etwas bedeutet hätte. Gerne hätte er ihr gesagt, was er dachte, aber dann fasste er sich und sagte „Es läuft gut.“
Sie schaute ihn ernst an und nickte, doch keinesfalls hätte er den Ausdruck in ihrem Gesicht als zufrieden gedeutet. Fast überkam ihn Schauer, wie sie so voreinander standen, sie seine Augen festheftete und nicht mehr los ließ.
Dann riss er sich los und verließ eiligen Schrittes ohne ein Wort zu sagen das Zimmer.

 

Sich nach der getanen Arbeit in den breiten Wohnzimmersessel fallen zu lassen, das wäre das Letzte, das sie jetzt tun konnte. Alles war sauber und sie ignorierte ihren Atem, der wie ein Hundehecheln die Lungenbahnen durchjagte.
Sie schnappte ihre Sonnenbrille und zwängte sich in die Sportschuhe. Sie trat nach draußen, ließ die Tür ins Schloss fallen. Im nächsten Augenblick war sie den Hang hinaufgestürmt und konnte das Rasseln ihres veralteten Telefons nicht mehr hören.

 

(Elisabeth Riedler, 7a)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10.1.09 13:10


Kurzgeschichte von Bea

dürft mir gern noch beim titel helfen, mit dem bin ich nicht ganz zufrieden

 danke, liebe grüße

 

 

 

Auf der Suche nach den verdammten Zeichen

 

 

Es war kaum etwas vom Sonnenuntergang zu sehen, der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, man bemerkte, wenn man aufmerksam war, lediglich, wie die Vögel verstummten und es am Waldrand immer düsterer wurde. Es war nahezu windstill, die graue Wolkendecke spiegelte sich noch leicht in den Wasserpfützen am Boden. Direkt daneben in einem in den Schlamm gezeichneten Kreis einige Zigarettenstummel. Man konnte nicht sagen, wie viele es waren, ein paar ragten gerade noch aus dem braunen, aufgeweichten Erdboden hervor. Es hatte geregnet, bestimmt für drei Tage oder länger, Marian registrierte es kaum. Sehr langsam entfernte er sich von der Haustür, mit nichts bekleidet als seinem Morgenmantel und den Hausschuhen. Drei Tage… drei Tage bist du jetzt schon auf, du Depp. Er bog nach rechts, auf einen engen Schotterpfad, weg von der Hauptstraße, der Zivilisation. Hinter ihm das grellgelbe Licht der Straßenlaternen, vor ihm der lang gezogene Schatten seiner selbst.

Seine Füße waren auf einmal nass, umhüllt von etwas Kaltem, und ohne nach unten zu sehen, wusste er, dass er nicht mehr weit von seinem Ziel entfernt war. Der Schlamm drängte sich zwischen seine Zehen, das Gehen wurde ihm zur Last, dennoch stapfte er weiter. Na, siehst du schon wieder pinke Kaninchen? Los, schneller, weit ist es nicht mehr! Vor ihm erstreckte sich ein Stück verwaisten Waldpfads, dahinter tiefes Schwarz, von dem er wusste, dass es in den Wald führte. Das nasse Gras glänzte silbern am Boden, doch je näher er den dicht aneinander stehenden Eichen kam, desto weniger reflektierte der Boden das bisschen Licht, das von den Häusern am Ende der Straße kam. Er hielt inne, rieb sich die gereizten Augen, blinzelte kurz hinauf in das düstere Licht des Mondes und schritt schließlich, nachdem er seine ständig schlecht durchbluteten Hände, ein Problem, das in der Familie lag, tief in die Taschen seines Morgenmantels gesteckt, den Kopf gesenkt und das Kinn an seine Brust gedrückt hatte, leicht zitternd vor Kälte voran. Seine weißen Fingerkuppen strichen über die Kante der Streichholzschachtel, die er wie immer bei sich trug, während er mit zielstrebigen Schritten immer schneller werdend in den Wald hineinging. Nach Eintritt der fast kompletten Dunkelheit im Schatten der Bäume, setzte er langsam und mit ruhiger Atmung einen Fuß vor den anderen, streckte einen Arm vor sich aus und befand sich schließlich an einem alten, von Moos und Flechten bewachsenen, knorrigen Baum. Er holte die Streichholzschachtel aus der Tasche, strich mit einem Stäbchen über die Reibefläche und entzündete eine kleine, schmähliche Flamme. Mit der anderen Hand öffnete er das hölzerne Kästchen, das an dem Baumstamm befestigt war und entzündete die Kerze in dem Windlicht, das in dem Kästchen stand. Dann kehrte er wieder zurück an den Waldrand, stellte das Licht auf den Boden und hockte sich, nicht darüber nachdenkend, dass der Mantel  auf den schlammigen Boden gefallen war, hinunter.

In dem kleinen, schwach goldgelb beleuchteten Lichtkegel der Kerze entdeckte er einige Zigarettenstummel, die meisten fast vollständig bedeckt von der aufgespülten Erde. Er war sicher, er würde noch mehr Zigaretten finden, doch war es nicht die in Papierstreifen gerollte Sucht, die seiner Meinung nach ein unangenehmes Laster war, was ihn beschäftigte, wonach er suchte. Dennoch mit Erstaunen musste er feststellen, nachdem er das Windlicht etwas weiter gestellt hatte, dass hier ein wahrer Kettenraucher am Werk gewesen sein musste, da sich die dreckigen Stummel auch weiter waldeinwärts noch häuften. Von Zeit zu Zeit passierte es, dass sein Kopf schmerzte, dann hielt er sich die Stirn, immer noch auf dem nassen Boden hockend, rieb sich die Schläfen und verzog elend das Gesicht. Was treibt dich noch, alter Mann? Sieh nur, wie dein kranker Leib dich quält. „Geh! Raus! Raus aus meinem Kopf!“, wankend vor Schmerz schrie er, raffte sich wieder auf und stolperte gekrümmt ein paar Schritte weiter. Sein Blick hatte sich an einer kleinen Einkerbung im Boden verfangen, doch seine Beine trugen ihn weiter von seinem Ziel weg, in eine andere Richtung. Erneut nach seinem Kopf greifend, schloss er die Augen, streckte sein Haupt dem Himmel zu, ließ sich schließlich auf die Knie fallen und stützte seine Hände vor sich in den schlammigen Erdboden.

„Zurück nun, zurück!“ Er murmelte es leise vor sich hin, setzte eine Hand nach der anderen, immer ein Stückchen weiter in Richtung der begehrten Stelle, von der er nur noch vermuten konnte, wo sie war. Seine Beine schliff er kraftlos hinter sich her, stieß sich die Knie an kleinen Wurzeln und Steinen. Als er der kleinen Lichtquelle wieder etwas näher gekommen war, entdeckte er die Einkerbung wieder. Kein kleiner Riss, ein Zeichen. Davon war er fest überzeugt. Vorsichtig fuhr er mit einem Finger das Symbol nach, er wollte so gern verstehen.

 

Ein Tag verging wie der andere. Wenn er nun einmal das Haus verließ, wagte er es nicht, dem Wald entgegenzutreten, geschweige denn hinzusehen, dann schaute er, immer wenn es notwendig war, zum Himmel und beobachtete den Wolkenzug. Alles, jedes Blatt, jede Laterne, jeder Schriftzug an einem Gebäude erinnerte ihn an das Zeichen, alles wollte er deuten, alles wollte er kennen. Es war nahezu zwanghaft, sich ein zweites, ein drittes Mal umzudrehen, wenn ihm eine interessante Zusammenstellung von Strichen und Kurven unterkam. Er hielt es nie lange außerhalb seines Hauses aus, er wollte nicht sehen, was für ihn unbegreiflich war, es machte ihn verrückt und verführte seinen Kopf zu zahllosen kleinen Stichen, wenn er wieder einmal gefangen vor einer Werbetafel stand und seinen Blick nicht lösen konnte.

      Draußen stand der Nebel vor dem Fenster, stumpf, eine Dämmerung, die grau in das kleine Zimmer mit Blick auf den Wald kroch. Dazu Kälte, abgestandene, muffige Luft und der Geruch von Eau de Toilette, der aus dem Badezimmer quoll und sich auch in diesem Raum breit machte. Die letzten Tage hatte er sich nicht wieder hinein in den Wald getraut, zu groß war die Angst den Schöpfer der Zeichen endgültig zu verjagen, waren seine Auffindungen doch in der letzten Zeit immer unregelmäßiger und weniger geworden. Dennoch wünschte er nichts mehr als diesen Künstler zu finden, am besten wäre es, ihn zu ertappen, auf frischer Tat. Er beschloss schon vor langer Zeit hier in diesem Raum zu warten, auf ein Zeichen, eine Gelegenheit. Sein Vorhaben war immer unsinniger, unmöglicher, die Chance wirklich jemanden zu finden, der nachts durch den Wald streift und Zeichen ritzt, immer geringer, er wusste es genau; er fragte sich, wie oft der Täter nicht schon dort draußen gewesen sein musste, während er völlig in Trance vor dem verschlossenen Fenster gestanden hatte und durch dichtesten Nebel blickend, darauf wartete, dass der entscheidende Moment kam und irgendetwas ihm zeigte, dass es Zeit war aufzubrechen und schlussendlich zu finden, wen oder was er suchte. Doch es hatte sich noch nichts ereignet, er tappte immer noch im Dunkeln, es zeigte sich kein Anhaltspunkt, nicht einmal die Spur eines Verdachts, wer dahinter stecken könnte.

      Er konnte nicht mehr zurück, das Warten war die einzige Methode, auch wenn es ihn aufrieb, auch wenn er manchmal nahe daran war, einfach hinauszustürmen, übte er sich in Geduld. Worauf hoffst du noch? Hätte er dir nicht schon lang die beschlagene Fensterscheibe bepinselt, wenn er wollte, dass du ihn findest? „Hör doch auf!“, es quoll aus ihm, er stützte sich auf das Fensterbrett, in der beschlagenen Fensterscheibe sah er sein Spiegelbild. „Wenn ich sage, dass ich hier bleibe, dann ist das so. Dann…!“. Zum Teufel mit deiner verdammten Vernunft!

      Er stürzte die Haustür hinaus, rannte die Hauptstraße entlang, der rutschige Boden war ein Hindernis, das Licht der letzten Laternen vor dem Waldweg sein Ziel.

 

Er seufzte. In dem sich vor ihm aufbauenden Wald hallte ein Ächzen, dann war es wieder still. Wie angewurzelt stand er da, konnte nicht zurück. Nun, da er einmal mehr hier war, bereute er den überstürzten Beschluss. Es zog ihn hin, in das Innere des Waldes, sein Kopf sehnte sich ebenso nach den erschreckenden Bildern wie er den stechenden Schmerz fürchtete. Sehr darauf bedacht nicht auf sich aufmerksam zu machen, strebte er wieder die alte Eiche mit dem Windlicht an, ohne das es ihm unmöglich war in dem Wald zu forschen. Sein Drang war wie der Hilfeschrei eines Ertrinkenden. Ertrunken in der eigenen Sehnsucht, er sah es bereits vor sich, als er sich auf die Zunge biss und langsam – nicht aus Angst, sondern dem Wunsch alles richtig zu machen –  seinen Kopf sinken ließ und das brennende Streichholz zum Kerzendocht führte.

      Er beschloss diesmal tiefer hinein zu gehen, der Spur einer kranken, verkohlten Lunge, den Zigarettenresten zu folgen. Mitleid empfand er keineswegs, sollte doch jeder selbst wissen, was dem eigenen Körper zumutbar ist. Er schleppte sich hinein, bis zu einem steilen, felsigen Abhang, als er feststellte, dass sich in diesem Graben ein Stein befand, ein großer, grauer, aus dem vielen Braun herausstechender, Felsblock, mit nahezu glatter Oberfläche. Ähnlich einem Opferaltar stand er mitten in dieser von Eichen eingekreisten Lichtung. Der Gedanke endlich etwas gefunden zu haben machte ihn schier wahnsinnig und das Verlangen mehr zu sehen ließ ihn seine Optionen durchgehen. Es war nahezu unmöglich ohne Seil den Hang heil hinunter zu klettern, dazu war seine Verfassung zu schlecht. Er tänzelte den Abgrund entlang, von links nach rechts und wieder zurück, spielte mit seinen Gedanken, kam jedoch zu keinem rechten Entschluss. Sieh an, da kneift der alte Tor. Steht ratlos da als wie zuvor. Er wollte schon gehen, als er die Stimme vernahm, die ihn trieb. „Sag mir doch wie!“

Mit einer unbedachten Handbewegung warf er sein Windlicht etwas nach vorne, versuchte noch mit der Linken es zu fassen und sah noch dabei zu, wie dieses bisschen Substanz Leben vor ihm erloschen war, ehe er selbst den Abgrund hinunter fiel. Er landete nahezu lautlos auf dem von Laub bedeckten Waldboden, der dumpfe heftige Aufprall hallte kaum nach, dann kehrte eiserne Stille ein. Kein Stöhnen, kein Schrei, er war nicht fähig seinen Kopf zu heben, starrte mit geöffnetem Mund auf einen kleinen Stein, der ein paar Zentimeter vor ihm lag. Er ließ sich zu dem herab, was in seiner Erinnerung rot war, nahm vage wahr, wie sein verdrehter Arm mit dem Ellenbogen in seinen Magen stieß, während ihn das Bewusstsein im Stich ließ und Erinnerungen an die Schule kamen, die Pausen im Schulhof, seine Freunde in Bio und die schreckliche Matheprofessorin, der er oft verhasste Briefe geschrieben hatte, die er niemals abzuschicken wagte und die Hitze in seinem Inneren übermannte ihn, er fühlte ein zuckendes Pumpen in seiner Brust und die Schmerzen wurden überwältigend, als er sich übergab und schlussendlich in seinem Erbrochenen barmherzigerweise das Bewusstsein verlor.

 

Draußen peitschte in Gelb-Blau die schwedische Flagge am Fahnenmast im Wind. Gestresste Studenten in grauen Mänteln radelten die Hauptstraße entlang, Autos waren in dieser Gegend kaum zu finden. Regenschirme, Werbeplakate und alte Zeitungen wurden vom Wind vertragen und verfingen sich an den Straßenlaternen oder an Fensterbrettern. Über Nacht hatte es endlich aufgehört zu regnen, doch das Wasser stand zentimetertief auf den Wiesen. Nun war die Zeit gekommen, für die Regenwürmer elendiglich am Straßenrand zu sterben, bis sich ein Straßenkehrer erbarmen würde, sie auf die nasse Erde zu streifen. Eine dünne Nebelschicht zog sich durch den Eichenwald, es war Frühherbst und das erste Laub tänzelte von den Ästen zu Boden. Dennoch kehrte das Leben hier kaum zurück; die wenigen Tiere, die noch nicht in Richtung Süden gewandert waren, machten nicht auf sich aufmerksam, sondern verblieben ruhig in ihren Verstecken, selbst das lange Gras hing nach dem vielen Regen schlaff, schwer und leblos zu Boden.

