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Lindas Kurzgeschichte (spät, aber doch)

Schon mit 8 Jahren wusste ich, dass ich anders war. Während die Nachbarskinder in meinem Alter draußen auf der Strasse spielten und die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spürten, ordnete ich in meiner Puppenküche die Porzellantassen zum fünften Mal neu an. Immer wenn die kleinen hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Tassen nicht perfekt auf den hellblau gepunkteten Meißner Porzellan-Untertassen standen, überkam mich der Drang, sie wieder auseinanderzunehmen und von vorne anzufangen. So verbrachte ich Monate meiner Kindheit, immer klopften andere Kinder an meine Fensterscheibe und dann, wenn ich darauf wartete, dass sie mich zum Mitspielen auffordern würden, fragten sie nach meiner kleinen Schwester. Ihre dunklen Locken waren jedesmal, wenn sie wieder nach Hause kam, zerzaust und mit Zweigen und Blättern gespickt. Und ich hatte in der Zwischenzeit meine Spielschürze auf dem kleinen Bügelbrett geglättet, Amanda und Kati Zöpfe geflochten und mich auch noch um die Lieblingspuppen meiner Schwester gekümmert. „Wo warst du?“, waren immer die ersten Worte, die mir über die Lippen kamen, wenn sie so vor mir stand, mit geröteten Wangen, glänzenden Augen und dem kleinen Muttermal am linken Nasenflügel. Sie war daran gewöhnt, mir immer detailgenau darüber zu berichten, was sie den ganzen Tag über so getan hatte, mit wem und wie lange, deshalb sprudelten die Geschichten nur so aus ihr heraus. Natürlich erzählte sie nicht immer die Wahrheit, aber ich wusste ja, dass es keine Elfen und Einhörner gab, also überging ich diese Lügen, die regelrecht aus ihr herausflossen. Ich legte ihr dann immer ein neues Kleid heraus, dazu farblich passende Wollstrümpfe und bürstete ihr die Haare. Auch wenn sie es viel lieber hatte, wenn ihre Löckchen wild herumhüpften, konnte ich es so nicht ausstehen und band ihr wie immer eine kleine Schleife hinein. Nun sah sie wenigstens wieder ordentlich aus und Vater würde sich freuen, wenn er uns so nett hergerichtet sah. Ich fegte nun schon zum dritten Mal die nicht mehr vorhanden Kuchenkrümelchen vom Tisch und räusperte mich. Erwartungsvoll sah mich meine Schwester an, doch zum ersten Mal wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Dass Mutter nicht mehr von ihrer Reise zurückkam? Dass sie auf einem Einhorn fortgeritten war? Ich drehte am Henkel der äußersten Tasse herum und diesmal schienen die hellblauen Punkte einfach nicht mehr zueinanderpassen und so sagte ich erstmal eine Weile gar nichts.



„Verschwinde aus meinem Zimmer!“, schrie sie und ihre Stimme hallte in meinen Ohren wider. Langsam, als tröpfle man bittere Medizin in eine Teetasse, verschwammen die Bilder auf ihrer Zimmertür und ich sank zusammengesackt auf den Boden nieder. Die Kälte der Wand war schier unerträglich, doch störrisch presste ich meinen Rücken dagegen. Sie brauchte mich nicht mehr. Sie brauchte mich nicht mehr. Dieser Gedanke spukte mir schon seit Wochen im Kopf herum, doch ich schob ihn in die unterste Schublade meines Bewusstseins, wollte es nicht wahrhaben. Sie war doch erst 19!

