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Meine Kurzgeschichte- Jakob Lundwall P.S.: Die Frau Prof. Seidenauer hat mir viel ausgebessert, i

Die nackte Drahtseilfigur

 

 

Der Himmel sah aus wie eine braun gefleckte Banane.
Das Ende der Welt schien an der Türe zu klingeln, als erste Blitzgreifarme vom besonders fauligen Teil des Bananenhimmels nach Westen zuckten.
Vögel desertierten ins gelbe Licht. Der ockerfarbene spanische Sand jagte hinterher.
Der Wind sang immer lauter.
Timotius stand auf der geräumigen Dachterrasse und rauchte genüsslich an einer besonders kurzen Zigarette.
Befriedigt sah er einen Einsatzwagen auf der Straße unter ihm mit blau blinkendem Warnlicht herumfahren.
Der Wind peitschte die Markisen.
Timotius war sicher einer der einzigen, die dem drohenden Unwetter außerhalb ihrer schützenden Mauern begegnen würden.
Timotius geilte es auf, der einzige zu sein.
Der Wind leckte sein Ohr.
Scheiß Wetter.
     Ob dieses hirnrissige Unternehmen von spanischer Fluggesellschaft bei so einem Himmel starten würde?
Die staubigen Topfpflanzen auf der Terrasse raschelten unheilvoll, als würden sie die abwertenden Gedanken über ihre heimische Fluggesellschaft nicht gutheißen.
Das Handy läutete.
Timotius ignorierte es, indem er weiter seinen Blick über die kahle spanische Hügellandschaft wandern ließ.
Das Handy läutete.
Timotius seufzte angewidert und klappte es auf.
Hola?“, fragte er unbekümmert gegen das heftige Geheule des Windes ankämpfend, seinen Blick auf dem hässlich orangfarbenen Boden.
„Malcolm?! Was? Ja? Ja? Nein. Nein. Ja. Ja. Mir egal. Aufwiderhören.“
Lästiger Verkaufsprozess! Blöde Finnen!
Timotius schmiss gekonnt lässig die Zigarette über das Geländer.
     Seine Gedanken waren geordnet und zielstrebig. Heute Kopenhagen, morgen Boston, übermorgen Geburtstag der Mutter. Wie alt war sie noch mal gleich?
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich um, der Terrassentür wieder zugewandt.
Der Wind war nun bestialisch stark und vom einst so ungewöhnlichen Bananenhimmel, war nun lediglich nur noch morbides Schwarz zu sehen.
360 Tage Sonne hieß es. Musste er immer an genau diesen fünf bescheuerten Schlechtwettertagen hier sein?!
Drinnen war es warm. Das Kaminfeuer flackerte, der weiße Marmorboden war poliert und die zitron-gelben Wände spiegelten seinen Schatten. Drinnen war es schön. Keine Finnen, keine Geschäftsdeals, kein Mensch. Kein, kein, kein.
Timotius ging zu dem klapprigen Dunkelholztischchen, auf dem seine Briefe, Rechnungen, Flugtickets nach Kopenhagen und geliebten Kekse lagen.
Timotius war dankbar für die Kekse. Kochen, geschweige denn Backen konnte er nicht. Davon verstand er nichts. Die Küche ist die dümmste Erfindung, seit den Sicherheitskontrollen am Flughafen, sagte er, wenn man ihn auf dieses heikle Sujet ansprach, doch auf Kekse wollte und konnte er nicht verzichten.
Mrs. Richardson von nebenan hatte sie für ihn gebacken, nachdem er es ihr aufgetragen hatte.
In Timotius Augen war das englische Ehepaar Richardson, sowieso nur ein wehrloses, steuerbares, naives Etwas, das sich nebenan eingenistet hatte. Die beiden würden ihm sogar hundertzehn Euro schenken, wenn er sie darum bitten würde! Oder ihm die Füße küssen und ihm nebenbei auch noch die gesamte Wohnung streichen, wenn er nur „Muh“ oder „Mäh“ machte.
