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Julias Kurzgeschichte

Du findest den Weg zurück, geh einfach den Spuren nach...
“Du glaubst, du hast die Welt gesehen, aber in Wirklichkeit hast du keine Ahnung, was abgeht. Nicht einmal die Phantasie um es dir vorzustellen kannst du haben, so unschuldig bist du.”
“Ich habe genug gesehen, um zu wissen, dass ich sie so nicht lassen möchte.”
Er lachte auf. Sie blieb stehen und sah ihm eindringlich in die Augen. Die ihren waren etwas zusammengekniffen. Die Kälte machte ihnen in diesem Jahr besonders zu schaffen.
“Du redest, als hättest du die Welt gesehen, dabei bist du doch mindestens so unschuldig wie ich. Du kennst doch auch nur einen kleinen beschissenen Teil. Alles außerhalb deines Interessensgebietes übersteigt doch deine Vorstellungskraft.”
“Wie alt bist du?”
“Hey, du wechselst das Thema! Darüber reden wir noch! Diese Frage stellt man keiner Frau, das solltest gerade du doch wissen.”
“Komm schon, sei nicht kindisch.”
Sie legte den Kopf schief und grinste verlegen.
“Du wirst jetzt vielleicht lachen...  Siebzehn.”
Das war ja erstaunlich schnell gegangen. Normalerweise zierte sie sich wesentlich länger, wenn es um die Preisgabe ihres Alters ging. Aber was sollte jetzt noch passieren? Außerdem wunderte es sie, dass er noch einmal darauf zurückkam, denn sie hatte das Thema als abgeschlossen betrachtet, als er sie vorhin auf zweiundzwanzig geschätzt hatte. Er warf seinen Kopf in den Nacken und schnaubte. Dann sah er sie wieder an und musste tatsächlich lachen. Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie sanft.
“Was tue ich hier mit dir? Kannst du mir das sagen? Was mach ich da eigentlich? Siebzehn... Scheiße... Die sperren mich ein... Erzähl das ja keinem.”
“Tja, was ich hier tue, frag ich mich auch schon seit drei Stunden, seit du mich angelabert hast. Du erfüllst nämlich fast komplett mein Profil für den “sofort in die Wüste zu schickenden Mann”. Fühl dich geehrt. Wenn du jetzt noch sabbern würdest, dann wär ich eh schon längst weg.”
“Drei Stunden ist das her?”
“Ich denk schon. Wie spät ist es?”
“Warte... Fünf nach zwei.”
Übermütig zog er sie an der Hand durch den nur sehr spärlich beleuchteten Weihnachtsmarkt. Vorbei an den dunkelgrünen Hütten, den geschlossenen Läden der Stände, ein ganz schönes Stück durch das frisch gefallene Weiß. Als sie in eine Gasse einbogen, kam ihnen ein lachendes Pärchen entgegen, das Schnee von den Motorhauben der Autos schob. Sie schätzte die beiden gerade  gegen Mitte Dreißig, als er plötzlich meinte:
“Wetten, er traut sich nicht, sie abzuschießen?”
“Kann dir ja eigentlich egal sein, oder?”
“Wetten? He du, wetten, du traust dich nicht, sie abzuschießen?”
“Komm schon, lass das... Gehn wir weiter... “
“Was? Ist doch nichts dabei! Ich hasse solche Pärchen! Scheiße, ich mein, die rennen durch die Gegend - nichts im Kopf außer Hormone... Wieso? Die haben alle keine Ahnung...”  