      Ein nahezu gehauchtes Stöhnen, ein kurzer Ausdruck der Anstrengung. Marians Versuch seinen Kopf zu heben scheiterte, seine Wange wurde wie von selbst immer tiefer in den schlammigen Waldboden gedrückt. Er öffnete ein Auge, blinzelte einige Male und versuchte etwas zu erkennen: Ein Steinchen, ein paar niedere Eichen, Gestrüpp, rot, braun und gräulich raschelndes Laub auf dem Boden, das pfeifende Peitschen des Winds irgendwo im Hintergrund, nur der prasselnde Regen war auf einmal nicht mehr zu hören. Erneutes Stöhnen, ein zweiter Versuch sich aufzusetzen, doch er scheiterte wie zuvor. Es überkam ihn, von einer Sekunde auf die andere. Erst wurde ihm rot vor Augen, dann schwarz. Sein Kopf schmerzte, der kleine Stein vor ihm drehte sich wirr im undefinierbaren Hintergrund. Der kreischende Stich in seinem Ellenbogen drohte seinen Hinterkopf zu zerreißen, doch erst, als er das Pochen seinem linken Arm zuordnen konnte, drehte er sich auf den Rücken, um ihn anzusehen. Der Ärmel seines Morgenmantels war rötlich braun befleckt, er vermutete auf einen Stein gefallen zu sein, doch konnte er sich nicht mehr an den Sturz erinnern. Er stützte sich auf seinen rechten Arm und betrachtete seine Beine, die ihm auf den ersten Anblick intakt erschienen. Er erinnerte sich an seine Hoffnung, neben dem weißen Stein etwas Besonderes zu finden, doch reizte ihn die Vorstellung nicht mehr. Das zertrümmerte Windlicht, das knapp vor dem vermeintlichen Opferaltar in Scherben am Boden lag, war für ihn ein großer Verlust, denn er hatte vor einigen Jahren begonnen in den Holzrahmen zu schnitzen; jedoch wusste er, dass er es so nicht mehr haben wollte und beschloss es einfach im Wald zurückzulassen. Dann raffte er sich hoch, sank aber immer mehr in seinen gleichgültigen Zustand zurück, verdöste, verträumte Tage, die Wochen im absurden, grausamen Warten. Sein Kreislauf ließ ihn eine Weile im Stich und er sackte wieder auf dem Boden zusammen. Während er so dasaß, entdeckte er, dass es weiter hinten ein Leichtes war, aus der Grube hinauszukommen. Er hatte schon befürchtet, er müsste den Abhang hinaufklettern. Sein schmerzender Arm erinnerte ihn an den Absturz, doch wagte er nicht, den Ärmel hinaufzukrempeln um ihn anzusehen. Mit dir ist doch wirklich nichts anzufangen. Ein Schwächling…

      Als er wieder festen Fuß gefasst hatte, marschierte er langsam durch den Wald, zwängte sich zwischen Dornen, Unterholz; Äste schlugen ihm ins Gesicht. Er erreichte eine Lichtung, schaute sich verwundert um, er hatte sie noch nie bemerkt. Langsam schleppte er sich durch die kaum bewaldete Stelle, ließ den Kopf hängen und zählte im Vorbeigehen die kleinen Pilze und Schwammerl, die, in Moos und Flechten gebettet, unter jeder Wurzel und jedem Stein hervorschauten. Als er den Waldrand erreichte glühte er vor Anstrengung und sein rechtes Bein drohte einzuknicken, als er mit der Fußspitze in eine kleine Mulde trat. Er hatte die Eichen hinter sich gelassen und zurück der Hauptstraße entlang  zeigte sein geschundener, unterkühlter Körper mit heftigem Zittern, wie sehr ihn die Nacht auf dem kalten Boden mitgenommen hatte.

 

Sein Arm war gebrochen, so viel stand fest, aber immerhin war er sonst, bis auf ein paar Kratzer und Schrammen unverwundet geblieben. Mit einem feuchten Lappen, den er in Kamillentee getunkt hatte, da seine Mutter sehr viel von dieser Pflanze hielt und es als Hausmittelchen gegen alles verwendete, tupfte er vorsichtig die offenen Stellen auf seinen Armen ab. Spucke sammelte sich in seinem Mund, rann bis in die Mundwinkel, im letzten Moment zog er die Flüssigkeit mit einem zischenden Geräusch wieder in seinen Mund zurück; seine Haare stellten sich auf. Es brannte auf seiner Haut und dennoch konnte er nicht aufhören über die blutigen Stellen zu reiben und zu drücken.

Kurze Zeit, nachdem er eine Stelle trocken getupft hatte, glänzte die Haut einen Moment lang weiß, dann sammelte sich Blut dunkelrot unter der Haut und trat als klare Flüssigkeit wieder aus all den kleinen Ritzen, aus jeder Pore und er genoss jeden einzelnen Tropfen, dem er dabei zusehen konnte. Als er den Blutfluss dann letztlich gestoppt hatte, ging er ins Badezimmer, warf den Lappen achtlos ins Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel.

      Er zupfte an seinen Augenlidern, stellte emotionslos fest, dass er seinem Vater, steif im Bett liegend und ans Plafon starrend, am Tag seines Todes, zum Verwechseln ähnlich sah, und streifte mit den Fingern unter seinen Augen entlang, die dunkelblau unterlegt waren und drohten aus den Augenhöhlen heraus zu ploppen. Er nickte seinem Spiegelbild kurz zu, welches nicht zögerte zurückzuzwinkern und wie schon so oft zuvor setzte er sich vor das Fenster, diesmal mit dem Vorsatz im Haus zu bleiben. Er wollte das Risiko nicht noch einmal eingehen, vor allem jetzt, da er sein Windlicht in der letzten Nacht verloren hatte, nahm er sich vor, den Wald zu meiden. Der Regen kehrte nicht wieder zurück, aber in den Morgenstunden zog dicker, weißer Nebel die Hauptstraße entlang und der Wind peitschte heftig an seinem Fenster. Die Dichtungen waren schon lang nicht mehr ausgetauscht worden und es drückte die Kälte durch die Holzwände in sein Haus herein. Er hüllte sich in eine Wolldecke und fühlte das brennende Knistern in seinen Fingern, als sie den flauschigen Stoff auf und ab streiften. Auch wenn er größten Respekt vor dem hatte, was sich vor seinem Fenster abspielte, konnte er seinen Blick kaum davon trennen.

      Direkt vor dem Zimmer in seinem kleinen, ungepflegten Garten, den er noch nie gemäht, geschweige denn gegossen oder bepflanzt hatte, weshalb sich dort auch keine Pflanze lange am Leben hielt, stand ein kleiner Fichtenbaum, der sich auf wundersame Art vor gut drei Jahren hier angesiedelt hatte und seitdem jeden Winter überlebte. Diese kleine Fichte war das einzige Lebewesen, das seine Lebtage nahe der kleinen Hütte im schwedischen Dörfchen Dalarna, an der Grenze zu Norwegen, verbrachte, doch die ersten Spitzen erreichten schon das Fensterbrett, weshalb Marian beschlossen hatte, das Bäumchen im Frühjahr zu fällen. Einen Augenblick lang tat es ihm sogar Leid um diesen kleinen grünen Artgenossen, doch der Gedanke, die Aussicht auf den Eichenwald dafür einbüßen zu müssen, stimmte ihn schnell um. Etwas hinter dem Bäumchen befand sich noch ein Holzpflock, der wohl früher ein Teil des Gartenzauns war und heute nur noch als letzte Markierung  für sein Grundstück diente, wobei man diese ohnehin weglassen hätte können, da man in dieser schwedischen Wildnis nach dem Prinzip „was dein ist, ist auch mein“ lebte. Jeder nahm sich das Recht, sich aus dem Garten des anderen zu bedienen, was ein weiterer Grund dafür war, dass Marian es für überflüssig hielt, sich um sein Grundstück zu kümmern, geschweige denn etwas anzupflanzen, wovon er selbst, trotz der kleinen Anzahl seiner Nachbarn, wahrscheinlich am wenigsten hätte. Dieser Pflock störte ihn aber nicht weiter, da er, wenn er aufrecht auf der Holzbank, die an der gegenüberliegenden Wand des Fensters stand, saß, leicht darüber hinweg auf den Eichenwald sehen konnte. Sonst versperrte ihm rein gar nichts die Sicht.

 

Öfters kam es vor, dass Marian vor dem Fenster einschlief, dahinträumte, nicht mehr das wahrnahm, was vor seinen Augen wirklich geschah. Natürlich muss man hier hinzufügen, dass sich einfach sehr selten etwas vor seinem Fenster bewegte, denn es passierte kaum, dass sich ein scheues Reh aus dem Wald hinaus in die Nähe der Straße traute. Manchmal war die meiste Bewegung rein in seinem Kopf entstanden. Seinen linken Arm hatte er sich mit einer Binde um den Hals befestigt, den rechten in seine Jackentasche gesteckt, wo sich die Streichholzschachtel befand. Seine Finger umspielten die raue Fläche, die Kanten, schoben das kleine Schächtelchen auf und zu, immer darauf bedacht keine Hölzchen zu verlieren. Das Feuer zog ihn magisch an, vielleicht, da es eines der wertvollsten Dinge in dieser Jahreszeit war, wo ein kleines Licht den grauen Alltag etwas erhellte und die Kälte von seinem Körper fernhielt, auch wenn sie seine Seele schon lang erfasst hatte. Das Flackern im Kamin und das angenehme Knistern und Knacken des brennenden Holzes brachten Gemütlichkeit in seine unordentliche Schlafstätte, er liebte den Geruch des erhitzten Harzes und dennoch gab es nichts, was er mehr hasste als den Qualm einer Zigarette.

 

Wenige Tage nach seinem Unfall geschah es, dass er auf den Tisch gelehnt eindöste, das Kinn auf die Hände gelegt, die Beine am Boden verkreuzt. In seinem Traum war er lediglich Beobachter, hörte, wie der Regen auf die Hauptstraße prasselte, sah im Licht der Straßenlaternen, wie er die Erde aufschwemmte und das viele Wasser die Kanäle überflutete. Sein Traum führte ihn einen Weg entlang, den er nur zu gut kannte. Er kam dem Wald vor sich immer näher, den großen, alten Eichen, als plötzlich, ein kleines Licht den Waldrand erhellte. Etwas stand vor der Lichtquelle, von hinten konnte Marian die Umrisse eines Mantels erkennen. Während er immer näher an das Geschehen rückte, als wäre er im Objektiv einer Kamera gefangen und jemand Außenstehender etwas, das nicht in seiner Macht lag, zoomte dorthin, zuckte sein linkes Bein, seine Finger krampften und sein Herz pumpte aufgeregt Blut durch seine Venen. Kaum hatte er die verdeckte Lichtquelle erreicht, sah er sein Windlicht, so nah, das Hindernis war verschwunden, es zog ihn einfach durch es hindurch. Und da war es; direkt vor ihm, er starrte auf den Boden, fiel ein Zigarettenstummel, einen kleinen Rauchfaden noch hinter sich, in die Erde, Kopf voraus und die Glut erlosch.

 

Schweißgebadet erwachte er, sein linker Arm schmerzte ihn heftig, in Gedanken war er immer noch bei dem Traum. Hatte er sein Windlicht wirklich verloren? Er ärgerte sich, dieses wertvolle Stück einfach liegen gelassen zu haben, so viele Jahre, so viele Erinnerungen, das schönste, angenehmste Licht hatte es ihm geboten. Bisher hatte er die Hoffnung aufgegeben, wollte es nicht suchen. Der Wald war ohnedies zu gefährlich. Dennoch wollte er sich vergewissern geträumt zu haben und beschloss kurz vor die Tür zu gehen, in den Wald zu sehen, denn dort durfte kein Licht sein, er hatte sich jahrelang versteckt gehalten und hielt es für unmöglich, dass jemand anderer das Windlicht, sein wertvolles beschnitztes Windlicht, gefunden hatte und nun im Wald seine Forschung fortsetzte.

      Er sah zum Himmel hinauf. Die Wolken waren dunkler als die Nacht, die sie umgab. Es braute sich ein Gewitter zusammen. Nur selten hatte Marian ähnliche Wolken gesehen. Er lenkte seinen Blick auf den Boden, auf die vielen kleinen Blätter und Äste, die vom letzten Unwetter liegen geblieben waren. Sieh’ zu, dass du da hin kommst. Oder träumst du etwa noch? „Hab zu tun. Hab zu tun“, er sagte es sich immer wieder, ignorierte, was er hörte, er wollte nur kurz nachsehen – und gleich wieder gehen. Nein, was er eigentlich wollte, war sein Windlicht. Doch das gab es nicht mehr. Nicht mehr. Sicher?

Er hielt die Luft an, hob zwei Zweige vom Boden auf, steckte sie in die rechte Faust und zog einen daraus. Dann beschloss er, den kürzeren gezogen zu haben und rannte los, diesmal quer über die Wiese, unter dem dunklen Nachthimmel. Er hatte es selbst noch etwas sonderbar gefunden, dass jemand wie er es notwendig hatte, ein Stöckchen als Entscheidungshilfe zu Rate zu ziehen, aber er war sich seiner Selbstbeherrschung nicht mehr sicher. Er hätte lang genug gewartet, dachte Marian.

Und den rechten Augenblick schon verpasst.

Es kribbelte in seinem Nacken, sodass Marian herumfuhr, doch es war nur der Wind, der ihm eisig ins Gesicht blies. Er war nicht sehr sportlich, noch dazu in schlechter Verfassung und bremste einige Meter vor den ersten Eichen, schnaufte tief und beugte sich nach unten, stütze die Arme auf die Knie. Kommst du nun, alter Mann? Kommst du? Oder willst du hier stehen bleiben?

Marian drehte sich um, sein Kopf brummte, er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Vor, zurück? Hinlegen wäre jetzt auch nicht schlecht. Windlicht. Warum? Warum hier draußen? Und wo waren all die Menschen?

Als er weiterging, erinnerte er sich spärlich an die heftigen Schmerzen, die er Zuhause noch im Arm hatte. Nur noch ein paar Meter. Vor ihm warfen die Eichen seltsame Schatten auf den Erdboden. Es klopfte in seinem Kopf, der Gedanke, kein Licht zu sehen, obwohl der Wald sich direkt vor ihm präsentierte, brannte sich in sein Gehirn, seine Schläfen entlang. Eigentlich sollte es in seiner Brust klopfen.

 

Nun, da er direkt am Waldanfang wartete, die Wolken noch einmal betrachtete und feststellte, dass er einen einzigen Stern zwischen den dichten schwarzen Flecken entdecken konnte, entspannte er seine Muskeln. Es war niemand außer ihm hier. Jetzt ging er in die Knie, griff mit der Rechten in seine Manteltasche, die Zündholzschachtel befand sich wie gewohnt am selben Platz. Er verlagerte sein Körpergewicht nach vorne, nahm ein Hölzchen aus der Schachtel und entzündete es wenige Zentimeter über dem Boden um zu verhindern, dass es sofort wieder auslöschte. Im flackernden Licht des Streichholzes betrachtete er den Boden. Ein kleiner Strich war zu sehen, daneben ein Fußabdruck. Wohl sein eigener. Aus seiner linken Manteltasche holte er eine Zigarette, steckte sie zwischen seine schmalen Lippen und entzündete sie mit dem Streichholz, ehe er es mit dem Finger in den Erdboden schob und wieder aufstand. Zerbrich dir ruhig weiter den Kopf…, dachte er. Ich muss endlich aufhören, mir das zur Gewohnheit zu machen. Während er den letzten Zug der Zigarette mit einem breiten Grinsen in seine Lungen fließen ließ, den Stummel dann vor sich auf den Boden warf und mit dem Fuß einen Kreis rundum malte.

 

 

10.1.09 15:57


Titel ist da totale Blödsinn aber mir fällt nix anderes ein, falls Vorschläge bitte melden (: danke

Erfolg gegen Angst

 

Mini Mayr war zweiunddreißig, lebte allein in einer Eigentumswohnung am Stadtrand und versuchte seit Jahren einen Roman zu schreiben. Sie hatte gleichzeitig Psychologie und Germanistik studiert, sieben gescheiterte Beziehungen hinter sich, ernährte sich seit fünf Jahren ausschließlich vegan und hatte ein Jahr in Madrid gelebt, doch die Sache mit dem Schreiben schien eine Hürde zu sein, für die man viel Anlauf brauchte. Sie hatte genau gesagt schon mehrere Romane angefangen, doch alle nach spätestens siebzig Seiten aufgegeben. Der längste hatte stolze hundertvier Seiten gezählt und schließlich mitten im Kapitel sein Ende gefunden, als Mini erkannt hatte, dass ihr sowohl die Handlung als auch der Schreibstil selber nicht gefielen. Es war halt nur eine dämliche Romanze. Außerdem hatte sie noch einen Krimi, zwei Fantasy Legenden und sogar einen science- fiction- Roman begonnen. Dann hatte sie beschlossen, ihre täglichen Erlebnisse in die Form einer Geschichte zu packen. Ihre Hauptperson: Maya Phills. Der Name war ihr spontan in der Straßenbahn eingefallen, einfach so. Sie wusste bis heute nicht, was sie inspiriert hatte. Doch was immer es war, im Moment war es irgendwo weit weg. Mini saß Kaugummi kauend vor ihrem Laptop und wusste nicht recht, was sie schreiben sollte. Eigentlich hatte sie vorgehabt, an dieser Stelle einen wahnsinnig lyrischen inneren Monolog zu schreiben, doch die wenigen Satzfetzen, die ihr in den Sinn kamen, waren schnulzig und inhaltslos. Maya konnte nun mal nicht philosophieren. Nur so aus Spaß minimierte sie das Dokument und öffnete stattdessen ihre alte Romanze, die sie immer noch auf dem Computer gespeichert hatte und las aus der Mitte heraus ein paar Zeilen. Danke! , hauchte sie und schmiegte sich an seinen Körper. Du bist ein echter Freund! Sie konnte nicht ahnen, dass er viel mehr  als nur ein Freund war. Wie peinlich! Kaum zu glauben, dass sie so etwas allen Ernstes hatte veröffentlichen wollen. Sie schloss den Kitsch und kehrte zu ihrem aktuellen Roman zurück. Hastig überflog sie die letzten paar Worte. Jetzt, da sie zwischendurch etwas anderes gelesen hatte, fiel es ihr noch schwerer, Anschluss zu finden. Hoffnungslos klappte sie den Laptop zu. Vielleicht verharrte sie nur schon zu lange in der gleichen Stellung. Sie stand auf, um ein bisschen vor die Tür zu gehen. Die kalte Luft schlug ihr entgegen. Es wehte starker Wind, beinahe Sturm. Trotz der Kälte liebte sie dieses Wetter. Hier draußen würde sie sofort Inspiration finden. Aber sie wollte jetzt nicht weiterschreiben. Lieber sehen, ob heute irgendetwas Interessantes geschehen würde, das ihr neuen Stoff lieferte.