Timotius lächelte in sich hinein.
Jaja, gutgläubige Leute waren derart grotesk unbeholfen, dass es schon fast wieder lustig war.
Timotius sah auf die Standuhr die gemächlich, dem Heulen des Windes zum Trotz dahintickte.
Das Taxi würde in gut einer Stunde hier sein.
Da stand er nun, zwischen monotonem Ticken der Uhr und aufbauschendem Brausen von draußen und starrte ins Leere. Sein Kopf schien auf Ruhemodus eingestellt worden zu sein, Ruhe die er dringend brauchte, nach all den vielen Stunden des Organisierens und Arbeitens.
Timotius Haupt zuckte unweigerlich, als ob er einen Hilferuf nach Benutzung seiner selbst ausrufen würde.
Hinter der Glasscheibe sah der wirbelnde Schmutz aus, wie eine fahle Schlangenhaut, die sich elegant durch das Tal wand. Es hatte wohl oder übel etwas Faszinierendes. Etwas Ungreifbares. Etwas Neuartiges.
Timotius nickte verloren. Oh, so schön, so schön. So wild.
      Der Moment erschien Timotius wie ein sensibles Blatt Pergament. Fragil und aufwendig hergestellt.
Das abermalige Läuten des Telefons glich daher einem windscharfes Messer, das erbarmungslos das Pergament mittendurch zerschnitt.   
Timozius fluchte laut: „Herrgott noch mal! Himmelarschundzwirn, blöde Bastarde, blöde! Hola?“, schnarrte er ins Telefon. 
Auf der anderen Seite der Leitung war nur ein leises Rauschen, das zusammen mit dem Tosen des Sturmes, dem Krachen und Knacksen der Blätter, dem Gebell eines verirrten Hundes, das Donnern der schwarzen Wolken und dem Atmen von Timotius eine gespenstische Musik erschuf.
Hola?“, sagte er noch mal mit seinem durch und durch schwedischen Akzent. Fremdsprachen waren nie seine Stärke gewesen, genau so wenig wie Kochen oder Backen.
Das Rauschen am Telefon wurde durch den Besetztklingelton ersetzt. Offenbar hatte der- oder diejenige aufgelegt.
Das Gruselorchester des Windes draußen hatte nun den Höhepunkt des Konzertes erreicht.
Regen donnerte wie Granatapfelkerne gegen die Scheiben, die unter diesem Beschuss zu schreien schienen. Die Nackenhaare von Timotius wogen im Rhythmus des Windgeheules.
Das Licht flackerte und Timotius Augen huschten, wie bei einem Tennismatch hin und her. Angst hatte er keine, im Gegenteil, er wartete nur auf das abermalige Klingeln des Telefons um dann ausrasten zu können. Warum rief jemand an, der dann nicht mit ihm sprechen wollte? Selbst wenn sich dieser jemand verwählt hätte, dann hätte er sich verdammt noch mal entschuldigen können, oder? Diese elendigen Spanier!
Er wagte es kaum zu atmen, denn er fürchtete er könne dann das Läuten überhören. Mit seiner belegten Zunge leckte er sich über den trockenen Mund, was diesem ein schleimiges Aussehen verlieh.
Wo bist du, hä? Wann rufst du wieder an und käsiger Spinner? Traust dich wohl nicht?
Das Flackern der Lampen wurde immer nervöser und die Standuhr schien schneller zu ticken, als wolle sie wegrennen. Die Adern auf seiner Hand pulsiert deutlich und die Augenbrauen zuckten.
Ruf an! Ruf an!, dachte er herausfordernd, die Augen huschend.
Das Pochen seines Herzens glich einem Schnellbahnexpress der mit 360 über die Gleise glühte, bis die Räder schmolzen.