“Aaah ja. Und der einzige, der was vom Leben versteht, bist natürlich du und außerdem und sowieso. Schon klar.” 
Schmollend ging sie zwei schnelle Schritte. Dann machte sie am Absatz kehrt und stolperte schon fast gegen seine Brust, die auf ihrer Nasenhöhe lag.
“Heeee... nicht weglaufen!”
Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen, sodass sie seinen rechten Schneidezahn auf seiner Unterlippe ruhen sehen konnte. Sie musste lachen über den Rest der Irritation, die noch an seinen Augenbrauen kleben geblieben war. Hand in Hand schlenderten die beiden noch weitere zwanzig Minuten durch Straßen und Gassen und weil sie eine nicht zu unterdrückende Hochstimmung in sich aufkommen spürte, rannten sie auch über so manchen nächtlich beleuchteten Platz, bis sie nach Atem rangen. Was drei Stunden zuvor war, schien jetzt so unwichtig, auch wenn es ständig in ihrem Kopf herumschwirrte. Sein Frauenbild, sein Machogehabe, seine Freundin, das war da noch wichtig gewesen, jetzt beschäftigten beide ganz andere Dinge. Aber es hatte nun mal so begonnen:
111
“Willst du mir nicht deine Freundinnen vorstellen? Ihr schaut so nett aus...”
Überrascht drehte sie sich um. Da hatte ein Typ doch glatt die Frechheit besessen, sich von hinten an sie heranzupirschen und sein Kinn auf ihre rechte Schulter zu legen. Jetzt sah er sie mit einer Art Dackelblick von unten her an. Sein kahlrasierter und braungebrannter Freund stand mit angetrunken glücklichem Grinsen neben ihm und wiederholte die Frage, die er ihr geradegestellt hatte.
“Ähm, das sind zwar nicht meine Freundinnen, aber... Hallo - hier haben wir Blondine Nummer eins - ihr blaues Haarband fügt sich perfekt in den Rest des von ihrer besten Freundin ausgesuchten Outfits. Dann nicht zu vergessen - Blondine Nummer zwei in Violett und außerdem im Sonderangebot - greift zu, solange sie noch heiß sind. Nur mit Namen kann ich noch nicht dienen, die haben sie mir noch nicht verraten, aber ich bin sicher, dass sie sie euch, wenn ihr lieb fragt, ins Ohr hauchen werden.”
Oho! Es lebe die (alko)hohlbedingte Oberflächlichkeit. Leicht zu beeinflussen. Fast schon langweilig.
class=Section2> Mit sarkastischem Lächeln wandte sie sich wieder dem Tresen zu, überzeugt den braungebrannten und seinen  Dackel los zu sein. Sie setzte die Lippen an den Filter ihrer Zigarette und schloss die Augen. Den ganzen Abend schon tränten sie und so musste sie versuchen sie nicht auch noch dem scharfen Rauch ihres eigenen Glimmstängels auszusetzen. Absurd, wenn man bedachte, wie spärlich die starken Neonröhren nurmehr den Raum beleuchten konnten, weil die Lichtwellen sich in den Schwaden verfingen. Während die Dunstwolke aus ihrer Lunge langsam mit ihrer Umgebung verschmolz, griff sie nach dem hellblauen Glas zu ihrer Rechten und drehte es in der Hand.
“Was trinkst du da?”