Sie ging Richtung Stadt, flott, aber doch nur so schnell, dass sie die Gegend noch gut beobachten konnte. Ein paar wehende Blätter dort, ein paar Vögel da, nichts, was einem ordentlichen Material für ihren Roman nahe kam. Sie wollte etwas Besonderes schreiben, nicht nur normale Alltagsgeschichten in ihr Buch packen, sie wollte endlich einmal einen Kassenschlager landen!

Anstrengend nach irgendetwas suchend wurde sie langsamer und blieb neben einer Hausmauer stehen. Ein Fenster etwas über ihr stand offen und sie hörte laute Stimmen vom Inneren des Gebäudes. Ein Streitgespräch! Bemüht, leise zu atmen, drückte sie sich gegen die Mauer und lauschte. Sie wollte schon ihren Notizblock zücken, den sie immer bei sich hatte, als sie inne hielt. Mini musste lachen. Jetzt war sie schon so weit gesunken, dass sie Privatgespräche belauschte nur um ein paar Zeilen mehr für ihren Roman zu ergattern. Sie schüttelte den Kopf und ging weiter.

Der Wind wehte um ihre Ohren, sie schlug den Schal vor den Mund und beobachtete weiter. Blätter, Vögel, und sogar einen Hund, der gegen einen Baum pinkelte, herrchenlos. Doch für ihr Buch fand sie nichts. In der Stadt angekommen, beschloss sie, im Buchhandel etwas herumzuschmökern. Vielleicht ergab irgendetwas in einem anderen Buch fabelhafte Ideen für ihren Roman. Vielleicht. Wirklich überzeugt war sie nicht, aber einen Versuch war es wert. Sie hätte es nicht beginnen sollen. Eigentlich wusste Mini, dass sie nirgendwo mehr Zeit vertrödelte als in einem Buchladen. Gerade mal drei Bücher hatte sie, laut ihrer Ansicht, „überflogen“, als sie einen Blick aus dem Fenster warf. Es war bereits dunkel draußen. Sie fluchte. Nichts hasste Mini mehr, als im Dunklen alleine nach Hause zu gehen. Gut sie war kein kleines Kind mehr, aber irgendwie hatte sie immer das Gefühl, jemand würde sie verfolgen. Wahrscheinlich las sie zu viele Kriminalromane. Sie beschloss, eilig aufzubrechen und bis zur zweiten Busstation zu Fuß zu gehen. Etwas Bewegung schadete ihr nicht.

Sie schlüpfte wieder in ihre Handschuhe, verdeckte mit dem Schal die Hälfte ihres Gesichtes und ging hinaus in den eisigen Winterabend. Es hatte zu schneien begonnen. Kein Mensch war mehr auf der Straße zu sehen. War es wirklich schon so spät geworden?! Nach zehn Minute sah sie aus wie ein Schneemann. Die dicken Flocken hatten sich überall auf ihr festgesetzt. Sie könnte ein Kapitel in ihrem Roman über irgendein Schneeabenteuer schreiben. Nein, langweilig. Sie seufzte. Der kleine Ausflug hatte überhaupt nichts gebracht. Nicht einmal den Funken von einer Idee war in ihrem Kopf aufgetaucht. Sie kam wieder an dem Haus vorbei, an dem sie vorher gelauscht hatte. Das Fenster stand noch immer offen. Doch als Mini vorbeiging, hörte sie einen Schrei. Verdutzt blieb sie stehen. Dem Schrei folgte ein dumpfer Aufprall und flehende Worte. Der Atmenrauch vor Minis Mund blieb aus. Sie drückte sich wieder gegen die Hausmauer, bei jedem Schritt dorthin schien ihr, dass der Schnee unter ihren Füßen dreimal so laut knirschte wie normal. Sie hörte noch einen Schrei, gefolgt von einem weiteren Aufprall, dann eine dumpfe Männerstimme. Sie war voller Hass. Mini zückte ihren Notizblock. Der Stift fiel in den Schnee. Sie hielt inne. Hatte man etwas gehört? „Blödsinn,“ sagte sie zu sich in Gedanken. Sie hörte wieder die zitternde Stimme und begann zu notieren. „ Bitte , bitte nicht. Du verstehst das falsch,...“ Was notierte sie da? Was ging im Haus vor sich? Mini steckte den Notizblock weg, drehte sich um und stellte sich auf Zehenspitzen. Vorsichtig versuchte sie über den Fensterrand zu lugen, was ihr nach einiger Anstrengung auch gelang. Der Raum war spärlich beleuchtet, sie konnte nur Schatten sehen, doch das reichte. Am Boden lag eine weibliche Gestalt. Vor ihr stand ein dicker, bullig wirkender Mann, eine Pistole in der Hand. In Null Komma nichts hatte Mini realisiert, was dort drin passierte. Er wollte sie umbringen.
Kaum war der Gedanken in ihrem Kopf angekommen, drückte der Mann ab. Sie konnte fast die Kugel durch die Luft schweben sehen, wie in manchen Filmen. Sie traf die Frau in der Brust. Diese sackte komplett auf den Boden und blieb dort liegen, bewegte sich keinen Zentimeter mehr.
Ihr Verstand hätte Mini in diesem Moment sagen müssen, sie solle den Mund halten, doch dieser hatte sich für ein paar Sekunden ausgeschalten. Sie schrie. Kaum war der Laut aus ihrem Mund gekommen, schlug sie auch schon die Hand davor. Der Täter blickte in ihre Richtung und sah sie noch, bevor sie in Deckung gehen konnte. Er stürmte aus dem Zimmer. Minis Verstand schaltete sich wieder ein. Ihre fünf Sinne arbeiteten wieder. Sie hörte den Bus kommen, hastete die letzten paar Meter zur Busstation und sprang hinein. Sie nahm Platz und blickte aus dem Fenster. Als der Bus sich in Bewegung setzte, stürmte eine Gestalt aus dem Gebäude.
Erst jetzt merkte Mini, wie schnell ihr Atem ging. Sie kauerte sich in den Sessel und versuchte sich zu beruhigen. Immer wieder tauchten die Bilder der letzen Minuten vor ihren Augen auf. Das Geräusch des Schusses, der zusammensackende Körper und der Blick des Opfers. Mini schlug erneut die Hand vor den Mund, um nicht wieder losschreien zu müssen.
Sie wusste später nicht mehr genau, wie bzw. wann sie nach Hause gekommen war, ob sie sich noch die Zähne geputzt hatte oder die Tür abgesperrt hatte. Nur mehr an die Bilder der Gewalttat konnte sie sich erinnern.
Sie wachte am nächsten Morgen völlig verschwitzt auf. Hatte sie geträumt? Sie stand auf, ging ins Bad und schaute in den Spiegel. Sie war definitiv gestern vor dem Schlafen nicht mehr im Badezimmer gewesen. Rund um ihre Augen war verschwommener, schwarzer Kajal. Hatte sie geweint? Sie wusch sich das Gesicht. Eiskalt. Danach tappte sie in die Küche. Sie brauchte jetzt deutlich eine große Tasse sehr starken Kaffee, um ihren Kopf wieder klar zu kriegen. Hatte sie sich das alles nur eingebildet, geträumt? Einen interessanten Plot für ihren Roman erfunden? Sie brühte den Kaffee auf und ging vor die Haustür, um die Zeitung herein zu holen. Kaum hatte sie die Türe wieder geschlossen und ging in Richtung Küche, las sie es. Sie hatte nicht geträumt, definitiv nicht. Es war ein Mord geschehen, der Täter war flüchtig, der Mord war echt gewesen, kein schlechter Film, es war ein Mord, den sie beobachtet hatte. Sofort begannen Gedanken in ihren Kopf umherzurasen. Hatte der Mörder sie erkannt? Verfolgte er sie nun? Sollte sie zur Polizei gehen? Hilfe suchen bei vertrauenswürdigen Personen? Was, wenn der Mörder bereits vor ihrer Haustür auf sie warten würde?
Sie sollte zur Polizei gehen, eindeutig, machte ihr eine Stimme ganz hinten in ihrem Kopf klar. Eine Stimme, die wohl, als sie gestern Nacht schrie, geschwiegen hatte. Aber was sollte sie dort erzählen? Ja, ich habe einen Mord beobachtet, der Täter war ein Mann, keine Ahnung, wie er ausgesehen hat. Bei so einer Aussage würde sich die Polizei sicher nicht über ihre Mithilfe freuen, verschwendete Zeit. Warum sollte sie also gehen?
Sie legte die Zeitung neben die bereit gestellte Tasse und goss Kaffee ein. „ Verdammt“, fluchte sie. Mini hatte weiter gelesen. Und sich die Hand nun mit dem Kaffee verbrüht. Sie musste es jemanden erzählen. Vergessen konnte man so etwas nicht. Man musste es verarbeiten. Sie kam sich vor wie in einem typischen Hollywoodfilm. Oh mein Gott. Mini musste lachen. Wem sollte sie es denn erzählen? Sie hatte nichts in der Hand gegen den Täter. Sie konnte weder den Angehörigen noch der Polizei helfen, ihn zu fassen. Es gab nur einen, dem sie es erzählen konnte, der sicher gut zuhören würde. Ihr Buch.
Sie vergaß ihren Kaffe am Küchentisch und ging Richtung Arbeitszimmer, setze sich nieder, legte die Finger auf die Tastatur und wartete, bis der Computer hochgefahren war. Wie sollte sie das Gesehene am Besten verpacken? Konnte sie dann den Roman überhaupt veröffentlichen? Was wäre, wenn der Täter sich in der handelnden Person ihres Buches wieder erkennen würde? Fragen, die sie vorübergehend beiseite schob. Der Computer war hochgefahren und für Mini gab es jetzt nur mehr Buchstaben und ihre Gedanken, die dadurch auf Papier gebracht wurden. Sie beschrieb alles, jede Sekunde, die sie miterlebt hatte. Die Bilder des Mordes kamen wieder während des Schreibens, immer wieder. Doch es half. Die Gedanken um das Geschehene kreisten nun nicht mehr so wild in ihrem Kopf umher sondern standen jetzt auf Papier, schwarz auf weiß.
Mini schrieb und schrieb, alles, an das sie sich erinnern konnte, dann schaute sie wieder einmal aus dem Fenster, es hatte wieder zu schneien begonnen, bis es Abend wurde. Der Tag war an ihr vorbeigezogen wie die restlichen Erinnerungen jetzt noch in ihrem Kopf kreisten, sie hatte noch nicht alles niedergeschrieben. Sie fiel in einen tiefen Schlaf, am Schreibtisch, ihr Kopf auf der Tischplatte.
Sie schrieb die nächsten Wochen daran. Änderte etwas, fügte etwas hinzu und dachte intensiv darüber nach, ob sie den Roman nun veröffentlichen könnte oder nicht. Würde sich jemand  angesprochen fühlen? Der Täter konnte sich nie ertappt vorkommen, Mini hatte zu wenig Details über ihn mitbekommen, aber was, wenn das Dazuerfundene auf ihn zuträfe? Würde er versuchen, sie zu finden, zu töten, würde er sich verstecken? Keiner außer Mini und ihm würde wissen, dass der geschriebene Mord echt war.
Mini trank viel Kaffe in diesen Wochen, sehr viel, und aß viel zu wenig, aber am Ende war sie entschlossen, den Roman zu veröffentlichen. Sie griff sofort zu ihrem Handy, bevor sie es sich anders überlegen würde, sie war sich sicher, dass dies die richtige Entscheidung sei. Hektisch suchte sie nach ihrem Telefonbuch und knickte beim Blättern beinahe die Seiten um. Sie hatte sich früher schon einige Verleger zusammengesucht, falls sie einmal mit einem ihrer angefangenen Bücher fertig sein würde. Sie probierte es auf gut Glück bei einem und wartete ungeduldig auf eine Stimme am anderen Ende, die kam, doch es war leider der Anrufbeantworter. Mini war schon fast dabei ihr Handy wieder wegzulegen, doch sie riss sich zusammen und wählte die nächste, herausgesuchte Nummer. Diesmal meldete sich jemand.
„Ich möchte ein Buch veröffentlichen“, hauchte Mini in den Hörer.

 

 

 

Sie hatte Glück gehabt. Der Verlag suchte junge, neue Autorinnen. Und ihre Geschichte war besonders gut angekommen. „ So wahrheitsgetreu“, witzelte der Probeleser. Einige Wochen später war es so weit.

 

Das Manuskript war schon von einem Lektor gelesen worden und befand sich bereits in der Druckerei. Mini hatte die restlichen Tage damit verbracht, das zu tun, was sie am meisten von ihrer Angst ablenkte. Sie hatte Angst. Wahnsinnige Angst. Immer öfters verfluchte sie ihre Idee, den Roman mit der Beschreibung des Mordes zu veröffentlichen. Der Mörder würde sich rächen, ganz bestimmt. Da war sie sich sicher.
Oder doch nicht? Vielleicht würde er diese Geschichte ja gar nicht als seine eigene sehen. Es gab doch viele Morde auf der Welt, und wahrscheinlich auch viele, die ähnlich stattfinden.
Wenige Tage später war es so weit. Mini hielt das erste gedruckte Exemplar in der Hand. Es war dick geworden das Buch, dicker als sie gedacht hatte.
Irgendwie freute sie sich schon auf die Präsentation. Was sollte schon passieren? Der Verbrecher würde sicherlich keinen Anschlag auf sie Planen.
Mitten in einem Einkaufszentrum stellte sie stolz ihren Roman vor.
Sie hatte fleißig Autogramme gegeben und in die Kameras gelächelt und war als die neue Bestsellerautorin verschrien worden. Nun stand sie da und starrte auf den grauen Umschlag. „ Lebensgeschichten“ hieß das Buch.
„Mini?“ Sie erkannte die Stimme sofort. Es war Karl, ihr alter Nachbar. Sie drehte sich um und fiel ihm um den Hals. „ Hab ich nicht gesagt, wenn du es schaffst ein Buch zu veröffentlichen, werde ich einer der ersten sein, die es lesen?!“, sagte er und lächelte sie an. Seine Stimme war einzigartig. Mini war begeistert von ihr. Sie stellte sich immer vor, wie er ihre geschriebenen Werke vorlas. Vielleicht würde sie ihn einmal dafür engagieren können. Sie plauderten noch ein bisschen, doch ein Einkaufszentrum war nicht der perfekte Ort dafür. Im Hintergrund liefen laut irgendwelche Kommerzweihnachtslieder und schreiende Kinder wuselten zwischen ihnen hindurch. Bald verabschiedeten sie sich wieder. „ Mini, vielleicht sehen wir uns mal wieder“, rief er ihr zum Abschied noch zu und war in der Menge verschwunden.
Mini ging nach Hause. Sie war erschöpft und es tobten noch immer viel zu viele Gedanken in ihrem Kopf. Sie wartete immer noch auf Drohbriefe oder Anrufe zu bekommen. Absurd. Sie schüttelte den Kopf. Einfach nicht so viel Gedanken machen! Nahm sie sich vor.