Ruf a-
Die Haustüre klingelnde
„Aha!!!“, brüllte Timotius triumphierend, riss das Telefon hoch, presste es an sein heißes, rotes Ohr und schrie aus Leibeskräften in die Sprechmuschel: „Du Wichser! Noch nie was von ’Tschuldigung, verwählt gehört? Hä?!“
Komischerweise realisierte er erst während er sprach, dass sein gegenüber wohl kein Schwedisch verstand, also sagte er setzte er bloß nach: „Pajero – tu!
Timotius knallte den Hörer auf die Gabel, ließ sich aufs Sofa plumpsen und rieb sich angewidert die Stirn.
„Elendige Spanier!“, hauchte er, als wären es seine letzten Worte auf dieser Welt.
Das Prasseln am Fenster wurde leiser.
Dann läutete abermals die Tür.
Timotius schreckte hoch und wurde rot.
Er sah das regungslose Telefon an. Die Türe, verdammt und dich du!
Er schoss hoch, sodass ihm schwarz vor den Augen wurde, was er stöhnend und bückend bekräftigte. „Ya voy!“ knirschte er verkrampft, mehr zu sich, als zur Tür, die knapp vier Schritte von ihm entfernt war und an die nun jemand mit dem Türklopfer pochte.
Halb gebückt humpelte er zur Türe. Es waren doch mehr, als vier Schritte.
Zu ihren schlechten Manieren, kommt auch noch deren Unpünktlichkeit zur Geltung! „Elendiges Volk!“ quetschte Timotius aus seinem Mund, als wäre es Erbrochenes. „Scheiß Taxifahrer!“
Timotius riss die Türe schwungvoll auf und einem Rudel Schneewölfe gleich wehte der Wind in sein zitronengelbes Appartement und schien alles zu besudeln.
Media hora!“, brüllte er der Dunkelheit entgegen und war schon im Begriff die Türe wieder zu zuwerfen, als eine schüchterne Frauenstimme, dies verhinderte: „Ähm, Herr Dahlberg?“
Timotius heilt inne.
Zum ersten Mal sah er genauer in die Dunkelheit.
„Mrs…. Mrs. Richardson?“
„Schuldig.“, meinte diese und lächelte verkrampft, als sie ihm ihre Hand zum Gruß reichte. Fassungslos schüttelte sie Timotius. Ihm fiel auf, dass ihre Finger recht verschrumpelt wirkten, so als ob sie zu lange gebadet hätte.
Timotius hatte Mrs. Richardson noch nie bei ihm anläuten gesehen, außer wenn er sie kommen ließ um irgendetwas bei ihm zu tun. Sie trug eine grässliche, grob gehäkelte, rosa Strickjacke, die offenbar nicht ausreichte um die Sintflut an monatelang von der Natur zurückgehaltenen Regen von der restlichen Kleidung abzublocken.
Die gelblich wirkenden Haare, die an den Ansätzen gespensterhaft weiß waren hingen in Zotteln über die für ihr Alter makellose Stirn.  Kein Leberfleck, keine Narbe, keine Sommersprossen, nur glatte, plastikhafte Haut, die unfähig schien sich in Falten verwandeln zu können. Die Jeans war befleckt, was deutlich an den tiefdunklen Stellen erkennbar war.
Was tat sie hier um diese Uhrzeit?
Zum ersten Mal an diesem Abend wünschte sich Timotius, der Taxifahrer wäre schon hier um ihn von dieser schaurig orientierungslosanmutenden Nachbarin weg zu bringen.
„Mrs. Richardson?“, fragte er noch einmal, womöglich um dadurch vielleicht zu erreichen, dass jemand hinter dem nächst besten Akazienbusch hervorsprang und „April, April!“ rief.
Was tat sie hier um diese Uhrzeit?
Mrs. Richardson sah ihn von untenherab an.   
Dann: „Tee, Herr Dahlberg?“
„Ahm…“, dieser Dame ging es offensichtlich nicht gut. Wieso wollte sie mit ihm Tee trinken, wieso hatte sie ihn dafür nicht angerufen, statt im Regen vor seiner Türe zu warten?