Stand doch der Dackel schon wieder hinter ihr und zwar diesmal so dicht, dass seine Arme links und rechts von ihr auf dem Tresen lehnten und sein Oberkörper sich an ihren Rücken schmiegte und sie
nach vorne gegen den Tresen drückte. Besoffenes Machoschwein. Was sie doch alle für einen Mut besaßen mit ein paar Litern Bier.
“Hey, Junge! Jetzt stell dich erst mal neben mich ja, dann schaun wir vielleicht mal etwas weiter in mein Glas hinein, ja? Du erstickst mich ja fast mit deiner Anwesenheit...”
So einer hatte ihr heute gerade noch gefehlt. Sie sollte die Lokale wechseln, in denen sie sich rumtrieb, hier wurde sie nämlich viel zu leicht mit einem dieser notgeilen Kleinkinder verwechselt, die mal eben schnell zum Knutschen wo rein gingen und vielleicht mit einem Anhängsel wieder raus und unter der nächsten Brücke eine schnelle Nummer schoben. Oder auch mit denen, die nur hier waren um mal schnell ihr Ego zu pushen, indem sie sich auf einen Drink einladen ließen und dann wieder gingen, nur um zu sehen, ob sie es drauf hätten. Egal für welches von beiden sie gehalten wurde, es erzeugte lediglich schlechte Stimmung mal auf der ihren, mal auf der Seite ihres Gegenübers oder in diesem Fall Hintenübers.
Zwar murrte er, war jedoch sehr damit zufrieden, ihre Aufmerksamkeit wiedergewonnen zu haben.
“Na du gehtst ja richtig ran! Gefällt mir... Also was trinkst du da jetzt?”
Hilfe!Kotz! Der war ja noch billiger, als er aussah! Wenn sie allerdingst zu den Freundinnen hinübersah, mit denen sie tatsächlich da war, überlegte sie, ob nicht das die Gelegenheit wäre, ihren Ruf als prüde Männerhasserin wieder Mal für ein Weilchen loszuwerden. Es musste ja nur so aussehen. Nichts tun, außer so tun, als ob. Ein harmloser Flirt konnte nicht schaden, auch wenn sie sich ein klein wenig ekelte. Wenn er schon mal da war. Es rannten ja wirklich nur Vollidioten herum, wo sie nur hinsah. Schnipp. Zeit für einen kleinen Sinneswandel, Fräulein.
“Eristoff Ice im Glas, der Herr. Keine Ahnung, was den Barmann geritten hat, es umzufüllen. Nett oder? Sieht man nicht alle Tage.”
class=Section4> Das Gute an einem besoffen Flirt war, dass man den größten Blödsinn von sich geben konnte, ohne sich dafür genieren zu müssen, weil das Gegenüber ohnehin entweder gar nicht zuhörte oder alles für so intelligent befand, dass man bei der Aussage, die sie eben getätigt hatte, schon Intellektuellenstatus besaß. Ihn schienen  ihre charmant ablehnende Art und der immerwährend sarkastisch mitschwingende Unterton in ihrer Stimme nur noch mehr anzuspornen. Außerdem hatte er schon gemerkt, dass sie, obwohl so genervt, doch nicht uninteressiert war. Zumindest nicht uninteressiert an einer kleinen Konversation. Was dann noch drin wäre, musste er noch herausfinden.
“Zwei Eristoff Ice im Glas bitte! Hee, hallo! Zwei Eristoff Ice im Glas!