 

Es vergingen Tage, Wochen. Mini hatte ihre Ängste trotzdem nicht verdrängt. Man kann das Beobachten eines Mordes nicht verdrängen, da war sie sich sicher, obwohl sie es aufgeschrieben hatte. Aber noch nie war sie sich so sicher, dass der Mörder das Buch hundertprozentig lesen würde. Und dann würde er sich rächen. Ihr lief ein Schauer über den Rücken.
Es war ein Dienstag, als etwas später am Abend das Telefon läutete. Wer würde sie jetzt um die Zeit noch anrufen? Sie war gerade von einem Kaffe bei ihrer Freundin nach Hause gekommen. Gerade rechtzeitig. Als sie ins Vorhaus trat, klingelte es. Sie hob ab. „Mini Mayr, guten Abend?“ Nichts. Stille. „Hallo?“ Keiner meldete sich. „ Wahrscheinlich verwählt und zu feig etwas zu sagen.“, dachte sie und legte den Hörer wieder auf die Gabel.
Bei diesem einen Anruf blieb es aber nicht. Das Telefon läutete noch öfters, bis in die Nacht hinein. Nie eine Antwort. Als Mini es mit der Angst zu tun bekam, steckte sie das Telefon aus, legte sich ihre Lieblingsscheibe in den CD-Player und versuchte zu schlafen.
Sie war schon fast eingenickt. Eigentlich schlief sie schon im Halbschlaf, als sie plötzlich kerzengerade im Bett saß. Der Mörder! Er hatte sie die ganze Zeit jetzt angerufen, wollte ihr Angst machen, was ihm nun erst recht geglückt war. Wahrscheinlich hatte er das Buch jetzt fertig gelesen, sich erkannt, als Hauptperson, und war sehr wütend geworden. Wahnsinnig wütend. Mini fing zu zittern an. Sie saß in ihrem Bett, der Schein der Straßenlampe schien durch das Fenster und ihr ganzer Leib schüttelte sich. Wollte nicht mehr aufhören. Ihre Zähne begannen zu klappern. Sie wollte aufstehen, aber niemand in der Welt konnte sie in diesem Moment dazu überreden, nur einen Schritt aus ihrem sicheren, war es sicher? , Bett zu bringen.
So saß sie da. Zusammengekauert und alleine. Und hatte Angst.

 

Wie sie eingeschlafen war, wusste sie am Morgen nicht mehr. Oder ob sie überhaupt geschlafen hatte. War sie die ganze Nacht in ihrem Bett gesessen und hatte gezittert?
Gut möglich, so lausig, wie sie sich fühlte. Wie nach einer durchzechten Nacht. Nur mit einem grauenhaften Hintergedanken im Kopf. Ein Mörder war hinter ihr her. Es war erst sieben Uhr in der Früh. Mini schlief immer länger. Sie war völlig durcheinander, sie befand sich absolut in einem seelischen Chaos.
Irgendwann konnte sie sich überwinden und wankte in die Küche. Nach zwei Kaffees fühlte sie sich besser. Aber nicht gut. Zum Essen brachte sie nichts hinunter.
Sie versuchte es mit ein paar Bissen Brot, doch es würgte sie bloß. Sie ging duschen, ließ stundenlang das lauwarme Wasser über ihren Körper laufen, über ihr Gesicht rinnen. Es brachte nichts und sie drehte den Hahn in den blauen Bereich. Eisig war das Wasser nun. Sie fing wieder zu zittern an und versuchte krampfhaft, klar zu denken. Ohne Erfolg.
Sie glaubte andauernd das Telefon läuten zu hören, doch bis jetzt hatte sie sich noch nicht getraut es wieder einzustecken. Würde sie auch bis auf weiters nicht tun. Einmal klingelte es an der Tür, doch sie machte nicht auf. Wer sollte sie schon besuchen kommen? Außer der Mörder. Ihr Handy hatte sie auch ausgeschaltet.
„ Mini, das ist nicht gut!“, hämmerte es in ihrem Kopf, doch was sollte sie tun? Jetzt zur Polizei gehen war sinnlos, sie würden ihr nun nicht mehr glauben. Da hätte sie schon gleich gehen müssen, geschweige denn davon, dass sie sich jetzt auf keinen Fall aus dem Haus traute. Er könnte überall sein. Und ihre Freunde? Würden beleidigt sein, dass sie es nicht gleich erzählt hatte und ihr womöglich auch nur raten, zur Polizei zu gehen.
Doch sollte sie sich jetzt nur in ihrer Wohnung verschanzen?
Sie beschloss sich zu überwinden und ging zum Telefontisch. Schnell einstecken und gleich wählen. Die Nummer ihrer besten Freundin. Sie bückte sich und steckte den Stecker wieder in die Steckdose. Doch sie hatte keine Chance schnell zu wählen. Sobald er steckte, noch während sie sich wieder aufrichtete, läutete es.
Sie hob ab. Instinktiv. Eher wäre sie weggerannt, doch irgendetwas hielt sie fest. „ Ja“, hauchte sie in den Hörer. Keine Antwortung. „ Sagen Sie etwas, bitte! Wer sind Sie?!“, ihre Hand begann zu zittern. Sie wollte schon wieder auflegen, als sich etwas am anderen Ende der Leitung rührte. „ Hallo, Mini“. Man verstand die Stimme nicht gut, sie war verzerrt. „Wer ist da? Hallo? Sagen Sie etwas!“, sie wusste nicht, ob der Anrufer sie überhaupt verstanden hatte, so wie sie in den Hörer hineinnuschelte beziehungsweise krächzte. Doch sobald sie sich halbwegs gefasst hatte und wieder etwas sagen wollte, hörte sie schon wieder nur den „Besetzt“-Ton.
Verzweifelt zog sie den Stecker wieder aus der Dose.
Sie ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie wahnsinnig Hunger hatte. Irgendwie waren ihre Gedanken in den letzten Tagen woanders gewesen als bei Trinken und Essen. Vielleicht sollte sie etwas kochen um auf andere Gedanken zu kommen. Doch sie verwarf die Idee sofort als sie den Kühlschrank öffnete. Komplette Leere befand sich in ihm. Sie war immer zu feige gewesen um aus dem Haus zu gehen um ein paar Einkäufe zu erledigen. Das einzige was ihr nun überblieb war den Pizzaservice zu rufen. Sie beschloss ihr Handy einzuschalten. Dort hatte der Mörder noch nie angerufen. Als sie es eingeschalten hatte, traf sie beinahe der Schlag. Es klingelte. In dem fröhlichen Ton den sie vor zwei Wochen eingestellt hatte. Er passte absolut überhaupt nicht zu ihrer derzeitigen Stimmung. Sie hob ab.
„Mini? Endlich“, es war ihre Freundin Lisa, bei der sie auf einen Kaffe gewesen war. „Lisa, du bist´s“, schnaufte Mini erleichtert ins Telefon. „ Mein Telefon gibt glaub ich den Geist auf, deswegen rufe ich dich von Max´ Handy an.“ Max war ihr langjähriger Lebenspartner. „ Ich hätte es die letzte Zeit schon öfters bei dir zu Hause versucht, beziehungsweise klingeln lassen, doch du hast entweder nicht abgehoben oder mein Telefon sponn herum. Du hast deinen Swarovskiring bei mir zu Hause vergessen!“
Wenn man Mini später gefragt hätte was sie in dieser Situation gefühlt hatte, könnte sie es vermutlich nicht formulieren. Mit einem Schlag löste sich die Anspannung, die in hier gesessen hatte und sich darauf gefreut hatte ihr immer wieder neue Stöße zu verpassen. Ein Lächeln huschte auf die Lippen. „ Ich komm vorbei.“, kicherte sie fast in den Hörer und legte nach einer kurzen Verabschiedung auf.
Sie schüttelte den Kopf und ging ins Schlafzimmer um sich umzuziehen. Typisch, sie hatte sich mal wieder in etwas hineingesteigert. Stolz nahm sie ihr eigenes Buch in die Hand. Sie hatte sich noch nicht so wirklich über ihren Erfolg freuen können, doch jetzt brach es aus ihr heraus. Sie, Mini Mayr, hatte es doch tatsächlich geschafft, einen Roman herauszugeben! Und die Verkaufszahlen stiegen auch immer weiter hoch. Mini war sich nicht sicher, aber sie glaubte eine Träne des Glücks über ihre Wange rinnen zu spüren.
Wenig später trat sie auf die Straße und machte sich auf Richtung Busstation. Ihre Freundin wohnte in der Stadt und zu Fuß am Haus des Mordes vorbeizugehen? Nein, danke! Mini verzichtete darauf.

 

Sie hatte ihren Ring zurück und war wieder auf dem Weg zur Busstation als ihr eine bekannte Stimme hinterher rief. Karl! Sie war froh ihn zu sehen.
„Laufen wir ein Stück?“, schlug er ihr vor und Mini konnte nicht Nein sagen. Ihr war klar, dass sie dann genau an der Häuserzeile vorbeigehen musste, die sie absolut meiden wollte. Doch sie würde abgelenkt sein. Beschloss sie.
Sie war ganz in das Gespräch vertieft, dass sie mit Karl führte, als sie aufschaute und sah, dass es nur mehr wenige Meter bis zu der besagten Wohnung waren. Sie atmete tief durch. „ Ich muss mich leider von dir verabschieden, Mini“, lächelte Karl ihr zu „ Ich wohne jetzt hier.“ Als Mini sah, wo seine Fingerspitze hinzeigte, war es ihr nicht mehr möglich zurück zu lächeln. Die Wohnung. „ Hoffentlich sieht man sich bald wieder mal. Ich muss jetzt endlich beginnen, dein Buch zu lesen!“ Ihr blieb nichts anderes übrig als starr und wie mit gefrorenen Gliedern, jedoch nicht von der Kälte, vor dem Haus zu stehen und ihm mit einem starren Lächeln zu verabschieden. In dem Moment fuhr der Bus vor. Sie rannte zur Haltestelle. „ Machs gut Mini“, rief er ihr noch nach.

 

Als sie zu Hause war, beschloss sie duschen zu gehen und danach zu schlafen. Morgen würde sie wieder aufstehen und vielleicht Essen einkaufen gehen. Der Hunger hatte sie wieder verlassen. So schnell würde er wohl nicht mit dem Buch fertig werden.
10.1.09 17:41


Chocolate & Contortion, Kurzgeschichte von Hanni

Ein roter Mantel steht an der Bushaltestelle. Der rote Mantel hat eine Tasche und eine Haube. Es ist eine abgelegene Bushaltestelle, es fährt nicht oft ein Bus. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen, wie der rote Mantel seine zitternden Finger in seine Tasche drückt. Das muss aber nichts bedeuten, dem roten Mantel kann ja auch einfach kalt sein, schließlich hat er nur eine Haube, keine Handschuhe. Er sieht nichts und niemand sieht ihn, das meint zumindest der rote Mantel. Etwas abseits steht ein schwarzes Auto. Durch die Windschutzscheibe, wirft es gelegentlich einen Blick auf den roten Mantel. Dann wird es schwermütig. Natürlich hat das schwarze Auto gewusst, dass der rote Mantel nicht auf ewig ihr kleiner Junge bleiben würde. Doch jetzt, wo es soweit ist, wünscht es sich, er wäre noch einmal zehn Jahre alt und sie könnte ihn verhätscheln und umsorgen wie früher.

Der rote Mantel zittert. Vielleicht ist es doch nicht die Kälte. So kalt ist es hier nicht, dass man derart schlottern könnte. Der rote Mantel ist wohl zu Tode nervös. Immerhin wird er heute alles verlassen, das er bisher gekannt hat. Er wird in ein anderes Land reisen, auf einen anderen Kontinent. Ob er sich gar nicht freut? Doch, natürlich freut er sich. Das ist es, was er immer gewollt hatte. Aber er ist aufgeregt. So aufgeregt wie noch nie.

Von hinten rollt langsam der Bus vor den Bordstein. Der rote Mantel hört es nicht. Erst als der Schatten auf sein dunkles Gesicht fällt, bemerkt er die Ankunft. Die Tür öffnet sich, der rote Mantel steigt ein. Im Bus ist es ruhig und leer. Es sitzen nur zwei andere Personen darin. Eine Frau, die einen kleinen Hund streichelt. Ganz hinten ein Mann, der wie in seiner eigenen Welt aus dem Fenster starrt. Der rote Mantel verstaut seine schwere Reisetasche im Gepäcknetz, setzt sich ans Fenster und legt seine Haube neben sich. Erst jetzt sieht er, dass das schwarze Auto noch immer da steht. Er hatte geglaubt, es wäre längst weggefahren. Langsam hebt er eine Hand um ein letztes Mal zu winken, dann fährt der Bus auch schon ab.

 

Es sind viele Stunden vergangen. Die lange Busfahrt, der anschließende noch viel längere Flug… Die ganze Zeit über hat der rote Mantel kaum geredet, nicht gelächelt, nichts angefangen. Nur gegrübelt, als wäre er zum Grübeln geboren. Vor ein paar Minuten, hat er in seinem Hotelzimmer eingecheckt, bis jetzt ist alles soweit ganz gut gelaufen. Er stellt die Tasche ab, zieht die Schuhe aus und hängt Mantel und Haube an einen Kleiderständer. Der rote Mantel hängt leblos am Haken, sein Besitzer ist von nun an auf sich allein gestellt. Ohne sich unter seinem Mantel zu verstecken, streift er durch das schön eingerichtete Zimmer ins Bad. Im Spiegel sieht er sein Gesicht. Kurze Zeit braucht er, um sich selbst zu erkennen. Chris Moya. Der Schokoladenfabrikant, der sich doch allen Ernstes in den Kopf gesetzt hat, Berufstänzer zu werden. Ausgerechnet er, der früher in der Schule nicht mal schmerzfrei ein gestrecktes Bein heben konnte. Es hatte ewig gedauert, bis er seine Unbeweglichkeit endlich ins Reich der Vergangenheit hatte schicken können. Noch heute erinnert er sich ganz genau an den Tag, an dem er zum allerersten Mal einen Spagat geschafft hatte. Das war in Frau Mebalis kleiner Ballettschule. Sie hatte ihn an den Schultern herunter gedrückt. Es hatte höllisch weh getan, doch der Schmerz war das Erfolgsgefühl, als er plötzlich den Boden unter sich spürte, absolut wert.

Als er so lebhaft an seinen ersten Spagat denkt, spürt er, wie sich in seinem ganzen Körper seine wohl bekannte Hyperaktivität ausbreitet. Seit Ewigkeiten hat er nur gesessen. Irgendwann einmal hat er gehört, dass der menschliche Körper ursprünglich gar nicht zum Sitzen gebaut ist. Zeit für ein bisschen dehnen. Um auch genügend Luft zu haben, öffnet er ein Fenster. Draußen glitzert die Stadt. Frankfurt bei Nacht. Ein belebtes Bild. In dem kleinen Dorf, aus dem er kam, war die Nacht immer die ruhigste Zeit gewesen, hier scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Wieder beginnt er über den morgigen Tag zu grübeln. Schnell dreht er sich vom Fenster weg. Er muss sich dringend ablenken, denn heute Nacht nicht schlafen zu können und morgen dann die ganze Zeit zu gähnen, das kann er sich unmöglich leisten. Aus seiner Tasche kramt er seine Sportsachen hervor. Sie liegen ganz oben auf, da  er sie bis zuletzt noch gebraucht hat. Schon nach einigen wenigen Aufwärmübungen spürt Chris, wie es ihm besser geht. Tanzen hilft ihm in jeder Lebenssituation. Kaum zu glauben, dass er erst mit zwölf Jahren damit angefangen hat. Mittlerweile ist er regelrecht süchtig, jeden Tag übt er ein paar Stunden. Heute allerdings hört er schon nach knapp fünfzig Minuten auf. Er ist einfach zu müde. Das Hotelbett ist gemütlich. Hier wird er schnell einschlafen. Trotz aller Aufregung fallen ihm schon bald die Augen zu.

 

Durch das Fenster fällt rosa Morgenlicht in den Raum. Chris versucht vergeblich einen lockeren Eindruck zu machen, während der Mann hinter dem Computer ihm Fragen stellt.