„Ahm, Mrs. Richardson, mein Flug er geht in-“ – „Neinneinneinneinnein!“, winkte sie schnell ab, „Flieger fliegen sowieso, ich bitte Sie Herr Dahlberg mit mir Tee zu trinken. Ich habe Earl Gray aus der Teeboutique da unten aus der Calle Santa Ana. Sie mögen doch Tee? Also ich liebe Tee! Tee, ich könnte nichts anderes trinken außer Tee! Es gibt nichts Besseres als Tee, außer Tee vielleicht!“ An dieser Stelle gluckste sie verrückt und Timotius dachte unweigerlich, sie hätte diesen Text auswendig gelernt.
Mit einem größeren rechten und einem kleineren linken Auge sah sie ihn schief an. Ihr Grinsen irritierte Timotius. 
Timotius wog die Situation ab.
Erstens konnte er niemand hier draußen im Regen stehen lassen, zweitens wirkte Mrs. Richardson labil und unzurechnungsfähig, drittens hatte er in der Tat noch ein wenig Zeit, bis sein Taxi kam.
Andererseits wollte er nicht mit eben dieser labil und unzurechnungsfähigen Nachbarin in deren oder seine Wohnung gehen.
„Tee?“, fragte diese noch einmal.
Timotius sah sie an. Ihre Augen wirkten bittend und ihre Hände spielten nervös an einer Goldkette, die in ihrem Ausschnitt hing.
Timotius zögerte und der Regen wurde abermals stärker.
Bitte.“, flüsterte Mrs. Richardson nun und schluckte heftig.
Ungern kam dann dennoch ein: „Einen Moment noch!“ und unfassbar warum er das nun gesagt hatte, war Timotius schnell beim Kleiderschrank holte Mantel, Schal und feste Schuhe.

 

Vier Monate hatte es nun schon nicht mehr geregnet. Wasser war knapp und Erholressorts wie dieses hier brauchten Unmengen an Wasser für die ausländischen Gäste, den Golfrasen und die Swimmingpools. Sogar während es nun schüttete, wie aus überdimensionalen Blecheimern, liefen die Sprenkelanlagen auf Hochbetrieb.  
Mrs. Richardson takelte vor Timotius Richtung ihres Appartements.
Es durften nur um die zehn Meter von seiner Tür zu der von ihr und ihres Mannes gewesen sein und dennoch schien es wie ein zehn Kilometer Fußmarsch auf dem zwischen den beiden Totenstille herrschte.
        Obwohl derselbe Architekt die beiden Appartements geplant hatte und obwohl beide äußerlich ident waren, waren dennoch beide Eingangstüren unterschiedlich. Timotius Tür war weiß und schlicht, die Tür der Engländerin Mrs. Richards war massiv, dunkel und mit grässlichen Schnitzereien verziert. 
„Was macht Ihr Mann gerade, Mrs. Richardson? Ist er auswärts?“
Lediglich das Klimpern des Schlüsselbundes kam als Antwort.
Die Tür ging auf und Timotius fand all das Darauf folgende sonderbar. Zunächst einmal war der Grundriss dieser Wohnung derselbe wie in seiner. Alle Wände waren gleich, ebenso die Türen und Fenster und dennoch war alles anders ausgemalt und eingerichtet worden, als bei ihm. Es schien Timotius als sei er in seinem eigenen Appartement ein Einbrecher, oder als ob listige Heinzelmännchen über seine Abwesenheit hinweg alles neu arrangiert und eingerichtet hätten.
„So.“, meinte Mrs. Richardson und legte die grässliche Strickjacke über einen grässlichen Holzsessel und ging über den grässlichen Fußboden in die winzige Küche, in die gerade einmal eine halbe Person hineingepasst hätte. Alles war vollgeräumt mit Kräutern und es roch verdächtig nach Knoblauch.