 

“Dann bin ich dir wohl zum Dank verpflichtet, junger Mann.”
“Freut mich, dass du was mit mir trinkst.

 

“Also sprich zu mir, was machst du so? Wer bist du?
“Hmm, du willst aber ganz schön viel wissen. Was mache ich... Autos. Ich mache Autos.”
“Was?”
“Seit ein paar Jahren. Werkstatt. Alles schwarz. Weißt du, was du da verdienst?!”
“Toll. Du hast Geld. Was hast du sonst noch?”

 

“Eine Wohnung. Eine Freundin. Ein...”
“Du hast eine Freundin? Na, das ändert die Sache natürlich erheblich. Dann kann ich ja normal mit dir reden. Ich will nämlich nichts von dir. Perfekt.”
“Hast du etwa geglaubt, dass ich dich anmache? Nein. Ja, du kannst normal mit mir reden. Hey cool. Darauf müssen wir jetzt aber fast anstoßen.”

 

Sie hoben die Gläser, ließen sie klirren und tranken. Sie hatte ihren Kopf schiefgelegt und schien wirklich erfreut zu sein über die Tatsache, dass er vergeben war und leicht amüsiert über den Kommentar, mit dem er sein Anbaggern abstritt. Er trank noch immer. Als schließlich auch er sein Glas abgestellt hatte, bedeutete er ihr mit einem Kopfnicken, dass hinter ihnen soeben ein Stehtisch freigeworden war. Sie brauchten für ihre kleine Übersiedelung nicht mehr als drei Schritte zu gehen.
“Mensch, wie sich die alle aufführen!”
“Wer?”
“Meine Leute, sowieso nur betrunken, aber wichtig. Jeder von denen schuldet mir soviel Geld, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Im Prinzip gehören alle ihre Autos mir.”
“Tja, ähm, schön.”
Was sollte man auf so etwas schon groß antworten. Doch das schien ihn sowieso nicht zu interessieren, er schien auch schlagartig nicht mehr so betrunken oder zumindest wackelig, wie eben noch zu sein.
“Ich muss dich jetzt etwas fragen...”
“Bitte, fang an.”
“Wenn der Mann soviel Geld verdient, dass die Frau nie arbeiten müsste, wieso will sie es dann trotzdem tun?”
“Wie meinst du das, ist doch eigentlich nachvollziehbar, oder?
“Nein, ich versteh das nicht. Ich meine, ich verdiene einige tausend im Monat und sie will ernsthaft arbeiten. Dabei könnte sie jeden Tag mit ihren Freundinnen ins Kaffeehaus gehen und kriegt von mir tausend im Monat nur zum Shoppen. Sie zahlt nichts für die Wohnung, fürs Essen, für gar nichts. Ich will dafür nichts, als mein Essen auf dem Tisch, wenn ich nach Hause komme. Was ist ihr Problem?”
Da hatte er auf den richtigen Knopf gedrückt. Solche Diskussionen liebte sie. Einmal tief Luft geholt und schon legte sie los, ab in den Kampf um den Charmeur zu vernichten.
“Naja, das Hauptproblem wird vermutlich deine Einstellung sein. Wie stellst du dir das vor? Du wirst sicher, so wie du daherredest, nicht bist an dein Lebensende mit ihr zusammen sein, oder? Dann muss sie arbeiten - wird etwas schwierig ohne Berufserfahrung. Wie soll sie jemals eine ordentliche Pension bekommen? Und auch wenn du mich jetzt für eine arrogante Emanze hältst, dir ist schon bewusst...”
Sie wollte nicht böse sein, ihn nicht vergraulen, auch wenn sie sich im Klaren war, dass das mit dieser Aktion wohl sehr leicht passieren konnte, aber ihr Eifer war einfach geweckt. Ihr Vortrag wurde mit seltenen “versteh ich nicht”s oder mit Schweigen beantwortet. Selbst nach einer Stunde
konnte sie nicht sagen, ob sie aneinander vorbeigeredet hatten, oder er begonnen hatte, nachzudenken. Auch wenn dies eine kaum zu wagende Hoffnung wäre. Während sie noch redete, kamen ihre Freundinnen ihr entgegen und verkündeten, sie würden jetzt weitergehen. Wenn man

verzweifelt genug ist, findet man überall etwas. Nur offenbar hier nicht. Die hatten es echt gerade nötig, wenn sie im einen Lokal keinen abkriegten, mussten sich die Männer im nächsten eben in acht nehmen. Keine von denen kümmerte es, mit wem sie sprach und wer er war. Sie ließen sie allein. Auch wenn eine Stunde später eine SMS hereinhüpfte, in der der Name des Lokals stand, in dem sie sich anscheinend gerade aufhielten. Sie hatten sie, ohne auch nur ein Wort der Sorge, einfach allein gelassen. Doch da war sie schon nicht mehr da. Die beiden hatten ihre sich immer besser entwickelnde Diskussion ebenfalls in ein anderes Lokal verlegt. Sie erfuhr, warum er schon seit drei Jahren in einer eigenen Wohnung lebte. Nicht, weil er das Geld hatte, nein. Seine Eltern hatten sich quasi von ihm “getrennt”, als drei Jahre Knast wegen Steuerhinterziehung gedroht hatten. Außerdem war er nicht aus ihrer Stadt. Das hatte den Ausschlag gegeben, warum sie sich entschloss, mit ihm noch woanders hinzugehen.
222
“Was magst du?”
“Espresso.”
“Zwei Whiskey Wasser ein  Espresso.”
Die Kellnerin verschwand im Takt wippend hinter den Tresen. Die paar Gäste an der Bar tanzten euphorisch zu uralten Weihnachtssongs. Während sie auf den Knopf der Kaffemaschine drückte,
tanzte der zweite Kellner sie an und die beiden verfielen recht flott in einen tranceähnlichen Tanzzustand.