Es war eine fixe Idee von mir, dass sie allein nicht klarkam, wie sollte sie auch. Sie war nur ein kleines Mädchen, ich musste doch ihre Sachen bügeln, ihre Klamotten morgens herauslegen, ihr Zimmer aufräumen. Ohne mich kam sie doch nicht zurecht! Ich zog mir den Rock zurück unter die Knie, er war verrutscht, als ich mich hinsetzte. Es ging so nicht weiter, die „Freunde“, mit denen sie sich herumtrieb, waren ein schlechter Umgang für sie, doch jedes Mal, wenn ich Vater darauf ansprach, nahm er sie in Schutz und sagte: “Ich kann auch nichts machen, sie wird schon wissen, was sie tut, sie ist ja ein Engel!“  Und dann lenkte er wie gewöhnlich ab, umkurvte geschickt jedes noch so heikle Thema und fragte nach dem Essen. Nachdem ich eine Weile stumm den abbröckelnden Putz neben ihrer Tür betrachtet hatte, ohne Zweifel vom vielen Tür-Zuschlagen, stand ich auf und nahm den Staubsauger in die Hand. Zwar lag nirgends auch nur ein winziges Staubkörnchen, doch das eintönig brummende Geräusch des kleinen Motors beruhigte meine Nerven. Nachdem ich mich wieder unter Kontrolle hatte, fing ich an die Fransen des Flurteppichs parallel auszurichten, ich hielt es nicht aus, wenn sie durcheinanderlagen.
Viel gab es ja nicht zu tun. Da ich jeden Tag dasselbe Putzritual vollzog, war alles schon sauber und blitzblank, doch wie immer fand ich noch etwas, das nicht meinen Vorstellungen entsprach. KLIRR! Anscheinend hatte meine kleine Schwester eine weitere meiner Porzellanvasen gegen die Wand geworfen und ich durfte dann anschließend alles trockenwischen und die im Raum verstreuten Blumen aufklauben. Der Gedanke daran, dass am Boden nun lauter Scherben lagen, machte mich fast verrückt, doch ich widerstand dem Drang, an ihrer Tür zu klopfen um sie aufzuräumen. Sie würde mich sowieso nur anschreien. Ein erstickter Schrei war aus dem Zimmer zu hören, wahrscheinlich war sie auf eine der Scherben getreten und hatte sich verletzt. Ich nahm einen Besen, ging zur Tür und klopfte.



Mir war schlecht. Um der Übelkeit etwas entgegenzusetzten atmete ich ein paar Mal tief ein und aus. Als mein Brustkorb sich hebte und senkte, wurde ich tatsächlich ruhiger und begann klar zu denken. Ich konnte nichts tun, es war ihr Leben, ich hatte mich nicht einzumischen, wie sie mir schon so oft klargemacht hatte.

Die Menschen, die an mir vorübergingen, verzogen ihre hässlichen Münder zu grinsenden Fratzen, wenn sie mich sahen, streckten ihre bazillenübersäten Hände nach mir aus, um mir zur Verlobung meiner kleinen Schwester zu gratulieren. Ich murmelte eine kaum verständliche Entschuldigung zu einem der Gratulanten und verdrückte mich ins Bad. Als ich den Wasserhahn aufdrehte und das kalte Nass über meine Hände rinnen ließ, fühlte ich schlagartig, wie es mir besser ging. Ich bespritzte mir das Gesicht und sah den kleinen tropfenartigen Wasserperlen zu, wie sie über meine Haut rannen. Das weiche Frottee-Handtuch mit den Initialen des Verlobten meiner Schwester fühlte sich ekelhaft angenehm an und ich ließ mich auf dem Toilettendeckel nieder. Jedoch sprang ich von dort sofort wieder auf, da mir klar wurde, wie viele Menschen diesen Deckel schon berührt hatten, und fing an, ihn mit Toilettenpapier und Seife abzuschrubben. Jemand klopfte an die Tür und rüttelte an der Klinke. „Besetzt!“.

Ich spülte die Reste des Papiers runter, wusch mir erneut die Hände und zupfte mir mein graues Kleid zurecht. Vor der Tür stand irgendeiner der Verwandten meines Schwagers in spe. Ich murmelte erneut eine meiner kaum verständlichen Entschuldigungen und quetschte mich an ihm vorbei. Blindlings durchschritt ich die Korridore, bis ich ins Empfangszimmer kam. Als wüsste sie, dass ich aus diesem kronleuchterbehängten, Kleinbürger-Aristrokaten-Haus fliehen wollte, stand an der Tür meine Schwester und hielt mich am Arm fest. Ihr Griff war wie ein Schraubstock, der sich um meinen Oberarm zwängte und nie mehr loslassen wollte. „Wo willst du denn schon hin?!“, zischte sie mir ins Ohr und schickte ein künstliches Lächeln in Richtung  der Neuankömmlinge, die eben hereintraten. „Nur kurz frische Luft schnappen“, antwortete ich und war froh, dass sie die neuen Gäste begrüßen musste, denn dadurch lockerte sie ihren Griff und ich entschlüpfte nach draußen.

Ich setzte mich auf die weißen Marmorstufen und zählte die Ritzen im Asphalt vor mir. Was hatte ich nur falsch gemacht? Wieso hasste sie mich so? Wir hatten uns als Kinder gut verstanden, bis Mutter gestorben war. Seitdem war ich ihre Mutter. Und sie war einfach nur undankbar. Mir wurde schon wieder schlecht, und bis es vorüberging, beobachtete ich eine Straßenlaterne, die an- und aus-flackernd graue Schatten an die weiße Wand des Hauses warf. Ihr falsches Lachen schallte wieder und wieder in meinen Ohren und mein Mund fühlte sich ekelhaft trocken an. Weiße Dreiecke drehten sich vor meinen Augen, ich wollte atmen, doch eine eine unsichtbare Klaue mit ihren grässlichen roten Fingernägeln umfasste meinen Brustkorb, so als wollte sie mich nie mehr loslassen  Die Wut sammelte sich in meiner Magengrube, ich wollte sie anschreien, sie zur Vernunft zwingen, gegen das lächerlich saubere Marmorgeländer treten! Es war soweit mit mir gekommen, dass ich mich vor ihr versteckte! Ich atmete noch ein paar Mal tief ein, bevor ich meine Wut hinunterschluckte und mit kalten Fingern ein Päckchen Zigaretten, das ich ihr zuerst weggenommen hatte, damit sie sich nicht die Lunge ruinierte, aus meiner Tasche fischte. Die Lampe flackerte noch einen Moment, bis sie grell leuchtend zum Stillstand kam. Meine Finger zitterten, als ich das Päckchen aufriss und eine Zigarette herausholte. Mit einem tiefen Atemzug schien es mir, als würde ich zum ersten Mal saubere Luft außerhalb meines Zimmers einatmen. Wie unbewusst fragte ich einen Passanten nach Feuer, zündete sie an und zog daran. Die Dreiecke drehten sich langsamer und langsamer und als wäre ich ganz woanders, strafften sich meine Schultern. Bevor ich zu husten anfing, hatte ich einmal das Gefühl, etwas mit meinem Leben anzufangen.

Ich setzte einen Fuß vor den anderen, ohne auf eine Rille im Boden zu steigen, ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Ich wollte aufhören, alles hinschmeißen, nicht mehr nach Hause zurückkehren, doch ich wusste, dass sich meine Füße nicht überzeugen lassen würden, einen anderen,fremden Weg einzuschlagen.


Als ich die nur zu bekannten Bäume sah, um die allzu bekannten Ecken bog und ohne hinzuschauen wusste, welche Farben die Häuser um mich herum hatten, war ich schon vor dem kleinen Garten angelangt. Die grün lackierte Tür schien mich auszulachen, den Briefschlitz gehässig zu verziehen, doch ich konnte nicht ausweichen, wurde von dem weißen, abblätternden Putz angezogen. Ich öffnete die Gartentür, balancierte von einer grauen Fliese zur anderen – wie früher. Sogar die Hollywoodschaukel bewegte sich, als wären wir gerade noch darauf gesessen, hätten gelacht. Bevor ich den Schlüssel zog und aufsperrte, stand ich einen Moment unschlüssig vor der Tür, doch ich konnte mich beim besten Willen nicht umdrehen und gehen. Innen war alles genauso wie früher. Die Enttäuschung wallte in mir auf, von den Zehenspitzen kroch sie langsam hinauf, erarbeitete sich ihren Weg.
Auf der Kommode lag dieselbe alte Postkarte und dieselbe alte Kerze stand auf einem Spitzendeckchen. Ich drehte die Kerze um 180°, erst dann konnte ich mich lösen und ging weiter. Die Teppichfransen waren ordentlich aufgelegt, so als wäre ich gerade erst mit einem Kamm durchgegangen. Ich öffnete alle Türen, sah in alle Räume, rückte hier zurecht, drehte dort etwas, bis ich zur Küche kam. Dort saß Vater auf seinem Stuhl und starrte auf die gelbbeige Tischdecke. Als er mich kommen hörte, blickte er auf und fragte: „Was gibt es denn zum Essen?“

19.1.09 21:03
 


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