„Earl Gray für Sie, Dahlberg?“
„Jaja.“
„Mit Milch?“
„Nein mit Zitrone und ein wenig Zucker?“
 Ein Grunzen des Verstehens kam als Antwort.
„Machen Sie es sich doch im Wohnzimmer bequem, Dahlberg!“, folgte es über das Blubbern des heißen Wassers hinweg.
Timotius nickte und ging wie selbstverständlich ins Wohnzimmer, das genau dort war, wie bei ihm auch.
Sein erster Gedanke war: Wow, dieses Zimmer ist nicht so grässlich, wie das andere!
Tiefrote, unruhig gemalte Wände, Drahtskulpturen nackter Frauen, weiße Sofas, die eine Art Kontrapunkt zu dem Rot der Wände setzten, gelbe Lampenschirme, ein großzügiger Fernseher, ein kleiner, mittlelhoher Glastisch mit etlichen Zeitschriften, ein Paar Füße, ein Bild Venedigs, ein-
Timotius blinzelte verwirrt mit den Augen.
Irrte er sich?
Nein. Neben dem Glastisch sah er deutlich zwei schwarze Schlüpfer, die an einem Paar Füße hingen, welche an Beinen befestigt waren, welche zur Hüfte und zum Bauch, zu den Schultern, zum Hals und schließlich- oh mein Gott, zu dem unschön verrenkt daliegenden Kopf von Mr. Richardson führten!
Das Blubbern des Wassers und Mrs. Richardsons Summen eines Kinderliedes draußen in der Küche ließen Timotius einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Wäre Mr. Richardsons Kopf nicht derart verrenkt und wäre über seiner Schläfe keine Platzwunde gewesen hätte Timotius geschworen er würde schlafen, wie ein Baby.
Das Blut war heller, als das von Timotius, welches dunkel und abgelaufen wirkte.
Das silberne Haar vermischt mit diesem hellen Rot wäre ein Kunstwerk an sich gewesen und wäre Timotius nicht derart gebannt geschockt gewesen, er wäre fasziniert von dieser Arbeit gewesen. Dieses Unwirkliche an dieser Situation hatte vermutlich dahin geführt, dass Timotius dachte es sei ein Kunstwerk. Ein offensichtlich toter Mann in Schlafanzug, mit schwarzen Pantoffeln, silbernen Haar mit roten Farbakzenten erschien neben einer vollbusig, wippenden Frau aus Draht und Stahl an einem verregnet, stürmischen Abend allemal wie ein Bildnis.
Genial!
Plötzlich zuckte Timotius Kopf schon zum zweiten Mal an diesem Abend und diesmal war es ein flehenderes, ruckartigeres Zucken, als das vorige.
Bei Gott, Timotius Dahlberg! Der Mann ist tot! Die Frau weiß das wahrscheinlich gar nicht! Womöglich sind die Mörder noch hier! Vielleicht hinter diesem cremefarbenen Vorhang dort?
Es blitzte draußen und der Vorhang erhellte sich just in diesem Moment.
Doch würde sich ein Triebtäter dahinter verstecken, sein Schatten hätte ihn spätestens jetzt verraten.
Timotius sah sich im Wohnzimmer nach anderen geeigneten Verstecken um, bis ihm ein gar grausiger Gedanke kam: Mrs. Richardson.
Sie.
Aber… wenn es sie… dann hätte sie doch… nie im Leben hätte sie ihn dann eingeladen, außer… außer sie wollte ihn… sie wollte… wollte… ihn? Aber warum? Und warum ihren Mann?
Timotius wirbelte herum als Mrs. Richardson mit einem Teetablett im Arm ins Wohnzimmer schritt. Der Raum ließ sie jünger wirken. Auch sie sah wie ein Kunstwerk aus. Ob Timotius wohl auch wie eins aussah?  Zum dritten Mal zuckte sein Kopf und riss ihn aus diesen nichtigen Gedanken.