„Sie heißen Chris Moya, richtig?“

„Ja!“ Der Satz war zu kurz. „Das stimmt.“

„Ich sehe, Sie sind aus Uganda. Wann sind Sie denn hier angekommen?“

„Erst gestern Abend.“

„Sie müssen ja todmüde sein!“

„Ein bisschen schon, aber es geht. Ich habe schon geschlafen.“ Es ist schwierig mit dem Mann zu reden. Chris beherrscht die deutsche Sprache, aber dass hier so schnell gesprochen und vor allem derart genuschelt wird, hat er nicht gewusst. Er hofft nur, dass er keinen allzu starken Akzent hat. Ihm selber fällt nichts auf, aber das heißt ja noch nichts.

„Und hatten Sie einen guten Flug?“, fragt der Mann.

„Ja, es war in Ordnung. Aber anstrengend.“

„Glaub ich, glaub ich. Ich persönlich fliege gar nicht gern. Wie gefällt Ihnen Deutschland?“

„Ich muss zugeben, dass ich noch nicht viel gesehen habe. Aber bis jetzt gefällt es mir sehr gut.“

Der Mann lächelt. Wahrscheinlich hat Chris genau das gesagt, was er hören wollte. Sehr gut.

„Dann wollen wir hier mal weitermachen.“, beendet der Mann das kleine Privatgespräch. „Sie haben sich als Tänzer hier bei Afrika! Afrika! beworben? Ballett?“

„Modernes Ballett, ja. Ich sollte heute vortanzen.“

„Ja, richtig.“ Dann erhält Chris noch allerhand Informationen über das Wann und Wo genau, die er sich verzweifelt irgendwie zu merken versucht. Sein Vortanzen beginnt erst in einer Stunde. Vielleicht kann er vorher noch irgendwo etwas zu essen auftreiben, er hat noch nichts gefrühstückt und sein Magen knurrt unangenehm. Während er das Gebäude verlässt, versucht er, sich ganz genau zu merken, wie er hierher zurückkommt. Zu spät zu sein, weil er die Räumlichkeit nicht findet, geht gar nicht.

Im Erdgeschoss kommt ihm plötzlich eine junge Frau entgegen. Sie trägt Tanzschuhe und einen hautengen Anzug, sie sieht aus, als würde sie hier als Tänzerin arbeiten. Irgendwie kommt sie ihm bekannt vor. Das Gesicht, der Gang, die Figur… irgendwo hat er diese Frau schon einmal gesehen. Doch das ist nicht möglich, er war noch nie in Frankfurt. Sie scheint ihn auch nicht zu kennen, schnurstracks geht sie an ihm vorbei. Sie macht keine Anstalten auszuweichen, beinahe streift sie ihn sogar. Gerade, als Chris überlegt, ob er diese Aura kennt, hört e, wie hinter ihm jemand ruft: „Phil, kommst du?“ Die junge Frau antwortet, dann verschwindet sie hinter einer Tür. Phil. In Chris’ Kopf hallt der Name wieder, prallt an den Schädelwänden ab und wird hundertfach zurückgeworfen. Phil. Philomela Kint. Aus seiner alten Schule. Jede Pause war sie auf dem Schulhof der Mittelpunkt des Geschehens gewesen, Jahre lang. Ihre Eltern waren beim Circus gewesen und hatten Phil auf eine Karriere als Artistin gedrillt, seit sie ganz klein war. Mit acht Jahren war sie die Einzige gewesen, die schon genau wusste, was sie später arbeiten würde. „Ich werde Kontorsionistin.“, hatte sie immer gesagt und es war ihr absolut unverständlich gewesen, wenn irgendjemand nicht wusste, was Kontorsion war. Bei ihr zu Hause hörte sie dieses Wort hundertmal am Tag. Ihre Eltern wollten, dass sie eine erstklassige Kontorsionistin, eine Schlangenfrau wurde. Sie konnte schon als kleines Kind einen Überspagat, sie konnte ihr gestrecktes Knie hinter den Kopf heben und ihren Rücken in alle Richtungen verbiegen, als sei es ein Schlauch. Chris hingegen war in dieser Zeit der Unsportliche gewesen. Er hatte überhaupt kein Talent zu irgendeiner körperlichen Aktivität gehabt. Es war Phil, die ihn aufs Tanzen gebracht hatte. Wie so ziemlich jeder Junge damals, war auch Chris in sie vernarrt gewesen, sah aber natürlich keine Chance, sie für sich zu gewinnen. Er war immer der gewesen, der sie aus der Ferne betrachtet hatte. Als sie zum ersten Mal ein richtiges Gespräch miteinander führten, kannten sie sich bereits jahrelang ohne je über Smalltalk hinaus gekommen zu sein. An diesem Nachmittag hatte er sie nach Hause begleitet. Normalerweise wurde sie immer von ihrer Mutter abgeholt, doch an diesem Tag hatte keins ihrer Elternteile Zeit und sie musste zu Fuß gehen. Es war nicht übermäßig weit, doch sie war es nicht gewohnt. Chris hatte seinen ganzen Mut zusammengenommen und sie gefragt, ob er sie begleiten könne. Sie hatte sich gewaltig gefreut. Auf dem Weg hatten sie über ihre Zukunft gesprochen. Er hatte ihr erzählt, dass er später einmal in der Schokoladenfabrik seiner Eltern arbeiten solle, vielleicht sogar als Geschäftsführer. Ihre Pläne kannte er ja, dennoch hörte er gerne noch einmal, wie sie ihm schilderte, wie gut es ihr gehen würde, wenn sie es schaffen würde hauptberuflich von Kontorsion zu leben. Sie erzählte ihm, wie schön es war, wenn man etwas Neues erreicht hatte, über das einzigartige Gefühl, wenn man seine Füße neben seinem Kopf sah und über Afrika! Afrika!, die sagenhafte Show, bei der sie auf eine fixe Stelle hoffte.

Sie hat es geschafft, denkt Chris. Wenn das wirklich Phil war, dann hat sie ihren Traum verwirklicht und ist jetzt Berufskontorsionistin bei Afrika! Afrika!. Jetzt muss er es auch noch schaffen. Er weiß noch, wie er am Abend nach dem Gespräch mit Phil seine Eltern gefragt hatte, ob er Ballettstunden nehmen dürfe. Seine Mutter hatte fast einen Herzinfarkt erlitten, doch sein Vater hatte gelacht und gesagt: „Wenn die Liebe zuschlägt, wird sogar aus unserem Chris ein Profischlangenmensch.“ Ahnungsvolle Eltern! Sie hatten genau gewusst, dass Chris ursprünglich nur zu tanzen begonnen hatte, um Phil näher zu sein. Was ihm auch gelungen war. Als Phil erfahren hatte, dass Chris Ballettstunden nahm, redete sie viel öfter mit ihm. Sie kannte seine Lehrerin Frau Mebali. Früher hatte sie selbst bei ihr gelernt, hatte aber bald eine professionellere Trainerin bekommen. In Chris hatte sie endlich jemandem gefunden, mit dem sie all ihre vielen Erfahrungen teilen konnte. Er hatte sich ihr gegenüber immer so verhalten, als wäre er schon immer ein genialer Tänzer gewesen, obwohl es Ewigkeiten gedauert hatte, bis er sich von seiner Hemmung verabschiedet hatte.

Phil ist hier, denkt Chris. Nie, niemals hätte er gedacht sie jemals wieder zu sehen, nachdem sie sich nach dem Schulabschluss nach und nach auseinander gelebt hatten. Und jetzt steht er in einer Eingangshalle in Europa und plötzlich begegnet sie ihm wieder, einfach so. Erkannt hat sie ihn nicht, wie auch? Er hat sich stark verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hat. Sein Körper ist kräftiger geworden und sein Gang viel aufrechter und selbstbewusster. Der kleine, schüchterne Junge vom Schulhof existiert schon lange nicht mehr. Den Großteil seiner Veränderung hat sie miterlebt, aber immer noch wenig genug, um ihn jetzt nicht mehr zu erkennen. Er hätte sie ja auch fast nicht erkannt. Sie ist so dünn geworden. Dick war sie nie, aber das, was er gerade gesehen hat, sieht schon fast abnormal aus. Vielleicht täuscht er sich auch nur, es waren immerhin nur ein paar Sekunden, die er sie gesehen hat. Ihr Stil hat sich auch verändert. Ihre wilde, krause Mähne, einst ihr Markenzeichen, hat sie zu hunderten von kleinen, schwarzen Zöpfchen mit weißen Bändern gezähmt. Es sieht verdammt hübsch aus, dennoch ist es anfangs ein Schreck.

Kurze Zeit bleibt Chris in der Eingangshalle stehen. Er hofft, dass Phil wieder hinauskommt, damit er sie ansprechen kann. Eigentlich ein absurder Gedanke. Sie hat jetzt bestimmt gerade Training und es wird ein paar Stunden dauern, bis sie fertig ist. Außerdem rückt sein Vortanzen immer näher, wenn er sich nicht gleich ein Frühstück besorgt, schafft er es nicht mehr.

 

Chris tanzt. Jeder kleinste Funken seiner Aufregung wird in Bewegungsenergie umgewandelt. Er dreht sich. Verbiegt sich. Springt hoch und landet im Spagat. Windet sich auf dem Boden. Kommt mit einer schwungvollen Bewegung wieder auf die Beine. Er hat einen Tanz vorbereitet, aber das hier ist eigentlich eine Improvisation. Die Musik fließt durch sein Nervensystem, dröhnt in seinen Knochen. Der wenige Schlaf, der Kaffee, der Gedanke daran, was alles von diesem Tanz abhängt, das fremde Land, das überraschende Wiedersehen mit Phil… alles vereint sich und wird zu einem einzigen, großen Klumpen Energie. Und diese Energie will raus. Sie entlädt sich in jedem Körperteil. Er vollführt Bewegungen, von denen er nicht gewusst hat, dass es sie überhaupt gibt. Doch jetzt sind sie da. Sie strömen durch den Saal, ohne sein Zutun, ganz von allein. Chris’ Aufgabe ist es, das Gleichgewicht zu halten, den Rest erledigt der Tanz selbst. Ein letzter Sprung, ein lauter, dröhnender Akkord, Chris landet in der Schlusspose. Ohne Vorwarnung ist der Tanz plötzlich zu Ende. Erst jetzt merkt er, wie sehr sein Herz schlägt. Wie schnell er atmet. Er bekommt kaum Luft. Vor seinen Augen ziehen schwarze Wölkchen auf. Seine Kehle brennt. Er braucht dringend Wasser. Mit einem festen Blinzeln vertreibt er die schwarzen Wölkchen. Es gelingt ihm trotz seiner Erschöpfung, sich aufzurappeln, um zu sehen was sein potentieller Vorgesetzter zu seiner Vorführung zu sagen hat. „Sie haben großes Talent, Herr Moya. Wir werden uns innerhalb der nächsten paar Tage bei Ihnen melden. Vielen Dank!“

„Danke schön!“ Chris kann kaum sprechen. Er versucht irgendwie aufrecht stehen zu bleiben. Er hat Kopfschmerzen und fühlt, dass er jeden Moment umkippen wird. Raus hier, denkt er. Ich muss hier raus. Ich kotze gleich. Nach einigen Formalitäten kann er den Saal endlich verlassen. Auf der Toilette trinkt er etwas Leitungswasser. Langsam geht es ihm besser. Sein Verstand schaltet sich nach und nach wieder ein. Es gelingt ihm wieder, einigermaßen klar zu denken. Hoffentlich war das genug. Es wäre nicht auszudenken, was wäre, wenn er hier keine Stelle bekäme. Er könnte zwar immer in der Fabrik seiner Eltern arbeiten, aber das ist es nicht, was er will. Er will tanzen. Um jeden Preis. Er hat so hart gearbeitet, um es zu lernen. Niemals wird er Frau Mebalis Gesichtsausdruck nach seiner allerersten Ballettstunde vergessen. Sie hatte zwar nichts gesagt, trotzdem war es so deutlich zu sehen gewesen, als hielte sie ein Schild hoch mit der Aufschrift: „Absolut hoffnungsloser Fall!“ Es hatte ihm sehr weh getan, dass damals niemand an ihn geglaubt hatte. Manchmal hatte er sogar nachts geweint. Und tagsüber hatte er geübt. Geübt, ohne Rücksicht, weder auf seine Schulnoten, die darunter litten, dass er für die Schule kaum noch Zeit aufbrachte, noch darauf, wem er im Weg war, noch auf seinen eigenen Körper. Wenn das Dehnen ihm wehgetan hatte, hatte er sich gesagt: „Das muss weh tun!“, mehr als eine Zerrung hatte er sich zugezogen und dennoch hatte er sich von nichts unterkriegen lassen bis dorthin, wo er jetzt steht: Ein Mann, der weiß, was er will und es bekommen wird, ein sagenhafter Tänzer und ein Kämpfer für seine Träume. Stick to your dreams! Diesen Spruch hatte er auf einen Zettel geschrieben und über sein Bett gehängt. Sogar hierher ins Hotelzimmer hatte er ihn mitgenommen.

 

Ein Tag ist vergangen. Die Leute von Afrika! Afrika! Haben sich bis jetzt noch nicht gemeldet. Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen! Unruhig sitzt Chris in seinem Zimmer und überlegt, was er tun könnte, um sich abzulenken. Gestern hat er mit seiner Mutter telefoniert. Sie hat sich das gewünscht. Er hat gesagt, es ginge ihm gut, aber eigentlich geht es ihm miserabel. Wenn er noch länger hier herum sitzt, wird er durchdrehen. Er denkt wieder an Phil.  Ob sie es gestern tatsächlich war? Er fasst einen Entschluss. Nur wenig später steht er vor dem großen Gebäude, in dem er sie gestern gesehen hat. Es ist mitten am Vormittag und Phil wird jetzt kaum herauskommen. Sollte sie tatsächlich da drin sein, dann bleibt sie vermutlich auch die nächsten paar Stunden dort. Wenn er sie sehen will, dann muss er wohl hineingehen. Er bleibt in der Eingangshalle stehen. Hier ist es am wahrscheinlichsten, sie wieder zu treffen. Er wartet lange, doch nach einer Zeit, die ihm ewig erscheint, kommt sie plötzlich aus einer der Türen. Wieder in ihrem hautengen Turnerinnenanzug mit einem Energiedrink in der Hand, vermutlich macht sie gerade Pause. Heute sieht auch sie ihn, vielleicht liegt es daran, dass er extra wegen ihr hergekommen ist, vielleicht auch nicht, er weiß es nicht, aber sie visiert ihn genau an und geht mit großen Augen ein paar Schritte auf ihn zu. „Kann es sein, dass wir uns kennen?“, fragt sie mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Du bist Phil Kint, oder?“ Mehr bringt er im Moment nicht fertig. Sein Herz schlägt wie wahnsinnig. „Ja…“ Auch sie ist verwirrt. „Ich bin… Chris Moya.“, stottert er. Sie schlägt sich überrascht auf den Mund. Ihre Augen beginnen freudig zu leuchten und sich erstaunt zu weiten. „Chris Moya?“, ruft sie. „Chocolate-boy?“ Chocolate-boy war sein alter Spitznahme aus Kindertagen. Aufgrund der Fabrik seiner Eltern hatte er oft Schokolade dabei gehabt und sich so mit der Zeit diesen Namen eingehandelt. Es klingt fehl am Platz diesen Namen hier zu hören und dennoch ruft er etwas Vertrautes in ihm wach. „Ich kann’s nicht glauben!“, lächelt Phil, während sie ihn umarmt. „Wie lange ist es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben? Drei Jahre? Vier?“

„Drei Jahre, glaube ich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich erschrocken bin, als ich dich hier gesehen habe!“ Er hat seine Sprache wieder gefunden.

„Du hast mich schon gesehen? Warum hast du nichts gesagt?“

In diesem Moment erscheint eine Person in der Tür, aus der Phil gekommen ist. „Oh, ich muss weiter machen. Eine Schande nicht wahr? Wir müssen uns unbedingt treffen. Ich komme um sechs hier raus!“ Dann verschwindet sie.