 

“Ich hasse sowas. Soll doch ihren Job machen, das Weib.  Wieso hackelt die nichts?”
“Hey jetzt mal wieder runter vom Gas, ja? Der Kaffe rinnt noch durch. Sag mal, kannst du dich gar nicht freuen? Ist doch schön, wenn alle so einen Spaß haben.”
“Sind ja doch nur angesoffen.”
Ein hoffnungsloser Fall, das musste sie einsehen. Frauenbild aus den Dreißigern und sonst auch nicht sehr zuversichtlich. Ihr Gesicht fühlte sich ein bisschen taub an. Er hatte noch den hellsten Tisch ausgesucht und sie konnte ihn trotzdem kaum sehen.
Nur an der Bar brannten bunte Lampen und eine Lichterkette, die über den Tresen gewickelt war, blinkte. Die Kellnerin stellte das Tablett mit den vier Gläsern und der Kaffetasse vor ihr ab. Sie kassierte und ließ noch ein Lächeln da, bevor sie wieder zurücktanzte. Sie prosteten sich zu.
“Dass wir uns getroffen haben.”
Sie nippte an dem Whiskey und machte sich dann erst einmal an ihren Espresso. Den hatte sie nämlich jetzt wirklich nötig. 
“Schau mal. Cooles Teil.”
Er hatte ein Handy in der Hand und hatte sich gerade drangemacht, die SMS zu lesen.
“Das ist nicht deins oder?”
“Nein. Lässiges Teil. Weißt du, was das am Schwarzmarkt wert ist?”
“Legs hin! Tu das sofort wieder dahin, wo du es her hast, sonst bin ich weg.”
Ihr Ton war schlagartig so scharf, dass sie nur noch zu zischen vermochte.

