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Kurzgeschichte Adele

Der Sitzlederbezug

 

Grün, Rot, Braun, Schwarz – alles zog an mir vorbei. Unter meinen Füßen, die ich auf den gegenüberliegenden Sitz gebettet hatte, ratterte der graue Kunststoffboden. Ich fühlte mich beinahe so, als säße ich auf einem Leiterwagen, der von Pferden durch die Steppe gezogen wird. Ich schloss meine müden Augen, als bettete ich ein Kind nach einem langen Tag, und dachte dabei an das zurückliegende Gespräch.
Nach einer Weile lauschte ich und wiegte mich in den vertrauten Tönen und Geräuschen, die das ganze Abteil erfüllten. Selbst das Quietschen des Sitzleders klang nach einem alten Freund, der mir leise etwas zuflüsterte.
Als ich die Augen aufschlug, wurde ich sofort von einem sonnengelben Safranfeld geblendet. Es schien mich beinahe zu begrüßen, zu erinnern, dass ich etwas Gutes getan hatte und die richtige Entscheidung noch treffen würde. Die Baumwipfel, die im Hintergrund der blassgrünen Häuser hervorragten, blühten teilweise noch. Auch sie präsentierten sich in so kräftiger Bemalung, als hätte man sie allesamt in einen großen Topf  Farbe getunkt.
Immer noch schweiften meine Gedanken ab und verfingen sich in einem Netz von Entscheidungsmöglichkeiten, das ich in den letzten Tagen gewebt hatte. 
Obwohl ich eigentlich tausende Gründe gehabt hätte, traurig oder bedrückt zu sein, irgendetwas schien mich von der Welt in einen Raum voll Vakuum zu heben.
Ich betrachtete meine Hände, die ich hinter meinem Kopf hervorgezogen hatte. Da waren sie. Die Hände einer alten Frau. Schon immer hatte ich sie gehasst. Schon immer waren meine Hände das, was ich an mir am meisten verabscheute. Und nun, mit einundvierzig Jahren waren sie das, was das junge Mädchen in mir zu einer alten Frau machte.
Ich wurde von der sich quietschend öffnenden Abteiltür aus meinen in Selbstzweifel getränkten Tagträumen gerissen. Herein kam ein junger Mann mit einer Aktentasche und einem Headset. Er murmelte mir und der alten Dame neben mir einen „Guten Abend“ zu und setzte sich auf den Platz schräg gegenüber. Er erinnerte mich ein bisschen an meinen Bruder, wie er so dasaß mit seiner halben Büro-Einrichtung. Auch die Dame neben mir schien merkwürdig fasziniert von diesem äußerst attraktiven jungen Mann.
Ich selbst wunderte mich kaum, dass er mich an meinen Bruder erinnerte. Wenn ich an den Grund meiner Reise dachte, war es wohl unvermeidlich ihn andauernd zu sehen. Wie um alles in der Welt sollte ich je fähig sein über ein anderes Leben zu entscheiden? Ich hatte ja nicht einmal die Kraft, mein eigenes zu verändern. 
„Fühlen Sie sich nicht gut? Brauchen Sie vielleicht etwas zu trinken?“, fragte die ältere Dame neben mir plötzlich.
„Nein, danke, ist schon gut.“
Das letzte, was ich jetzt brauchen konnte, war bemitleidet zu werden weil ich doch ach so blass aussähe. Irgendwie waren die ganze Freude und Leichtigkeit, die zuvor in mir hochgestiegen war, verschwunden. Mit einem lauten Knall landete ich wieder auf der Erde. Auf dem Boden der Tatsachen, auf dem ich immer noch diese Entscheidungen zu treffen hatte.
Der Zug hielt ratternd bei der ersten Haltestelle, „Kleinbüttingen“. Wo auch immer ich hier gelandet war.  Ich sah mir noch einmal meine Mitreisenden an. Der Businessman tippte geschäftig an seinem Laptop herum und sah nur manchmal auf um auf die Uhr zu schauen oder einen Anruf zu tätigen. Ich war mir sicher, er war unterwegs nach Hamburg. So wie ich auch. Wobei das nicht ganz richtig ist, ich hatte ja schließlich keine Ahnung gehabt, wohin ich fahren wollte, als ich in den Zug gestiegen war. Erst als ich in einem Abteil möglichst weit hinten und mit nur einer Frau darin Platz genommen hatte, hatte ich den Fahrplan herausgenommen und angefangen ihn zu studieren. Hamburg also.