 

Um zwanzig nach sechs sitzen Chris und Phil in einem kleinen Café. Sie unterhalten sich angeregt über die Zeit, seitdem sie sich das letzte Mal in Uganda gesehen haben. „Ich bin schon bald nach der Schule hierher gekommen. Nur ein paar Monate später.“, erzählt sie. „Eigentlich haben meine Eltern mehr oder weniger diese Stelle für mich ausgesucht. Aber es ist sehr gut gelaufen alles seitdem. Am Anfang war ich nur im Hintergrund, jetzt bin ich Solistin.“

„Immer noch Kontorsion?“

„Sicher. Schau mal!“ Sie wühlt kurz in ihrer Tasche und bringt schließlich einen Flyer hervor. Werbung für Afrika! Afrika!. Vorne sind fünf Frauen abgebildet, die gerade ihre Wirbelsäulen verbiegen. Phil deutet mit dem Finger auf die Mittlere. „Das bin ich!“

Für einen Moment sind beide still. Phils stolzes Lächeln sagt genug. Schließlich fragt sie: „Und du? Was hast du solang gemacht?“

„Ich hab in der Fabrik gearbeitet, aber eigentlich nur als Überbrückung. Eigentlich will ich Tänzer werden.“

„Kontorsionist?“

„Nein, modernes Ballett. Gestern habe ich bei Afrika! Afrika! Vorgetanzt.“

„Ehrlich?“ Sie freut sich sichtlich für ihn. „Und? Bist du drin?“

„Weiß ich noch nicht.“

„Das wäre toll, wenn du reinkommen würdest. Wer weiß, vielleicht tanzen wir ja mal im Duett?“ Sie lacht. Er lacht auch. Es tut unendlich gut, hier in einem so fremden Land jemanden zu treffen, den man lieb hat. Und dann nicht irgendjemanden, sondern ausgerechnet die Frau, die fast seine ganze Schulzeit über das Mädchen seiner Träume war.

„Und wann weißt du es?“

„Sie haben gesagt: in den nächsten paar Tagen.“

„Ich glaube, dass du rein kommst. Du bist gut. Und in der Zwischenzeit sicher noch besser geworden. Du lernst ja eh so schnell. Weißt du noch, in der zweiten?“

„Nur zu gut. Au, ich kann meinen Arm nicht heben. Au, ich kann meinen Kopf nicht drehen. Aua! Und du daneben in allen möglichen Verrenkungsposen…“ Noch vor einigen Jahren hätte er sich nicht so einfach selbst nachgeäfft. Er hat sich wirklich stark verändert.

Phil lacht, dann schaut sie ihn plötzlich ganz ernst an. „Ich würde dich unheimlich gerne mal tanzen sehen“, sagt sie.

„Wir treffen uns einfach demnächst einmal bei mir oder bei dir. Dann zeig ich dir was.“

 

Chris liegt in seinem Hotelbett. Es ist zwar schon lange nach Mitternacht, aber er kann nicht schlafen, obwohl er lieber sollte. Er muss an Phil denken. Als er gestern mit ihr geredet hat, sind so viele alte Erinnerungen in ihm hochgekommen, die er schon fast verdrängt hatte. Manchmal, wenn sie ihn direkt angeschaut hat, hat er sich dabei erwischt, wie sein Herz schneller geschlagen hat, genau wie damals. Sollte er am Ende immer noch in sie verliebt sein? Im Grunde ist das gar nicht so weit hergeholt, schließlich hatte er sich bis vor wenigen Jahren noch ziemlich heftig zu ihr hingezogen gefühlt. Ihre Nähe hat so etwas Vertrautes, etwas, das ihn all seine Sorgen mit der Arbeitsstelle und dem fremden Land und dem ganzen Rest vergessen lässt. Das kann auch daran liegen, dass sie bis jetzt der einzige Mensch ist, den er hier kennt. Aber andererseits – sollte er wirklich so lange in sie verliebt gewesen sein und jetzt einfach so alles hinter sich gelassen haben? Das wäre absurd. Doch er hat sie ewig nicht gesehen. Möglicherweise ist sie gar nicht mehr die Traumfrau, die sie einst war?

Das Mondlicht mischt sich mit dem Glitzern der Stadt und fällt leise durch den Vorhang. Nach langem Grübeln fällt er endlich in einen unruhigen Schlaf. Lange schläft er nicht, nur ein paar Stunden. Am Morgen wird er vom läuten des Telefons geweckt.

 

„Phil!“ In einer Hand hält er den Zettel, auf den sie gestern ihre Nummer gekritzelt hat, fest umklammert, mit der anderen hält er den Hörer. „Ich bin drin! Sie haben mich eben angerufen, ich bin dabei!“ Am anderen Ende der Leitung hört er, wie sie einen unterdrückten Jubelruf loslässt. Anschließend beginnt sie eine lange Rede zu halten, in der sie immer wieder „Das ist großartig!“ und „Ich freu mich wahnsinnig für dich!“ wiederholt. Es fällt ihm schwer, dem Redeschwall durch die schlechten Verbindungen zu folgen, aber das macht ihm nichts aus. Er ist glücklich. Vor ein paar Minuten hat er erfahren, dass er eine Rolle bei Afrika! Afrika! bekommen hat, Phil freut sich so sehr für ihn und sie werden endlich in der gleichen Show auftreten. So hat er es sich immer gewünscht. Er kann kaum glauben, dass es wirklich wahr geworden ist. Wie im Traum vernimmt er ihre Stimme durchs Telefon. Es ist eine weiche, nicht sehr tiefe Stimme. „Chris!“, meint die Stimme. „Du musst heute Abend unbedingt zu mir kommen. Dann feiern wir.“

 

Immer noch rundum glücklich steht Chris vor Phils Apartment. Heute Nachmittag hat er sich genau erklären lassen, welche Rolle er tanzen wird. Er beginnt als Statist in einer großen Gruppe. Man wird nicht viel von ihm sehen, aber wenn er so weiter macht wie bisher, haben sie gesagt, hat er gute Chancen auf eine Beförderung, soweit man das so nennen kann. Mehr will er im Moment gar nicht. Er klingelt. Bei dem Gedanken an Phils glückliches Gesicht muss er lächeln. Die Tür wird geöffnet. Doch anstelle ihres breiten Lachens steht ein trübseliges Augenpaar im Eingang. „Hi!“, sagt es und versucht zu lächeln. Es gelingt ganz gut, doch er sieht, dass es nicht echt ist. „Komm rein!“

„Was ist los?“ Die Frage muss er stellen, bevor er ihr Apartment betritt.

„Was?“

„Bist du traurig?“

„Ich? Nein…“ Ein paar Sekunden Schweigen. Sie vermeidet Augenkontakt. Dann gesteht sie ganz leise: „Doch.“

Sie nimmt ihn an der Hand und zerrt ihn ins Innere. Hinter ihm fällt die Tür ins Schloss. Sie führt ihn ins Wohnzimmer. Ein mittelgroßer Raum, in dem außer einem Fernseher, einem kleinen Sofa, einem Teppich auf dem Boden und einem Plakat von Anna Bessonova überhaupt keine Einrichtung steht. Mit einer kurzen Handbewegung lädt sie ihn  ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen und setzt sich daneben. „Es ist nicht so wichtig. Ich will dir damit deinen Glückstag nicht verderben.“, versucht sie sich herauszureden. „Natürlich ist es wichtig“, widerspricht er. „Ich habe Zeit für dich. Erzähl mir, was los ist.“

Sie schaut ihn an. „Es ist nur… als du mich heute Morgen angerufen hast, habe ich mich zuerst irrsinnig gefreut, dass endlich dein Traum erfüllt wird. Und ich habe dann den ganzen Tag nachgedacht und bin draufgekommen…“ Sie zuckt nervös mit den Fingern. „… dass das, was ich mache, und was du auch machen willst, eigentlich nicht mein Traum ist.“

Sie starrt in seine Augen. Er starrt nur zurück. Irgendetwas müsste er jetzt sagen, aber ihm fällt nichts ein. So etwas Ähnliches hat er sich schon gedacht, als sie angefangen hat zu reden. Im Grunde ist es kein Schock für ihn. Ihre ganze Kindheit hindurch, haben ihre Eltern sie auf die Kontorsion regelrecht abgerichtet, kein Wunder, dass sie nie Zeit hatte, sich ihren eigenen Traum zu suchen. Es enttäuscht ihn nicht, es überrascht ihn nicht einmal besonders, sie tut ihm nur unendlich leid. Armes kleines Mädchen, das nie machen konnte, was es will.

Phil kämpft mit den Tränen. Chris nimmt sie in den Arm. Sie beginnt zu weinen. „Bisher hat mich das alles nicht gestört.“, erzählt sie unter Tränen weiter. „Aber seit du da bist, weiß ich, was ich eigentlich die ganze Zeit vermisst habe.“ Sie wischt sich mit der Hand übers Gesicht. „Wenn ich auf der Bühne stehe, dann klatschen die Leute. Sie bewundern mich, aber ich habe niemanden, der mich wirklich… liebt.“

Er umarmt sie fester. Sie schluchzt. So bleiben sie auf dem Sofa sitzen. Arm in Arm. Ohne zu reden. Einfach so. Irgendwann hört sie auf zu weinen. „Chris?“, fragt sie. „Warum willst du tanzen?“

„Seit ich damit angefangen habe, habe ich gemerkt, wie viel es mir gibt. Tanzen ist meine Leidenschaft.“

„Und warum hast du angefangen.“

„Es gab da eine Person.“

„Eine Person?“

„Eine ganz besondere Person. Sie hat immer vom Tanzen geschwärmt. Es war ihre große Liebe. Ernsthaft, sie hat fast nur darüber gesprochen. Niemand wäre jemals auf die Idee gekommen, dass diese Person nicht tanzen wollen könnte. Sie war äußerst bekannt. Beinahe schon prominent. Jeder, der schon einmal von ihr gehört hatte, wollte nichts anderes, als so sein wie sie. Auch ich wollte das. So sein wie sie. Deshalb habe ich angefangen zu tanzen.“

„Und wer war diese Person?“

„Ein Chocolate-girl.“

Sie nickt. „Ich wünschte, wir könnten zusammen auftreten.“

 

Die nächsten Wochen verfliegen im Eiltempo. Chris hat so viele Termine und Proben, dass er schon gar nicht mehr den Unterschied zwischen Tag und Nacht feststellen kann. Er hat schon oft auf Vorstellungen getanzt und weiß, was Probenstress ist. Dass es aber so hart sein kann, das hat er nicht gewusst. Er wird in einer Gruppe mit vierzehn anderen jungen Tänzern auftreten. Die meisten von ihnen sind Einsteiger wie er, manche arbeiten auch schon länger bei Afrika! Afrika!. gemeinsam werden sie im Hintergrund tanzen, während vorne ein paar der Profis auftreten werden. Derzeit studieren sie eine Choreographie für eine neue Show ein, der Tanz ist für alle neu, und die Proben deshalb doppelt stressig. Wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind, werden sie ein paar Aufführungen in Brüssel geben, der Tag der Premiere rückt immer näher.

Mit Phil trifft er sich trotz seinem vollen Terminkalender so oft wie möglich. Er spricht auch viel mit ihr über ihr Problem. Sie sagt, sie habe sich überlegt, das Show-Leben aufzugeben, sei dann aber zu dem Entschluss gekommen, dass es besser für sie ist, weiter zu machen. Nicht nur, weil sie keine andere Perspektive hat. Sie sagt, es mache ihr schon Spaß. Sie hasse es nicht, aber es sei auch nicht ihre große Liebe. Auf die Frage, was sie lieber machen würde, weiß sie keine Antwort. Sie sagt, der Beruf an sich sei nichts Schlimmes. Der Applaus sei herrlich, sie stehe gern im Mittelpunkt. Sie sei nur in letzter Zeit so komisch drauf. Sie sagt, sie würde gern einen Mann und Kinder haben. Eine liebende Familie. Das sei es, was ihr fehlte. Ein Ort, wo sie hingehört. Bei dem Beruf geht das nicht, sagt sie. Im Show-Business ist sie ständig auf Tournee. Das wird er auch noch merken. Bei dem ständigen Hin und Wiederweg kann sie keine dauerhafte Beziehung aufbauen. Sie sagt, sie habe ein paar Beziehungen gehabt, die alle in die Brüche gegangen sind. Es funktioniert einfach nicht auf Dauer.

Sie weint nicht mehr. Sie sagt, sie habe wohl etwas übertrieben. In Wirklichkeit sei sie soweit ganz glücklich. Nur manchmal, wenn sie auf ein Thema kommen, das mit Liebe oder Für-einander-da-Sein zu tun hat, werden ihre Augen ganz leicht, kaum sichtbar glasig. Dann sagt sie, sie ist froh, dass er da ist.

Die Premiere rückt unaufhaltsam näher. Je weniger die Wochen bis dahin werden, desto unsicherer wird Phil. Sie bezweifelt, ob sie wieder einfach so allein auf der Bühne stehen kann. Ihre Leistungen präsentieren und Bewunderung und Applaus von den Zuschauern annehmen, ohne dabei darüber nachzudenken, wie einsam sie an der Spitze ist. „Ich beneide dich fast.“, sagt sie. „dass du in einer Gruppe tanzen darfst. Dass du nicht ganz allein da raus musst. Ich hoffe, ich kann das noch. Es fühlt sich so komisch an. Als gehöre ich nicht dorthin.“ Und ganz leise fügt sie hinzu: „Wenn du nur solang bei mir wärst.“

 

„Hört zu! Die erste Vorstellung ist nicht mehr weit und es wird Zeit, dass wir zu den Generalproben schreiten. Bisher habt ihr ja immer für euch getanzt, heute probieren wir es mal mit den Solisten im Vordergrund. Seid ihr bereit?“ Chris und seine Kollegen murmeln das eine oder andere Ja oder einfach nur ein zustimmendes Brummeln. „Okay, dann in die Startposition!“ Sie stellen sich auf. Drei Solisten betreten den Saal. Zwei Männer und eine Frau. Sie trägt ein pinkes Trikot, ihre Haare sind zu hunderten von kleinen schwarzen Zöpfchen mit weißen Bändern geflochten. Sie wirft einen Blick in die Gruppe der Statisten. Ihre Augen weiten sich, als sie an Chris hängen bleiben. Er schaut zurück, auch seine Augen werden größer. Dann lächelt er. Es ist wahr geworden. Er und Phil werden zusammen auftreten.

 

Ein roter Mantel hängt an einem Haken in einer Vorhalle in Brüssel. Nicht Chris’ Mantel, irgendein anderer roter Mantel. Sein Eigentümer sitzt irgendwo in den vielen Reihen und wartet zusammen mit 127099 anderen Besuchern gespannt auf den beginn der Vorstellung.