“Hey, mach keinen Stress. Siehst du - ist schon weg.”
Er legte das Telefon auf den Tisch und hob die Hände, als hätte er erkannt, dass ihre Stimme eine überaus gefährliche Waffe war. In sein Gesicht hatte sich ein verschrecktes Grinsen gesetzt.  Sie sah ihn lange an, ohne etwas zu sagen. Das Grinsen verschwand, um seine Augen bildeten sich Fältchen. Die Hände sanken wieder, aber nur ausgesprochen zögerlich. Er nahm sein Glas und kippte den ganzen Inhalt auf einmal hinunter. Mit einem Knall stellte er es wieder ab und umklammerte  es. Sein Gesicht
war verkrampft, der Kiefer  zusammengepresst, die Augenlider zugekniffen. Er saß stark vornübergebeugt als müsste er sich gleich im nächsten Moment übergeben. Nach einiger Zeit setzte er sich wieder auf, sie hatte nur geschwiegen und ihn weiter angesehen. 
“Du kennst doch diese ganzen Filme. Mafia und so...”
Begann er ganz unvermittelt und leise, ihr direkt ins Gesicht schauend. Ohne eine Antwort zu erwarten fuhr er fort.
“Das ist alles wahr. Die gibt es wirklich. In der echten Welt ist das noch viel schlimmer. Wenn du einmal drin bist... Du kommst nicht wieder raus. Keine Chance.”
Wieder sah sie ihn an uns schwieg eine Weile.
“Autos?”
“Auch.”
“Wie tief hängst du drin?”
“Zu tief.”
“Fragezeichen?”
“Ich habs sozusagen von meinem Vater übernommen. Der ist jetzt seit drei Jahren draußen.”
“Netter Vater.”
“Ich bin froh, dass er draußen ist.”
“Wie könntest du rauskommen? Ich mein, dein Vater konnte ja auch irgendwie.”
“So viele Leben hab ich nicht, als dass ich das noch mitkriegen würde.”
Er formte mit Zeige- und Mittelfinger eine Pistole und drückte mit dem Daumen ab.
“Puff. So schnell geht das, wenn du aufmuckst.”
Na toll. Was machte sie hier? Ob es nun Masche war, oder nicht, die Situation war gerade eben um einiges schräger geworden. Luft. Luft würde jetzt bestimmt nicht schaden. Aber raus gehen war nicht.
“Ich such mal schnell das Klo. Die hier nehm ich lieber mit.”
Sie grinste ihn an und hängte sich ihre Handtasche um. Stufen runter. Ja, die Toilette war rauchfrei. Als sie in den Spiegel sah, war sie froh, dass das Lokal so finster war. Sie sah wirklich zum kotzen aus.
Wieder auf dem Weg nach oben , rechnete sie damit, den Tisch leer vorzufinden, aber sie täuschte sich.
“Hier bin ich wieder! Traraa! Das volle Gruselklo da unten - ich bin fast in den Heizkeller gerannt.”
Sie stieg wieder auf den hohen Stuhl und seufzte.
“Mensch, bitte trink du meinen Whiskey, ich bring das heut echt nicht mehr runter. Da, nimm!”
Sie griff zu ihrem Wasserglas und trank einen großen Schluck, mit der anderen Hand schob sie den Whiskey über den Tisch. Er nahm das Glas und leerte es in einem Zug. Sie hob die Augenbrauen.
“Hast du Geschwister?”
“Eine Schwester.”
“Älter? Jünger?”
“Sie ist dreizehn und ich schwör dir, wenn die ihr etwas tun, bring ich alle um.”
Oje, da war es wieder. Das Thema war noch nicht abgehakt, dabei wirkte er nicht einmal gereizt, als er das sagte. Seltsam abgebrüht. Heute, dachte sie, war es wahrscheinlich besser, dass sie ihn nicht kannte.  Für sie, für ihn und für überhaupt alle. Egal, ob das, was er erzählte, der Wahrheit entsprach. Doch dann tat er etwas, das ihre Gedanken kurzzeitig ordentlich aufwirbelte.
Der Kuss war ziemlich feucht, aber doch unerwartet genug, um ihren Körper in einen Ameisenhaufen zu verwandeln.
“Gehn wir, komm.”
Sie stand auf und zog ihren Mantel über. Sie musste zusehen, dass sie ihm nachkam, er war nämlich sofort nach draußen gerauscht, als sie stand.
“Ciao, schönen Abend noch!”
Eilig schlängelte sie sich zwischen Barhockern und Wand zur Tür. Sie war erleichtert, als die eisige Luft ihr ins Gesicht schlug, es machte sie wieder lebendig, ließ sie innerhalb von Sekunden die Höhlenstim-mung abschütteln. Eine der unzähligen Turmuhren in dieser Stadt schlug zwei Uhr. Er öffnete den unverschlossen Briefkasten vor dem Lokal und legte ein Handy hinein.
“Das ist nicht dein Ernst oder?”
“Wieso, ich nehms doch eh nicht! Hey du hast mich zu einem guten Menschen gemacht, ich will es gar nicht mehr!”
“Dann geh rein und legs zurück! Geh sofort rein und legs zurück verdammt!”
“Sicher nicht! Ich geh da echt nicht nochmal rein. Geh halt du, wenn du unbedingt meinst.”
Wütend schnappte sie es sich und riss die Lokaltür wieder auf. Unauffällig wiederholte sie den Slalom, über dessen Beendigung sie gerade so froh gewesen war und legte das Ding mir unnötiger Vorsicht auf den Tisch, an dem sie gesessen hatten. Niemand hätte es bemerkt, wenn sie es geworfen hätte. Trotzdem. Wegen diesem Typen brauchte wirklich niemand sie des Diebstahls verdächtigen, “Wegen dir will ich es gar nicht mehr”, haha, aber genommen hatte er es doch. Als sie wieder nach draußen trat, war er verschwunden. Vermutlich war es besser so. Sie kam noch rechtzeitig nach Hause, ein leichtsinniger Ausflug hatte ein ungefährliches und nicht ganz uninteressantes Ende gefunden. Ruhig

stapfte sie Richtung Adventmarkt. Schräger Typ. War irgendwie klar, dass er irgendwann die Sause kriegen würde.
“Hey, wo gehst du hin? Warte!”
Hm, also doch nicht. Hinter einer Hausmauer war er gestanden und hatte telefoniert. Mit einem Freund, mit einem Mafioso? Sie blieb stehen.
“Warum bist du so?”
“Wie bin ich?”
“Du glaubst, du hast die Welt gesehen, aber in Wirklichkeit hast du keine Ahnung, was abgeht. Nicht einmal die Phantasie um es dir vorzustellen kannst du haben, so unschuldig bist du.”