Nun war ich schon mehr als eine Stunde unterwegs und wartete immer noch auf die erleuchtende Eingebung, auf die ich beim Antritt meiner Reise gehofft hatte. Sie kam nicht.
Draußen hatten sich die grellgelben Felder in ein blasses ockerfarbenes Meer verwandelt. Von den zuvor dunkelgrünen Tannen waren nur noch Silhouetten zu erkennen und in den Häusern gingen langsam die Lichter an. Ich schloss abermals die Augen und fing an zu lauschen. Ich hoffte irgendetwas von der Abendstimmung draußen mitzubekommen, doch außer des Quietschens der Wagons und des Schleifens der Schienen war nichts zu hören. Ab und zu räusperte sich der Bürohengst gegenüber von mir und die alte Dame ließ immer häufiger ein lautes Niesen vernehmen. 
Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Fahrt über meine Tasche auf dem Schoß gelassen hatte. Mit einer kurzen Handbewegung landete sie auf dem Boden. Heraus fielen mein Mobiltelefon, ein Lippenstift und, es war mir zuerst gar nicht aufgefallen, ein Formular. Das Formular, das mir der Arzt bei unserem Gespräch zuvor gegeben hatte.
Plötzlich packte mich eine Wut, als ob die Dame neben mir daran schuld sei, dass ich zu faul war, um die Tasche, wie jeder normale Mensch, auf den Boden zu stellen anstatt sie einfach hinzuwerfen. Ich schaufelte die heraus gefallenen Dinge wieder in die Tasche und warf mich zurück in meinen Sitz. Diese Menschen, die einfach ihrem Alltag nachgehen und keine Ahnung haben von irgendwelchem Schmerz. Von Verantwortung und Treue. Dieser Büro-Macho der einfach dasitzt und denkt, es gibt nichts Wichtigeres im Leben als durch möglichst schlaue Verhandlungsstrategien möglichst viel Profit zu schlagen.
Wütend auf die beiden anderen Insassen des Abteils starrte ich aus dem Fenster. Doch ich sah nur noch mein Spiegelbild. 
Dort starrte mich ein Mädchen an. Das Mädchen, das es immer geliebt hatte, mit seinem Bruder zu spielen. Das trotz aller blauen Flecken, die es durch ihn bekam, nie von seiner Seite wich. Das Mädchen, das plötzlich zur Frau wurde, als sie vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt wurde. Ihr Gesicht war verzogen, beinahe fremd. Nichts erkannte ich mehr an ihr. Natürlich hatte sich mein Gesicht nach außen hin nicht sonderlich verändert, es hatte immer noch dieselben feinen Gesichtszüge, dieselbe spitze Nase und dasselbe schmale Kinn. Aber mir kam es verändert vor. Als wären hunderte von Jahren vergangen und hätten sich tief in die Haut eingekerbt. 
"Lange dauert das heute, nicht? Wahrscheinlich Stau oder so...", befand die Dame neben mir. Ich überlegte einen Moment, sie darauf hinzuweisen, dass es bei Zügen wohl kaum Stau geben kann, entschied mich aber dann doch für eine alternative Antwort:
"Ja, womöglich. Haben Sie es denn eilig?"
"Nein, nein. Ich besuche nur meine kleine Enkelin"
"Ah... Na dann ist ja gut", meinte ich und hoffte mit diesem Satz das Gespräch beendet zu haben. Natürlich war dem nicht so und die Frau freute sich einen Gesprächspartner gefunden zu haben.
So betrieb ich eine Weile gezwungenermaßen Konversation und war dementsprechend erleichtert, als die Dame bei der Haltestelle "Kniesing" den Zug verließ.
Etwas schmunzelnd über die offensichtliche Tatsache, dass ich genervt war, sah der Büro-Mann kurz zu mir auf und widmete sich danach gleich wieder seinen wichtigen Dokumenten.
Es hatte inzwischen angefangen zu regnen. Am liebsten hätte ich das Licht ausgeschaltet um besser hinauszusehen. Ich hatte es schon immer geliebt, zuzusehen, wie alles nass wurde und wie die Pflanzen, wie unter einer Dusche, plötzlich wie neu aussahen. Natürlich konnte ich dem Mann gegenüber nicht einfach das Licht ausmachen, obwohl mich seine Reaktion schon irgendwie interessiert hätte.