Hinter der Bühne geht es hektisch zu. Die letzten Kontrollen werden durchgeführt, es muss alles perfekt sein. Chris steht bei seiner Gruppe, aber er wirft immer wieder einen Blick auf Phil. Sie sieht blendend aus mit dem pinken Trikot und dem professionellen Make-up. Auch sie schielt immer wieder in seine Richtung. In ihren Augen liegt ein klitzekleines nervöses Blitzen. Möglicherweise nicht einmal der Rede wert, aber Chris ist es aufgefallen. Er lächelt sie zuversichtlich an. Er weiß, dass sie es gut machen wird. Sie ist eine tolle Kontorsionistin. Vielleicht wird auch er eines Tages dort stehen, wo sie jetzt steht. Und auch sie wird bleiben. Jetzt ist sie nicht mehr allein. Sie hat ihn. Er wird immer für sie da sein. Auf all ihren Tourneen, sogar auf der Bühne. Um ihr das zu zeigen, hat er auf ihrem Platz in der Gardarobe ein Zeichen hinterlegt. Einen Schokoriegel aus der Fabrik seiner Eltern. Daneben liegt noch eine kleine Karte, auf die er geschrieben hat für mein Chocolate-girl. Wahrscheinlich hat sie die Nachricht noch nicht gefunden, sonst wäre sie nicht aufgeregt. Sie wird sie später finden. Und sie wird sie verstehen. Ganz bestimmt.
11.1.09 12:18


Blaue Punkte auf weißem Porzellan

„Schon mit 8 Jahren wusste ich, dass ich anders war. Während die Nachbarskinder in meinem Alter draußen auf der Straße spielten und die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürten, ordnete ich in meiner Puppenküche die Porzellantassen zum fünften Mal neu an. Immer wenn die kleinen hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Tassen nicht perfekt auf den hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Untertassen standen, überkam mich ein Drang, sie wieder auseinander zunehmen und von vorne anzufangen. So verbrachte ich Monate meiner Kindheit, immer klopften andere Kinder an meine Fensterscheibe, und wenn ich dann darauf wartete, dass sie mich zum Mitspielen auffordern würden, fragten sie nach meiner kleinen Schwester. Ihre dunklen Locken waren jedes Mal, wenn sie wieder nach Hause kam, zerzaust und mit Zweigen und Blättern gespickt. Ich hatte in der Zwischenzeit meine Spielschürze auf dem kleinen Bügelbrett geglättet, Amanda und Kati Zöpfe geflochten und mich auch noch um die Lieblingspuppen meiner Schwester gekümmert. „Wo warst du?“, waren immer die ersten Worte, die mir über die Lippen kamen, wenn sie so vor mir stand, mit geröteten Wangen, glänzenden Augen und dem kleinen Muttermal am linken Nasenflügel. Sie war daran gewöhnt, mir immer detailgenau darüber zu berichten, was sie den ganzen Tag über so getan hatte, mit wem und wie lange, deshalb quollen die Geschichten nur so aus ihr heraus. Natürlich erzählte sie nicht immer die Wahrheit, aber ich wusste ja, dass es keine Elfen und Einhörner gab, also überging ich diese Lügen, die regelrecht aus ihr heraussprudelten. Ich legte ihr dann immer ein neues Kleid heraus, dazu farblich passende Wollstrümpfe und bürstete ihr die Haare. Auch wenn sie es viel lieber hatte, wenn ihre Löckchen wild herumhüpften, konnte ich es so nicht ausstehen und band ihr wie immer eine kleine Schleife hinein. Nun sah sie wenigstens wieder ordentlich aus und Vater würde sich freuen, wenn er uns so nett hergerichtet sah. Ich fegte nun schon zum dritten Mal die nicht mehr vorhanden Kuchenkrümelchen vom Tisch und räusperte mich. Erwartungsvoll sah mich meine Schwester an, doch zum ersten Mal wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Dass Mutter nicht mehr von ihrer Reise zurückkam? Dass sie auf einem Einhorn fort geritten war? Dass Erdtrolle sie eines schönen Herbsttages mitgenommen haben, um sie als ihre Königin zu küren? Ich drehte am Henkel der äußersten Tasse herum, Elfen, Zwerge, Drachen, diesmal schienen die hellblauen Punkte einfach nicht mehr aufeinander zupassen. Ich drehte sie, ein bisschen fester, energischer, Riesen, fliegende Katzen, sie passten einfach nicht aufeinander sie wollten nicht, doch es musste funktionieren, hatte es bisher immer. Sie hatte doch einen Platz, hier, gehörte da hin, diese Punkte, diese abscheulichen hellblauen Punkte, sie taten nicht das, was man von ihnen erwartete. Ich drehte am Henkel, immer energischer, verzweifelter, als ich auf einmal den Henkel in der einen und den Rest der gepunkteten Tasse in der anderen hielt. Ich war außer Atem, schaute auf und hatte nicht bemerkt, dass meine Schwester mir nicht mehr gegenüber saß. Ich ließ meinen Kopf hängen, ich hatte soeben mein Puppengeschirr zerstört. Ich habe keine Ahnung wie lange ich schlussendlich am Tisch gesessen war, meine Hände um das zerbrochene Stück geklammert. Vater weckte mich, als er von der Arbeit nach Hause kam, aus der Erstarrung, fragte mich, was passiert sei. Ich konnte ihm nicht antworten, mich nicht richtig rühren, öffnete nur meine Handflächen und brach in Tränen aus. Die Tasse war kaputt, zerstört, es gab keine Computertaste, kein Mausklick für „rückgängig“, „Step backwards“. Sobald ich mich beruhigt hatte, holte ich meinen Handarbeitskoffer, meinen UHU Flüssigkleber und versuchte gleich sie zu kleben, doch kleine Porzellansplitter fehlten, die es unmöglich machten den Gegenstand perfekt zusammenzufügen. Ich fegte für mehr als zwei Wochen nicht mehr den Bereich um den Tisch, in der Hoffnung ein kleiner Splitter möge vielleicht noch auftauchen. Mit dem Lupenglas bewaffnet verbrachte ich Stunden auf dem Fußboden, während meine Schwester der Meinung war, das hätte alles keinen Sinn, da eine Elfe meine fehlenden Stücke sicherlich bereits als Trinkschalen benützte. Meine Schwester ließ mich über dreißig Mal einen Steckbrief mit Buchstaben in Ameisengröße verfassen, dass, falls ein Kobold oder sonst ein Hausgeist die Splitter fand, ihn mir zurückbrachte. Lieber kleiner unsichtbarer Hausbewohner! Sollten Sie möglicherweise kleine Porzellanscherben finden, bitte Sie im Wohnzimmer auf das Regal mit dem Holzpferd zu stellen. Vielen Dank im Voraus. Ich klapperte jedes Lagerhaus ab, jedes Fachgeschäft wurde aufgesucht, in der Hoffnung ein Klebemittel zu finden, dass alles wiederherstellte, den Sprung, verschwinden lassen sollte. Schließlich hatte ich ungefähr zehn Tuben daheim, als Vater sagte, dass es jetzt reiche. Ich hätte ja immerhin noch andere fünf Tassen und genug Dinge, die ich zum Spielen verwenden konnte und unsere Wohnung gehöre auch einmal wieder gereinigt. Ich sagte nichts, sah ihn stumm an mit meinen Gedanken weit weg, im Land der blauen Punkte auf der Suche nach meiner Tasse. An diesem Tag beschloss ich nie mehr mein Meißner Puppengeschirr anzurühren, ich holte eine kleine Pappschachtel, wickelte jeden einzelnen Porzellangegenstand in Zeitungspapier, versteckte diese und wartete darauf, dass ich vergessen würde, wo ich sie hingestellt hatte. Zu Weihnachten fand ich eine Puppentasse unter dem Christbaum. Keine Meißner Porzellantasse, aber auch weiß mit ähnlich blauen Punkten. Ich versuchte ein Lächeln, als mein Vater mich erwartungsvoll ansah, als ich das Geschenkpapier langsam öffnete. Ich hasse Geschenke aufmachen. Wie schafft man es nur den Klebestreifen so zu lösen, dass das Papier heil bleibt, ich habe schon verschiedenste Arten und Weisen ausprobiert, damit das Geschenkpapier unversehrt bleibt, doch ein bisschen sah man es immer. Ich öffnete nun die kleine Pappschachtel, sah die Tasse, lächelte kurz, umarmte meinen Vater, ging in mein Zimmer, und verriegelte die Tür. Vater schöpfte nicht Verdacht. Er meinte wohl, ich wolle den glorreichen Moment ganz alleine genießen, wenn ich endlich meine heiß geliebte Tasse wieder in mein Regal stellen konnte. Ich wollte weinen, konnte aber nicht. Jahre vergingen und kein Tag verging, an dem ich nicht mein Zimmer aufräumte. Wenn ich mit meiner Schwester auf Kinderlager fuhr, machte ich es in Gedanken, das reichte mir auch. Kurz vorm Einschlafen während die Mädchen rings um mich Gruselgeschichten oder Erlebnisse austauschten, stellte ich mir vor, wie ich zu Hause war, in meinem Zimmer stand und meine Regale mit dem Spezialstaubtuch reinigte. Ich sah mich meinen Kleiderschrank öffnen, die schön zusammengelegte Wäsche herausnehmen und noch einmal ordnen. Erst danach konnte ich beruhigt und glücklich einschlafen. Ich war inzwischen 24 Jahre alt, arbeitete als Konditorin in einem Café in der Innenstadt. Meine kleine Wohnung lagnur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Ich liebte meinen Beruf. Ganz genau nach Rezept konnte ich vorgehen, ich wusste wie viel Gramm Mehl diese oder jene Torte brauchte und bei wie viel Grad ich sie dann backen konnte. Am meisten aber liebte ich das Verzieren der Kuchen. Mit Spritztüte bewaffnet, konnte ich genau gezielt das erreichen, was ich wollte. Diese Arbeit verlangte Feingefühl, Ausdauer und Perfektionismus. Ich war gerade dabei Schokoladenhörnchen mit Ingwer-Kardamom Creme zu füllen, als mein Vater anrief. Er rief sonst nie in der Firma an. Er rief auch sonst selten an. Ich war so überrascht, als ich meinen Namen hörte, dass ich mit der einen Hand ausrutschte und eine Teigrolle zerdrückte. Verärgert über mich selbst, riss ich dem Lehrling den Hörer aus der Hand und murmelte ein unfreundliches „Was ist?“ in den Hörer. Dann wurde ich still und hörte nur zu, nickte und mein Vater deutete mein Schweigen als stille Zustimmung. Die nächsten zwei Stunden 23 Minuten und 56 Sekunden konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich ließ die Makronen zwei Minuten länger als unbedingt nötig im Ofen und bemerkte erst durch meine Kollegin, dass ich seit einiger Zeit meine Schürze in Mokkacreme tunkte. Ich durfte an diesem Tag zehn Minuten früher gehen, vergaß meinen Schal und war froh, als ich endlich den Schlüssel aus meiner Tasche nahm und die Tür zu meiner 23 m2 Wohnung aufschloss. Ich setzte mich auf meine Bettcouch und rieb meine Augen. Morgen war Samstag. Und mein Vater hatte mich gebeten ihn zu besuchen. Er hatte den Dachboden versucht zu entrümpeln und wollte mir etwas geben. In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich hatte vergessen meine Wohnung aufzuräumen. Um halbacht hatte ich mich mit meinem Vater verabredet. Die Tür war offen. Vater umarmte mich kurz und deute mir, ihm nach oben zu folgen. Wir redeten nie viel, wenn wir uns sahen. Ich stieg die schmale Leiter hinter meinem Vater hinauf. Es dauerte eine Weile bis sich meine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten. Ich war schon eine Ewigkeit nicht mehr hier gewesen. Alte Kommoden standen an den Wänden, Bananenschachteln übereinander gestapelt mitten im Raum. „Die sollen weg“ sagte mein Vater. „Was soll ich auch mit alter Babykleidung.“ Ich nickte, hörte ihm aber nur mit halbem Ohr zu. Suchend wanderten meine Augen jeden Winkel ab, konnten es aber nicht entdecken. „Bei dieser Schachtel bin ich mir noch unsicher“ sagte mein Vater. Er hielt mir einen Pappkarton entgegen. Mein Herz fing an wie wild zu schlagen. Behutsam nahm ich den Deckel ab und erblickte einige Bücher, die ich früher so gerne gelesen hatte. Schnell schloss ich die Kiste wieder. „Nein, ich brauch sie nicht mehr“ Es dämmerte, als ich mit meinem Vater am Küchentisch saß und schwarzen Tee schlürfte. Ich hatte sie nicht gesehen, nirgends. Sollte er sie vielleicht weggeben haben? Meine Hände zitterten leicht, als ich nach dem Henkel der weißen Porzellantasse griff. Vater stand plötzlich auf, meinte: „Ach, das hätte ich fast vergessen,“ verschwand für kurze Zeit und stand mit einer Schachtel vor mir. Nein, es war nicht irgendeine Schachtel, nicht irgendein Karton, es war die Schachtel. Ich nahm sie behutsam entgegen. Vater sah mich voller Erwartung an und fragte mich, ob ich sie nicht vielleicht öffnen wolle. Ich konnte es nicht, noch nicht. Ich brauchte Zeit und Ruhe. Die ganze Heimfahrt über im Bus dachte ich nur an blaue Punkte, es beschäftigte mich, ließ mich nicht los. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten, bis ich mich endlich in meinen eigenen vier Wänden befand. Hastig lief ich die Treppen hinauf, nahm immer zwei auf einmal. Erst als ich in meiner Küche war, konnte ich beruhigt aufatmen. Langsam zog ich Mantel und Schuhe aus und setzte mich auf den Küchenstuhl. Der Pappkarton lag vor mir, sah mich an und meine Hand löste langsam den Tixostreifen. Mit der Zeit war dieser richtig festgewachsen und ich hatte Mühe den Kleber herunterzubekommen. Am liebsten hätte ich eine Schere genommen oder noch besser ein Stanleymesser um die Box aufzuritzen. Mir fehlte im Augenblick die Geduld, so wie damals, als ich die Zeichnung von Mama, Papa meiner Schwester und mir mit Tixo an den Eisschrank befestigen wollte und es nicht hinbekam und schließlich hatte ich ein völlig ruiniertes Blatt Papier und die Kleberolle verbraucht. Ich musste lächeln, als ich endlich den Karton öffnen konnte. Die Box war über und über mit Zeitungspapier voll gefüllt. Behutsam nahm ich jedes Blatt heraus um keine Tasse zu beschädigen. Ich bekam ein Zeitungsbündel Tasse zu fassen und fing an die Rolle langsam auszuwickeln. Die soeben befreite Tasse stellte ich in sicherer Entfernung auf die Küchenablage. Es dauerte eine Weile, bis ich alle sechs nebeneinander stehen hatte. Nun beschloss ich sie zu säubern. Nicht, dass sie dreckig gewesen wären, sondern einfach nur der Gewohnheit wegen. Ich holte ein sauberes Geschirrtuch, tunkte es in Seifenlauge und begann. Ich hielt die kleine Tasse in der linken Hand mit Daumen, Mittel- und Ringfinger und mit der anderen Hand nahm ich das Tuch begann den nichtvorhandenen Putz wegzuwischen. Erst in kreisförmigen Bewegungen. So hatte es mir Mutter beigebracht, solange an einen Fleck zu rubbeln, bis man sich ganz sicher war, das der Schmutz fortgerubbelt war. Ich lehnte mich ein bisschen zurück, soweit dies bei einem ungemütlichen Holzsessel möglich ist. Mama hatte mir gezeigt, wie man Fenster putzte. Sie hatte mir erklärt, wie man Hemden und Blusen bügelte und wie man Brandblasen verarztete. Sie hatte mich zu ihrem Hilfssheriff ernannt. Unsere Mission? Tod dem Ungeziefer! Weg mit Dreck! Ich war ihr Helfer, der Unteroffizier hatte nun die Verantwortung. Ich rubbelte jetzt fester, aggressiver. Stellte die Tasse an den Tisch und beschloss eine Pause einzulegen. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie spät es inzwischen geworden und wie müde ich eigentlich war. Ich beschloss, mich zum Schlafen herzurichten. In dieser Nacht träumte ich seit langem wieder von kleinen Lebewesen. Ich träumte von Elfen und Trollen, die es sich zu ihrem Ziel gesetzt hatten, meine Porzellantassen zu stehlen um damit ins Weltall zu fliegen. Der Digitalwecker zeigte 4:43, als ich mit klopfendem Herzen erwachte. Ich versuchte weiterzuschlafen, wälzte mich aber nur von einer Seite auf die andere. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass sich manche Menschen zig Mal im Schlaf umdrehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das eine Erholung sein konnte. Um 5:36 hielt ich es nicht mehr länger aus. Ich richtete mich im Bett auf, versuchte im Dunkeln meine Pantoffeln zu finden und tapste in die Küche. Als ich das Licht einschaltete, war ich fest davon überzeugt die Tassen seien verschwunden und ich müsste sie suchen. Doch sie standen genau so schön aufgereiht, wie ich sie gestern Abend zurück gelassen hatte. Das Laugenwasser war inzwischen kalt, doch ich wollte sie auch gar nicht putzen. Ich holte meine Daunendecke und setzte mich wieder in die Küche. Es tat gut, gar nichts zu tun. Nur dazusitzen und aus dem Fenster zu starren, die Straße zu beobachten, in der sich nichts regte. Mutter hatte nie geruht, hatte immer irgendwo eine Stelle, ein Fenster, eine Stellage, die nicht zu ihrer Befriedigung geputzt war. Dann holte sie den roten Eimer, auf der in weißer Schrift irgendeine Putzfirma stand und machte sich an die Arbeit, konzentriert mit schmalem Mund und starrem Blick, als wolle sie den Dreck hypnotisieren, ihm sagen, er solle gefälligst verschwinden. Wenn ich ihr nicht half, dann schaute ich zu, denn auch beim Zuschauen lernt man etwas, pflegte meine Mutter zu sagen. „Sieh genau hin, oft sieht man ihn nicht sofort, oft ist er irgendwie verborgen, aber mit dem richtigen Blick...“ Den hatte sie anscheinend nicht, als sie die Straße überquert hatte. Sie wollte einkaufen gehen. Etwas besonderes Leckeres kochen. Sie wollte an diesem Abend Vaters Leibgericht servieren- Spinatnockerl in Rahmtrüffelsoße. Doch dazu kam es nicht mehr. Ich griff nun doch zum Schrubber, tauchte ihn ins eiskalte Seifenwasser und begann die Tasse zu bearbeiten. Ich hatte nun die Verantwortung, ich war der Hilfssheriff. Ich tauchte den Fetzen wieder in die Lauge. Ich war ihr Unteroffizier und unser Ziel? Den Dreck zu beseitigen und dem Schmutz den Krieg zu erklären. Nun nahm ich meine Fingernägel zu Hilfe, das Porzellan starrte direkt vor Unsauberkeit. Voll von Staub schienen mich die Tassen anzuschauen. Als wollten sie mir mit ihrem stillen Dasein irgendetwas sagen? Ich konnte jetzt nicht zuhören. Sie war weg, hatte mich mit dem ganzen Schmutz auf Erden allein gelassen. Doch ich war stark, hatte die Kraft dem Staub entgegen zu wirken. Die Finger, welche die Tasse umklammerten wurden weiß, verkrampften sich. „Tu es nicht“, murmelte ich, als ich aufstand, tief einatmete und Zeitungspapier und die Schachtel holte. „Tu es nicht“, murmelte ich, als ich jede Tasse für sich einzeln abtrocknete, in Zeitungspapier wickelte und sie wieder schön in den Karton einsortierte. Ich lächelte unsicher, als ich die Kleberolle holte und anfing die Box einzuwickeln. Es muss sein, dachte ich bei jeder Bewegung, „Es muss sein“, murmelte ich und bemerkte nicht, dass die Tixorolle bereits leer war. Ich weiß nicht mehr, wo ich sie hingestellt habe. Wirklich nicht. Ich weiß es nicht. Ich glaub, ich habe sie einer Nachbarin geschenkt, für ihre kleine Tochter. Vielleicht aber liegt sie in einer Mülltonne und wartet darauf, dass riesige Pressen sie zu einem Würfel verarbeiten. Vielleicht liegt sie aber auch in einer meiner Kisten, versteckt unter schön nach Farben sortierten Blusen. Vielleicht. Ich weiß es nicht mehr. Wirklich nicht.“ Die junge Frau sieht mich an, als wäre sie aus einer Trance erwacht und sich gerade bewusst geworden, dass sie soeben einem Fremden ihre Geschichte erzählt hat. Sie wendet den Kopf ab, betrachtet wie hypnotisiert das eingerahmte Diplom. Sie steht auf, nimmt ihre Jacke, sucht ihren Schal, den sie in der Konditorei vergessen hat. Findet ihn nicht, flucht, murmelt Auf Wiedersehen und ist verschwunden. Ich schließe die Augen, strecke mich. Seufze. Die Tür öffnet sich erneut, ich öffne die Augen, höre mich selbst sagen: „Bitte, fangen Sie an, erzählen Sie, bitte.“
11.1.09 15:18