Sie schien die Leiche ihres geliebten Mannes gar nicht zu bemerken.
„Zitrone sagten Sie?“
Seine Kehle war heißer.
„Sagten Sie?“, bohrte Mrs. Richardson nach.
Seine Kehle rebellierte, als wolle sie ihm verbieten sich zu verständigen.
Daher nickte er einfach.
Draußen heulte der Wind. Bitte, bitte möge das Flugzeug heute noch mit mir starten und möge dieser Taxifahrer doch endlich hier sein, auf niemanden konnte er mehr zählen! Wieso kam er nicht? Elendes Land!
Mrs. Richardson setzte sich grazil auf den Canappé am kleinen Glastischchen, so dass ihr toter Mann gegenüber von ihr lag.
Sein Blut befleckte nun den Boden.
„Setzen Sie sich, Dahlberg!“, meinte sie, als sie die Zitrone in eine der Tassen presste.
„I-ich mag keine Zitrone!“, stotterte Timotius schnell.
Womöglich war sein Becher vergiftet!
„Och.“, meinte Mrs. Richardson, als sei es eine Verschwendung gewesen die gute, sonnengereifte Zitrone zu verschwenden.
„Gut, dann nimm ich den mit der Zitrone eben…“, sagte sie und reichte ihm die andere Tasse.
Timotius zögerte.
Aber was wenn sie wusste, dass ich dachte, dass mein Tee vergiftet sei und sie in Wahrheit den anderen vergiftet hatte, weil sie dachte, ich würde denken, dass meiner vergiftet war und in Wirklichkeit war ihrer vergiftet, den ich nun trinken werde und der mich schlussendlich doch noch vergiften würde.
Aber diesen Tee abermals ablehnen konnte Timotius nicht, das erschien ihm zu blöd.  
Augen zu und durch dachte er und kippte das Gesöff auf einmal hinunter.
„Hatten Sie heute noch nichts zu essen, Dahlberg?“
Timotius zuckte mit den Schultern.
Irgendwie musste er sie auf ihren toten Ehemann aufmerksam machen.
„Ahm… Ihr Mann, ist er… ist er… auswärts?“, fragte er noch einmal und kam sich bescheuert vor nach jemandem zu fragen, der gerade neben ihm lag.
„Ach Mortimer, der ist dauernd irgendwo… wahrscheinlich ist er im Casino und amüsiert sich gerade ganz prächtig! Spielen Sie?“
„Nein. Die Chance zu verlieren ist viel zu groß.“
„Weise, weise. Am Ende verleirt man alles“
„Außer das Leben!“, brach es schnell aus Timotius heraus.
„Selbstredend. Sie scheinen noch nie in einem Casino gewesen zu sein, Dahlberg?“
„War ich auch nicht. Kein Geld. Es ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu vie-“, er biss sich auf die Zunge. Sag dieses Wort nicht mehr wieder!
„Jaja.“, meinte Mrs. Richardson selig. „Aber an Armut muss man ja heute noch nicht gleich sterben.“
„Muss man nicht. Nein, muss man nicht!“, lachte Timotius nervös und spielte unruhig mit seinen Fingern.
„Mein Mann, Mortimer, er hat immer zu mir gesagt Alice, selbst wenn wir all das nicht hätten, wären wir zusammen, wahre Liebe nicht war?“, meinte sie und nippte an ihrem Tee.
Mit all das meinte sie wohl deren Reichtum, dachte Timotius.
„Wir lieben uns sehr, mein Mann und ich, seit achtundvierzig Jahren, das ist eine lange Zeit, Dahlberg, finden Sie nicht?“
„Sehr lang.“, nuschelte Timotius und mühte sich nicht Mr. Mortimer Richardson anzusehen.
Stattdessen sah er auf die Kerzenhalter, die auf dem Glastisch standen.
Alle waren aus Messing und schienen alt und verstaubt. Angelaufen waren sie auch da und dort. Außer der ganz rechten. Er funkelte und glänzte, als ob man ihn drei Tage lang durch gewaschen hätte.
„Wollen Sie einen Frühjahrsputz machen, Mrs. Richardson?“, fragte er, „Und alten Krempel und so rauswerfen…“ (an dieser Stelle hätte er sich abermals ohrfeigen können), „…ich meine natürlich, den alten Krempel auf Hochglanz bringen.“
„Warum?“, fragte sie unschlüssig.
„Na Ihr Kerzenhalter! Der glänzt so schön!“
Mrs. Richardsons Augen wurden groß und ihre Lippe bebte.
„Ich musste ich… ich habe, wissen Sie, ich… ja, gewaschen habe ich ihn. Kurz bevor ich zu Ihnen ging habe ich ihn händisch gewaschen, weil… ich habe Sie ja angerufen, habe aber dann aufgelegt, ich äh…“
Stille.
Grauenvolle Stille.
Grauen-, grauen-, grauenvolle Stille.
Die stillste Stille seit langem.
So still, dass die Ohren wehtaten, weil das Trommelfell vergeblich versuchte irgendwelche Geräusche einzufangen.
„Warum haben Sie ihn gewaschen, Mrs. Richardson?“
Sie atmete schneller.
„Weil… weil… ich liebe meinen Mann.“
„Sie lieben Ihren Mann und deshalb putzen Sie wie verrückt einen Kerzenhalter?“
„Wie verrückt geputzt habe ich ihn nicht, was fällt Ihnen ein, Dahlberg!“
„Sie leiben Ihren Mann?!“, fragte Timotius nun verdutzt und schon etwas lauter.
Er wusste, er konnte dieser Höllenangst nur entgegentreten, wenn er sie anschrie.
Mrs. Richardson war ein komplettes Nervenbündel, unsicher und naiv, wie er es von ihr gewohnt war.
Er musste sie darzubringen es auszusprechen, was noch nicht ausgesprochen worden war!
„Lieben Sie Ihren Mann, Alice?“
Tränen waren in ihren Augen.
„Lieben Sie ihn?!“
Tränen waren auf ihrer Wange.
„Lieben Sie ihn, verdammt?!“
Tränen tropften von ihrem Kinn.
„Reden Sie!“
Sie redete nicht, sondern schluchzte nur und langte nach ihrem Tee.
Timotius schlug ihr die Tasse aus der Hand.
„Sie haben ihn umgebracht mit Ihrem Kerzenhalter, den sie dann wie verrückt geputzt haben um Blut und Fingerabdrücke zu beseitigen!“
Mrs. Richardson schrie ihn an: „Warum haben Sie meinen Tee auf den Boden geschmissen, Sie Wahnsinniger! Ich sollte die Polizei rufen!“
„Ja, das sollten Sie!“
„Ja, das sollte ich!“
Beide sahen sich zornig und entsetzt zugleich an.
Dann wandten beide gleichzeitig ihre Blicke zum Telefon.
Wie auf Startschuss sprinteten beide zum Hörapparat, kämpfend, beißend, kratzend, schreiend.
Mr. Richardson lag ruhig am Boden.
Der Glückliche!
„Geben Sie her, Dahlberg! Los!“
„Nie im Leben, Sie Psychopatin!“
Irgendwie schafften es beide den Polizeinotruf zu wählen, während sie um das Telefon kämpften.
Ein missmutigklingender Beamter hob auf der anderen Seite der Leitung ab.
„Hilfe! Ein Irrer ist bei mir eingebrochen! Er heißt Dahlberg! Timotius Dahlberg!“
„Kommen Sie, eine Irre hat ihren Mann umgebracht! Sie heißt Richardson! Alice Richardson!“
„Hilfe!“
„Kommen Sie!“
„Lassen Sie mich los, sie Perverser!“
„Beißen Sie nicht, geben Sie her!“
“Aaaaaahrg!“
 Dann hörte man den Piepston.
Der Polizist hatte einfach aufgelegt!
Elendiges Land!
Stille.
Dan unter verhaltenem Schniefen und Schluchzen: „Was soll ich denn nun bloß tun, Dahlberg? Ich… es war ein Unfall…“
„Ein Unfall?! Jemandem mit einem Messinggegenstand zu verdreschen?!“
„Es ist egal wie und warum es passiert ist, das wichtigere ist was ich nun tun soll, Dahlberg?“
Timotius überlegte.
Was auch passiert sein musste zwischen den höflichen, naiven, gutherzigen Richardsons, angehen tat es ich nichts.
Mrs. Richardson war immer hilfsbereit zu ihm gewesen, hatte ihm Kekse gebacken, Essen gekocht, geputzt und gekehrt.
Mr. Richardson hatte für ihn eingekauft, war mit ihm Golfspielen gegangen und hatte ihm oftmals gute Bücher geliehen.
Irgendwie tat ihm seine Nachbarin auf unerklärliche weise leid.  
Sie schien derart… derart verzweifelt.
Sie zählte unweigerlich auf ihn und das wusste er.
„Wissen Sie was?“, fragte er freundlich, „Mein Taxi wird in ein bis zwei Minuten hier sein. Ich werde einsteigen, zum Internationalen Flughafen fahren, dort den Business Class Check-in – Schalter nehmen und dann mit Flug IB1452 nach Kopenhagen fliegen.“
Mrs. Richardson sah ihn wiederum unschlüssig an.
„Aber was soll das mir-“, wollte sie fragen, doch Timotius legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, machte „Pscht!“ und zwinkerte mit dem Auge.
Mrs. Richardson sah ihn an. Entgeistert. Verwirrt. Hoffnungslos.
Pscht?“, machte sie zögernd, als ob es sich hier um einen Scherz handelte.
Pscht! Niemand muss jemals irgendetwas erfahren.“, lächelte Timotius, vermutlich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren.
Er fühlte die kalten, nassen Lorbeersträucher des Smålandes an seine zerkratzten, nackten, laufenden Beine schlagen, als er durch den Wald rann. Er rann, weil er gerade Anna-Lisa nackt in Svensons Scheune gesehen hatte. Nackt und unsagbar fett. Niemand würde es jemals erfahren, dass er sie gesehen hatte, außer Anton, dem er es gleich darauf sagen würde.  Der achtjährige Timotius von damals lachte.
„Niemand?“, fragte Mrs. Richardson.
Der schwedische Junge sprang über Wurzeln und gluckste dabei.
Wo waren die goldenen Tage hin? 
„Niemand.“
Ein Geheimnis ist nur soviel wert wie der, der es uns anvertraut.
Mrs. Alice Richardson nickte dankbar.
Ein Geheimnis ist nur soviel wert wie der, der es zu behalten vermag.
Timotius Dahlberg grinste.
Ein Geheimnis kann uns das ganze Leben begleiten, egal wie lange es auch dauern mag.
Beide sahen sich an.
Draußen hupte ein Auto.
Timotius zuckte naiv mit den Schultern, stand auf, öffnete die Tür, das Rudel sibirischer Schneewölfe umschmeichelte seine Wangen und der Wind leckte sein Ohr.
Ya voy, pajero!“, schrie er dem Taxifahrer freudig entgegen.
Timotius geilte es auf der einzige zu sein.
Der Geruch des nassen Grases unter den Füßen des schwedischen Jungens von damals mischte sich in die kälter werdende spanische Abendluft.
Timotius lachte und ging dem Taxi entgegen.
Es geilte ihn auf der einzige zu sein.
Und diesmal war er wirklich der einzige.
Nun ja, fast.

 

Jakob Lundwall 7I     SEI   2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

18.1.09 12:56
 


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