Ich verfiel in einen Sumpf von Langeweile und sehnte mich bald nach dem erzwungen freundlichen Gespräch mit der alten Dame. Vielleicht war auch ihr Parfum, das sie offensichtlich im ganzen Abteil versprüht hatte, ein Grund dafür, dass ich an sie denken musste. Alte Menschen haben einfach etwas, das anziehend und abstoßend gleichzeitig ist. Wenn ich meinen Bruder bloß erleben könnte, wie er so alt wird. Aber vielleicht konnte ich ihn so erleben. Vielleicht auch nicht.
Und wieder war ich an dem verzweifelt erschöpften Punkt angelangt, an dem ich in den letzten 70 Minuten schon etliche Male war. Unterschreiben oder nicht. Leben oder Tod.
"Sagen Sie, könnten Sie sich vorstellen, also rein hypothetisch natürlich, als Kleinfirma einen Anteil an unserem Unternehmen zu haben?", unterbrach der Bürohengst meinen Gedankenfluss.
"Ähm, wie war das bitte?"
"Naja, ich werte hier gerade eine Umfrage aus und Sie scheinen ja nicht besonders beschäftigt zu sein, also dacht' ich mir, ich frage Sie auch"
"Tja, ich weiß nicht recht, ich habe ja keinen Schimmer, wie es ist, eine Firma zu haben, geschweige denn ein Unternehmen."
"Tja theoretisch würden Sie ja auch kein Unternehmen haben sondern nur einen Anteil. Also finanziell. . . Was machen Sie denn so von Beruf?"
"Ich bin freischaffende Künstlerin", antwortete ich mehr oder minder stolz.
"Ah, sehr interessant. Und was genau machen sie da?"
Eine sehr berechtigte Frage. Was machte ich in meinem Beruf eigentlich? Mein letzter Roman war kläglich gescheitert und als ich es mit Songtexten versucht hatte, hatte mich sogar meine Ex-Schwiegermutter angerufen und gefragt, ob ich irgendwie Unterstützung brauchte. Natürlich tat ich das nicht. Zumindest nicht von ihr. Der Einzige, den ich damals regelmäßig in Tränen aufgelöst angerufen hatte, um ihm meine Probleme vorzuheulen war mein Bruder. Er war auch immer für mich da, versäumte regelmäßig Verabredungen und Meetings und warf sogar den ein oder anderen One-Night-Stand aus der Wohnung, nur um mir zuzuhören. Er wäre eigentlich der perfekte Freund gewesen, wäre er nicht mein Bruder.
Wieso musste er auch unbedingt noch mit der Straßenbahn nach Hause fahren? Wieso konnte er nicht einfach die U-Bahn nehmen, wo weit und breit kein Auto war? Ich hatte damals lange gebraucht um die Worte herauszufiltern die die Sekretärin des Krankenhauses mir am Telefon sagte. Zwei Uhr morgens – ein Auto – eine Ampel – ein Unfall.
Mein rechter Fuß, auf dem ich schon eine halbe Stunde gesessen hatte, fing an zu schmerzen und ich musste kurz aufstehen. Ich ging hinaus auf den Gang des Zuges. Die Insassen des Wagens waren totenstill. Nur der Zug selbst gab die altvertrauten quietschenden Laute von sich. Wieder versuchte ich, aus dem Fenster zu blicken. Wieder sah ich außer meinem eigenen, an die Scheibe gepressten Gesicht, nichts. Hier draußen war es schön kühl. Ich klappte die provisorische Sitzfläche heraus, die normalerweise nur in sehr ueberfüllten Zügen benutzt wurde, und setzte mich. Doch kaum hatte ich mich gesetzt sagte die Stimme aus den Lautsprechern schon die Endstation "Hamburg" an.
Irgendetwas sagte mir jetzt, was zu tun war. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich etwas halbherzig von dem Bürohengst und stieg aus.
Ich sah mich am Bahnsteig um, holte das Formular heraus und las halblaut: "Bestätigung zur Unterbindung der Funktion von Lebenserhaltenden Maßnahmen an Markus S. Brander".
Ein schwaches Lächeln flog mir übers Gesicht. Die erleuchtende Eingebung, auf die ich beim Antritt meiner Reise gehofft hatte, war da.

19.1.09 23:10
 


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