Alltagstaugliches Familienglück

Alltagstaugliches Familienglück Es war einer dieser Tage, an denen man besser daheim bleibt, einer dieser Tage an denen einen die Sonne auslacht, wenn man sich einmal hinauswagt, um sich zur Abkühlung schnell ein Eis zu holen, und einem so viel Hitze auf den Körper brennt, dass man sich nicht nur in 4 Schichten zu schälen beginnt, sondern dass man die vielen kleinen Bächlein Schweiß, die den Damen zwischen den Brüsten und den Herren zwischen den Beinen zu jucken beginnen, gar nicht mehr zählen kann. Der Horizont flackerte und die einzigen Tiere, die man noch zu Gesicht bekam, waren Ameisen, die trockene Blätter herumtrugen, und die lästigen, halbtoten Straßenköter, die sich hechelnd von Schatten zu Schatten schleppten um vielleicht doch noch irgendwann einen sich schälenden, verschwitzten Touristen zu finden, der in einem Anfall von Tierliebe ein Schlückchen Wasser auf den Boden schüttet, damit sie es begierig von der staubigen Straße lecken können. Die Straßenkatzen sind da schon viel klüger, die verbarrikadieren sich den ganzen heißen Tag in kühlen Kellern und kommen erst am Abend zu den Gasthäusern, wo dann Hochbetrieb herrscht, da die von „Kultur“ und „Eingeborenenstudium“ völlig ausgepowerten Touris ja auch mal wieder Energie tanken müssen. Nun gut, es war also einer dieser Tage, an dem die High-Tech-Klimaanlagen-Fabriken mit den Ferienorten und Campingplätzen wieder mal ein Bombengeschäft machten, aber da war noch etwas, es war der Tag, an dem Christas Schildkröte überfahren worden war und sie nur deshalb dahinterkam, weil sie deren linkes Hinterbeinchen mit dem kleinen, silbernen Eisenring dran auf dem Kotflügel von dem Auto ihrer Mutter wiederfand. Das war ja wieder mal typisch Mum... kaum fahren wir zwei auf Kleinfamilien-Urlaub und beginnen zu streiten, wird sie wieder pubertär und überfährt meine Schildkröte! Christa schritt aufgeregt in der Lobby auf und ab, stolperte dabei zweimal über den dicken Perserteppich, den der Page anschließend mit einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht und ohne auch nur ein Wort zu verlieren sorgfältig wieder glattstrich, und schimpfte vor sich hin. Mehrmals bat ihr der Rezeptionist ein Glas Wasser an, mehrmals schrie sie die ankommenden und durch ihr Verhalten wild tuschelnden, deutschen Feriengäste an, sie sollen doch endlich mal lernen, was wichtig ist im Leben und sich nicht einfach hinter einer Fassade von pompösen Hotels mit dicken Pools und ihren Schlechtredereien über Leuten, die sie nicht einmal kennen, verstecken, woraufhin die Gäste eingeschüchtert in den Fahrstühlen verschwanden. Nach einer Dreiviertelstunde schlug der Rezeptionist ihr vor, sie möge doch in den Gymnastikraum gehen, dort könne sie in Ruhe ihr Temperament ausleben. Christa war empört, dass er so rücksichtslos gegenüber ihren Gefühlen war und sie einfach so abschieben wollte. Woraufhin er sich 5 Minuten lang entschuldigte und ihr versicherte, dass dies niemals seine Absicht gewesen war, dass er es bedauerte, falls sie es so aufgefasst habe und dass er doch nur um ihr Wohlergehen besorgt sei. Nachdem sich die Gute jedoch auch nach dieser Zeit nicht beruhigte, gab er auf und bat ihr diesmal anstatt eines neuen Glas Wassers an mit ihm ein Beruhigungsschnäpschen zu trinken, was sie dann auch tatsächlich annahm. In wenigen Minuten kippte jeder 3 Gläschen, woraufhin der Rezeptionist einen Kollegen übernehmen ließ und sich mit Christa, die mittlerweile nicht nur einen leichten Rausch, sondern auch einen dicken Kloß im Hals hatte, in den Personalaufenthaltsraum zurückzog. Er setzte sie auf ein Sofa, holte noch ein kleines Tischchen und fragte sie, ob sie noch irgend etwas haben wolle. Als ihre Antwort darauf „noch ein kleines bisschen Schnaps“ war wurde er stutzig und fragte, ob sie denn wirklich schon über 18 sei. Sie lächelte matt und fragte, ob sie denn gerade wirklich so klein und schutzlos aussähe. Doch als er nichts darauf sagte, holte sie ihren Ausweis aus der Tasche und er machte sich auf den Weg in die Bar. Als er zurückkam mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern saß sie unverändert auf dem Sofa und hob erst den Kopf, als er sich neben sie gesetzt hatte und die Gläschen befüllt hatte. Sie tranken schweigend, aber nach dem 5. Gläschen konnte Christa einfach nicht mehr, der Kloß im Hals war einfach zu groß geworden und sie begann zu schluchzen. Der mittlerweile leicht überforderte Rezeptionist versuchte zaghaft sie mit kleinen Klopfern auf die Schulter zu beruhigen, doch er erreichte damit nur, daß sie sich vor Seelenschmerz zu schütteln begann und ihm auf den Anzug rotzte. Er streichelte ihre Schulter, und das half. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, fragte sie nach einer Zigarette, welche sie anschließend zwischen die Lippen steckte und ein Feuerzeug suchte. Schweigend räumte sie dabei ihre kleine Handtasche aus. Ihre Geldtasche, das Handy, ein kleines Tigelchen mit Lippenpflege, ein Taschenspiegel, die Autoschlüssel ihrer Mutter,... verächtlich warf sie sie auf den Tisch: „Wissen Sie was?!“ nuschelte sie immer noch mit der Zigarette zwischen den Lippen: „Meine Mutter hat heute meine Schildkröte überfahren, ist denn das zu fassen?!“. Endlich wurde sie fündig. Sie ließ das Feuerzeug aufflammen, nahm den ersten Zug und inhalierte geräuschvoll. Nachdem auch der letzte Rauchkringel ihren Lippen entronnen war, fuhr sie fort: „Weißt du, meine Mutter und ich wir hatten ja immer schon mehr Streitigkeiten, als uns gutgetan hat, aber, ich meine,... so was macht man doch nicht im Urlaub, oder?! Also okay, wir hatten auch im Urlaub schon die eine oder andere Streitigkeit gehabt, aber, normalerweise habe ich damit angefangen. Wissen Sie, was ich meine,... äh, wie war Ihr Name doch gleich?!“ „Stefano“ „Ach ja richtig, Stefano, wirklich ein schöner Name“ sie kicherte während Stefano ungeduldig hin und herrutschte. „Wissen Sie, Stefano,“ sie kicherte wieder, „also, es geht mir dabei gar nicht um das Zerstören einer Schildkröte, ich hab ja auch schon mal ihre Tomaten angezündet, was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich es gut finde, dass meine Mutter ein hilfloses Ding überfahren hat um mich zu ärgern, was sie wiederum sowieso nicht geschafft hat, nein Stefano, Sie haben mich noch nie wirklich wütend erlebt, das vorhin war eher nur eine kleines Herumgezicke von mir, nein, es geht darum, daß sie es völlig grundlos getan hat. Wenn ich ihr das gesamte Duschgel in die Hausschuhe gekippt hätte oder sie mitten in der Nacht mit einem Signalhorn geweckt hätte so wie letztes Jahr, okay, aber so?! Ich meine, das ist der erste Urlaub, seit ich 8 bin, dass wir uns nicht in den Haaren liegen und dann kommt so was aus heiterem Himmel, verstehen Sie?!“ Sie nahm einen weiteren Zug aus ihrer Zigarette. „Ich meine hat sie nicht mehr alle?! Die Schildkröte war ein Geschenk von einer meiner besten Freundinnen, die jetzt für ein halbes Jahr in Amerika ist und die danach auch gleich wieder mit ihrem Vater eine Weltreise macht. Sie hat eine Woche an dieser Schildkröte gearbeitet und alles was von der noch übriggeblieben ist, ist unser Freundschaftsring, den sie dem Tierchen ans Bein gemacht hat.“ Noch ein Zug. „Jetzt schauen Sie doch nicht so verzweifelt Stefano, was ist denn los mit Ihnen?!“ „Ach, wissen Sie, ich habe noch nie eine solch merkwürdig klingende Geschichte gehört, es löst in mir eine Mischung aus Amüsement und Verwirrtheit aus.“ Er rückte seine weiße Fliege zurecht und nahm noch einen Schluck Whisky, wobei er auf den Tisch tropfte. Er nahm ein Seidentaschentuch aus seinem Anzug und begann emsig den Tisch zu putzen. Christa nahm noch einen Zug: „Ach Stefano, das muß Sie doch nicht verwirren, gut zugegeben, das, was ich und meine Mutter teilweise miteinander anstellen, ist nicht für jeden alltagstauglich, aber glauben sie mir, diese Frau hat es teilweise nicht anders verdient, und ich wahrscheinlich auch nicht.“ „Nein, ich meine damit den etwas makaberen Teil ihrer Geschichte, das Überfahren eines, wie sie sagten, ’hilflosen Dings’“ Christa kicherte erneut. „Ach Stefano, Sie sind ja ein Scherzkeks, das war doch kein wirkliches Tier, es war eine Tonschildkröte. Ich sagte ja, eine Freundin hat sie für mich gemacht“ Stefano ließ ebenfalls ein kleines, nervöses Kichern hören und sackte ein wenig erleichtert in sich zusammen. Christa verstummte. „Nein, ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“ Christa nahm den letzten Zug und drückte die Zigarette in einem überfüllten Aschenbecher aus. „Vielleicht mag Sie es mit Ihnen Meinungsverschiedenheiten auszureden“ Christa stutze: „Wie meinen Sie das, Stefano?!“ „Nun ja, als ich noch ein kleiner Junge war musste ich am Wochenende immer zu meiner Großmutter, und nun ja, ich fühlte mich nicht übermäßig wohl bei ihr.“ „Sie haben es bei ihrer Großmutter gehasst, oder?!“ „So könnte man es unter Umständen auch ausdrücken, ja. Nun, als meine Großmutter starb, war ich zuerst froh dort nicht mehr hinzumüssen, doch nach und nach merkte ich, daß ich sie vermisste, ich vermisste den Kohlgeruch in der Küche und den von gebrauchter Wäsche und Waschmittel in ihrem Maschinenraum, ich vermisste das Ticken der alten Heizung genauso wie ihre ständigen Meckerein.“ Er schlug sich auf den Mund, als hätte er etwas Verbotenes gesagt. „Und worauf wollen Sie jetzt hinaus, Stefano?“ „Es tut mir leid, ich war nur gerade ein wenig schockiert darüber, wie ich über meine Großmutter gesprochen habe“ „Ach Stefano, ich werde es schon niemandem verraten, daß Sie Ihre verstorbene Oma nicht ausstehen konnten, aber was wollten Sie mir sagen?“ Stefano trank vorher noch einen Schluck Whisky auf den Schreck, dann fuhr er fort. „Ich wollte damit nur sagen, dass man auch negative Sachen vermissen kann wenn sie für einen selbst Gewohnheit sind, verstehen Sie, was ich meine?!“ „Oh“ Christa verstand, doch sie sagte nichts darauf. Eine Weile lang saßen die beiden schweigend nebeneinander. Dann sagte Stefano „Und,... was gedenken Sie nun zu tun, meine Teuerste?!“ „Ach ich weiß es doch auch nicht, ich würde meiner Mutter am liebsten ganz fest drücken und ihr ein ’Kick Me’ Täfelchen umhängen, oder so was in der Art, einfach nur, damits ihr besser geht. Was meinen Sie?!“ „Ich denke, das wäre eine vortreffliche Idee.“ „Na ja, das hätte ich sowieso vorgehabt, mit der Schildkrötennummer kann ich sie einfach nicht ungeschoren davon kommen lassen.“ „Wundervoll, kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?!“ „Nein, aber Sie könnten mir den Ausgang zeigen.“ „Selbstverständlich die Dame.“ Stefano geleitete sie zur Türe hinaus, doch als er sie auch noch auf ihre Suite bringen wollte, lehnte sie dankend ab. Im Fahrstuhl dachte sie an das, was Stefano gesagt hatte, und überlegte ob ihre Mutter wirklich so masochistisch und schikanensüchtig war. Sie tat ihr sogar ein bisschen leid. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl 7 Stockwerke hinauf, und als sie ihre Chipkarte in die Tür steckte und diese anschließend mit einem Summen zu öffnen war, wusste Christa immer noch nicht wirklich, wie sie damit jetzt umgehen sollte, falls dem wirklich so war, daß ihre Mutter sie so liebte, dass sie deshalb ihre Schildkröte überfuhr. Sie schlüpfte aus ihren Ballerinas und zog sich ihre Hausschuhe an und als deswegen weißliches, leicht klebriges Zeug aus den Hausschuhen herausgequollen kam, wusste sie es endlich: „Dieses Biest hat keine Gnade verdient!“ Sie schmiss die Hausschuhe, die kurz zuvor noch mit Duschgel angefüllt gewesen waren in die Badewanne und rannte barfuß und schreiend wieder zurück in die Lobby um auf ihre Mutter zu warten, der sie diesmal aber wirklich gehörig die Meinung pfeifen wird. Katharina Scheinast
12.1.09 17:43


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung