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Alltagstaugliches Familienglück

Alltagstaugliches Familienglück Es war einer dieser Tage, an denen man besser daheim bleibt, einer dieser Tage an denen einen die Sonne auslacht, wenn man sich einmal hinauswagt, um sich zur Abkühlung schnell ein Eis zu holen, und einem so viel Hitze auf den Körper brennt, dass man sich nicht nur in 4 Schichten zu schälen beginnt, sondern dass man die vielen kleinen Bächlein Schweiß, die den Damen zwischen den Brüsten und den Herren zwischen den Beinen zu jucken beginnen, gar nicht mehr zählen kann. Der Horizont flackerte und die einzigen Tiere, die man noch zu Gesicht bekam, waren Ameisen, die trockene Blätter herumtrugen, und die lästigen, halbtoten Straßenköter, die sich hechelnd von Schatten zu Schatten schleppten um vielleicht doch noch irgendwann einen sich schälenden, verschwitzten Touristen zu finden, der in einem Anfall von Tierliebe ein Schlückchen Wasser auf den Boden schüttet, damit sie es begierig von der staubigen Straße lecken können. Die Straßenkatzen sind da schon viel klüger, die verbarrikadieren sich den ganzen heißen Tag in kühlen Kellern und kommen erst am Abend zu den Gasthäusern, wo dann Hochbetrieb herrscht, da die von „Kultur“ und „Eingeborenenstudium“ völlig ausgepowerten Touris ja auch mal wieder Energie tanken müssen. Nun gut, es war also einer dieser Tage, an dem die High-Tech-Klimaanlagen-Fabriken mit den Ferienorten und Campingplätzen wieder mal ein Bombengeschäft machten, aber da war noch etwas, es war der Tag, an dem Christas Schildkröte überfahren worden war und sie nur deshalb dahinterkam, weil sie deren linkes Hinterbeinchen mit dem kleinen, silbernen Eisenring dran auf dem Kotflügel von dem Auto ihrer Mutter wiederfand. Das war ja wieder mal typisch Mum... kaum fahren wir zwei auf Kleinfamilien-Urlaub und beginnen zu streiten, wird sie wieder pubertär und überfährt meine Schildkröte! Christa schritt aufgeregt in der Lobby auf und ab, stolperte dabei zweimal über den dicken Perserteppich, den der Page anschließend mit einem freudigen Lächeln auf dem Gesicht und ohne auch nur ein Wort zu verlieren sorgfältig wieder glattstrich, und schimpfte vor sich hin. Mehrmals bat ihr der Rezeptionist ein Glas Wasser an, mehrmals schrie sie die ankommenden und durch ihr Verhalten wild tuschelnden, deutschen Feriengäste an, sie sollen doch endlich mal lernen, was wichtig ist im Leben und sich nicht einfach hinter einer Fassade von pompösen Hotels mit dicken Pools und ihren Schlechtredereien über Leuten, die sie nicht einmal kennen, verstecken, woraufhin die Gäste eingeschüchtert in den Fahrstühlen verschwanden. Nach einer Dreiviertelstunde schlug der Rezeptionist ihr vor, sie möge doch in den Gymnastikraum gehen, dort könne sie in Ruhe ihr Temperament ausleben. Christa war empört, dass er so rücksichtslos gegenüber ihren Gefühlen war und sie einfach so abschieben wollte. Woraufhin er sich 5 Minuten lang entschuldigte und ihr versicherte, dass dies niemals seine Absicht gewesen war, dass er es bedauerte, falls sie es so aufgefasst habe und dass er doch nur um ihr Wohlergehen besorgt sei. Nachdem sich die Gute jedoch auch nach dieser Zeit nicht beruhigte, gab er auf und bat ihr diesmal anstatt eines neuen Glas Wassers an mit ihm ein Beruhigungsschnäpschen zu trinken, was sie dann auch tatsächlich annahm. In wenigen Minuten kippte jeder 3 Gläschen, woraufhin der Rezeptionist einen Kollegen übernehmen ließ und sich mit Christa, die mittlerweile nicht nur einen leichten Rausch, sondern auch einen dicken Kloß im Hals hatte, in den Personalaufenthaltsraum zurückzog. Er setzte sie auf ein Sofa, holte noch ein kleines Tischchen und fragte sie, ob sie noch irgend etwas haben wolle. Als ihre Antwort darauf „noch ein kleines bisschen Schnaps“ war wurde er stutzig und fragte, ob sie denn wirklich schon über 18 sei. Sie lächelte matt und fragte, ob sie denn gerade wirklich so klein und schutzlos aussähe. Doch als er nichts darauf sagte, holte sie ihren Ausweis aus der Tasche und er machte sich auf den Weg in die Bar. Als er zurückkam mit einer Flasche Whisky und zwei Gläsern saß sie unverändert auf dem Sofa und hob erst den Kopf, als er sich neben sie gesetzt hatte und die Gläschen befüllt hatte. Sie tranken schweigend, aber nach dem 5. Gläschen konnte Christa einfach nicht mehr, der Kloß im Hals war einfach zu groß geworden und sie begann zu schluchzen. Der mittlerweile leicht überforderte Rezeptionist versuchte zaghaft sie mit kleinen Klopfern auf die Schulter zu beruhigen, doch er erreichte damit nur, daß sie sich vor Seelenschmerz zu schütteln begann und ihm auf den Anzug rotzte. Er streichelte ihre Schulter, und das half. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, fragte sie nach einer Zigarette, welche sie anschließend zwischen die Lippen steckte und ein Feuerzeug suchte. Schweigend räumte sie dabei ihre kleine Handtasche aus. Ihre Geldtasche, das Handy, ein kleines Tigelchen mit Lippenpflege, ein Taschenspiegel, die Autoschlüssel ihrer Mutter,... verächtlich warf sie sie auf den Tisch: „Wissen Sie was?!“ nuschelte sie immer noch mit der Zigarette zwischen den Lippen: „Meine Mutter hat heute meine Schildkröte überfahren, ist denn das zu fassen?!“. Endlich wurde sie fündig. Sie ließ das Feuerzeug aufflammen, nahm den ersten Zug und inhalierte geräuschvoll. Nachdem auch der letzte Rauchkringel ihren Lippen entronnen war, fuhr sie fort: „Weißt du, meine Mutter und ich wir hatten ja immer schon mehr Streitigkeiten, als uns gutgetan hat, aber, ich meine,... so was macht man doch nicht im Urlaub, oder?! Also okay, wir hatten auch im Urlaub schon die eine oder andere Streitigkeit gehabt, aber, normalerweise habe ich damit angefangen. Wissen Sie, was ich meine,... äh, wie war Ihr Name doch gleich?!“ „Stefano“ „Ach ja richtig, Stefano, wirklich ein schöner Name“ sie kicherte während Stefano ungeduldig hin und herrutschte. „Wissen Sie, Stefano,“ sie kicherte wieder, „also, es geht mir dabei gar nicht um das Zerstören einer Schildkröte, ich hab ja auch schon mal ihre Tomaten angezündet, was jetzt aber nicht heißen soll, dass ich es gut finde, dass meine Mutter ein hilfloses Ding überfahren hat um mich zu ärgern, was sie wiederum sowieso nicht geschafft hat, nein Stefano, Sie haben mich noch nie wirklich wütend erlebt, das vorhin war eher nur eine kleines Herumgezicke von mir, nein, es geht darum, daß sie es völlig grundlos getan hat. Wenn ich ihr das gesamte Duschgel in die Hausschuhe gekippt hätte oder sie mitten in der Nacht mit einem Signalhorn geweckt hätte so wie letztes Jahr, okay, aber so?! Ich meine, das ist der erste Urlaub, seit ich 8 bin, dass wir uns nicht in den Haaren liegen und dann kommt so was aus heiterem Himmel, verstehen Sie?!“ Sie nahm einen weiteren Zug aus ihrer Zigarette. „Ich meine hat sie nicht mehr alle?! Die Schildkröte war ein Geschenk von einer meiner besten Freundinnen, die jetzt für ein halbes Jahr in Amerika ist und die danach auch gleich wieder mit ihrem Vater eine Weltreise macht. Sie hat eine Woche an dieser Schildkröte gearbeitet und alles was von der noch übriggeblieben ist, ist unser Freundschaftsring, den sie dem Tierchen ans Bein gemacht hat.“ Noch ein Zug. „Jetzt schauen Sie doch nicht so verzweifelt Stefano, was ist denn los mit Ihnen?!“ „Ach, wissen Sie, ich habe noch nie eine solch merkwürdig klingende Geschichte gehört, es löst in mir eine Mischung aus Amüsement und Verwirrtheit aus.“ Er rückte seine weiße Fliege zurecht und nahm noch einen Schluck Whisky, wobei er auf den Tisch tropfte. Er nahm ein Seidentaschentuch aus seinem Anzug und begann emsig den Tisch zu putzen. Christa nahm noch einen Zug: „Ach Stefano, das muß Sie doch nicht verwirren, gut zugegeben, das, was ich und meine Mutter teilweise miteinander anstellen, ist nicht für jeden alltagstauglich, aber glauben sie mir, diese Frau hat es teilweise nicht anders verdient, und ich wahrscheinlich auch nicht.“ „Nein, ich meine damit den etwas makaberen Teil ihrer Geschichte, das Überfahren eines, wie sie sagten, ’hilflosen Dings’“ Christa kicherte erneut. „Ach Stefano, Sie sind ja ein Scherzkeks, das war doch kein wirkliches Tier, es war eine Tonschildkröte. Ich sagte ja, eine Freundin hat sie für mich gemacht“ Stefano ließ ebenfalls ein kleines, nervöses Kichern hören und sackte ein wenig erleichtert in sich zusammen. Christa verstummte. „Nein, ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“ Christa nahm den letzten Zug und drückte die Zigarette in einem überfüllten Aschenbecher aus. „Vielleicht mag Sie es mit Ihnen Meinungsverschiedenheiten auszureden“ Christa stutze: „Wie meinen Sie das, Stefano?!“ „Nun ja, als ich noch ein kleiner Junge war musste ich am Wochenende immer zu meiner Großmutter, und nun ja, ich fühlte mich nicht übermäßig wohl bei ihr.“ „Sie haben es bei ihrer Großmutter gehasst, oder?!“ „So könnte man es unter Umständen auch ausdrücken, ja. Nun, als meine Großmutter starb, war ich zuerst froh dort nicht mehr hinzumüssen, doch nach und nach merkte ich, daß ich sie vermisste, ich vermisste den Kohlgeruch in der Küche und den von gebrauchter Wäsche und Waschmittel in ihrem Maschinenraum, ich vermisste das Ticken der alten Heizung genauso wie ihre ständigen Meckerein.“ Er schlug sich auf den Mund, als hätte er etwas Verbotenes gesagt. „Und worauf wollen Sie jetzt hinaus, Stefano?“ „Es tut mir leid, ich war nur gerade ein wenig schockiert darüber, wie ich über meine Großmutter gesprochen habe“ „Ach Stefano, ich werde es schon niemandem verraten, daß Sie Ihre verstorbene Oma nicht ausstehen konnten, aber was wollten Sie mir sagen?“ Stefano trank vorher noch einen Schluck Whisky auf den Schreck, dann fuhr er fort. „Ich wollte damit nur sagen, dass man auch negative Sachen vermissen kann wenn sie für einen selbst Gewohnheit sind, verstehen Sie, was ich meine?!“ „Oh“ Christa verstand, doch sie sagte nichts darauf. Eine Weile lang saßen die beiden schweigend nebeneinander. Dann sagte Stefano „Und,... was gedenken Sie nun zu tun, meine Teuerste?!“ „Ach ich weiß es doch auch nicht, ich würde meiner Mutter am liebsten ganz fest drücken und ihr ein ’Kick Me’ Täfelchen umhängen, oder so was in der Art, einfach nur, damits ihr besser geht. Was meinen Sie?!“ „Ich denke, das wäre eine vortreffliche Idee.“ „Na ja, das hätte ich sowieso vorgehabt, mit der Schildkrötennummer kann ich sie einfach nicht ungeschoren davon kommen lassen.“ „Wundervoll, kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?!“ „Nein, aber Sie könnten mir den Ausgang zeigen.“ „Selbstverständlich die Dame.“ Stefano geleitete sie zur Türe hinaus, doch als er sie auch noch auf ihre Suite bringen wollte, lehnte sie dankend ab. Im Fahrstuhl dachte sie an das, was Stefano gesagt hatte, und überlegte ob ihre Mutter wirklich so masochistisch und schikanensüchtig war. Sie tat ihr sogar ein bisschen leid. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl 7 Stockwerke hinauf, und als sie ihre Chipkarte in die Tür steckte und diese anschließend mit einem Summen zu öffnen war, wusste Christa immer noch nicht wirklich, wie sie damit jetzt umgehen sollte, falls dem wirklich so war, daß ihre Mutter sie so liebte, dass sie deshalb ihre Schildkröte überfuhr. Sie schlüpfte aus ihren Ballerinas und zog sich ihre Hausschuhe an und als deswegen weißliches, leicht klebriges Zeug aus den Hausschuhen herausgequollen kam, wusste sie es endlich: „Dieses Biest hat keine Gnade verdient!“ Sie schmiss die Hausschuhe, die kurz zuvor noch mit Duschgel angefüllt gewesen waren in die Badewanne und rannte barfuß und schreiend wieder zurück in die Lobby um auf ihre Mutter zu warten, der sie diesmal aber wirklich gehörig die Meinung pfeifen wird. Katharina Scheinast
12.1.09 17:43
 


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