333
Winterluft füllte ihre Lunge. Sie kam von der Seite und wirbelte um ihr Gesicht. Als wäre es von einer kalten Fleecedecke umhüllt. Sie drehte sich über den Platz, wie in einem dieser Kitschfilme, wo es sofort darauf zu schneien begann. Aber das war ihr nun auch schon egal, so viele vorgefertigte Sätze, wie sie heute schon gehört, gesagt und in Gedanken formuliert hatte. Warum sollte nicht auch ihr Abend einmal wie in einem dieser brechreizerregenden Filme enden.
Er stand nur da, sah sie an und sagte nichts. Er schien sich unwohl zu fühlen aufgrund der Tatsache, dass er ganz allein auf einem großen Platz war, mit einem Mädchen, das er seit dreieinhalb Stunden kannte und das heute schon zu viel über ihn erfahren hatte. Gut, dass er sie nie wieder sehen würde. Komisch war es trotzdem, dass sie sich drehte, nichts tat, außer sich zu drehen und in den Himmel zu schauen, als würde sie warten, dass Schnee herunter fiele.
“Gehn wir weiter?”
“Gleich, warte noch.”
Sie hatte beschlossen, sich ihrem Film selbst zu machen. Jede Szene würde genau so lange dauern, wie sie es wollte. Jetzt wollte sie noch ihren Schneeflockentanz beenden. Doch mittlerweile war ihr schon so schwindelig, dass sie aufgab, bevor Schnee in Sicht war.
“Passt, gehn wir.”
“Was war denn das jetzt?”
“Ich hab mich gedreht, hat man doch gesehn oder?”
“Okay... Wohin sollen wir gehen?”
“Wie wärs mit... Dort!”
Zweihundervierzig Stufen. Das war aus dem Heimatkundeunterricht hängengeblieben. Oder auch nicht, sie war nicht so sicher, es waren auf jeden Fall so viele gewesen, dass sie nicht durchgehend hinauflaufen konnte, als sie acht war. Er tat es, sie ließ sich Zeit. Wer Stöckelschuhe trägt, darf sich nicht hetzen lassen. Hatte sie einmal gehört. Das war nur gut so, sonst hätten vielleicht ein paar ihrer Knochen ihren heilen Zustand nicht beibehalten können. Er wartete schon zappelig, als sie oben ankam.
“Wohin jetzt?”

“He, hast du Stress? Schau, wir sind die ersten, die durch den Schnee gehen.”
Durch einen Torbogen, über eine Anhöhe, einen Privatweg und eine abartig enge Gasse, ließen sie ihre Spuren laufen. Unter einem weiteren Bogen blieben sie schließlich stehen. Da begann er wieder sie zu küssen.
“Bleib doch heute Nacht einfach bei mir im Hotel. Ich zahl dir dann später das Taxi. Bitte bleib da.”
“So einfach ist das aber nicht. Ich bin nicht so eine. Das müsstest du doch jetzt mittlerweile schon verstanden haben. Es geht nicht. Dein Frauenbild ist einfach zu simpel. Veraltet und falsch noch dazu. Du musst lernen, dass du nicht alles haben kannst. Schon gar nicht für Taxigeld und Whiskey.”
“Das heißt, du würdest gerne und tust es nicht, weil du mir einen Denkzettel verpassen willst?”
“Richtig.”
Eine andere Antwort hätte ihn zu sehr verwirrt und wäre vermutlich auch falsch gewesen.
“Aber es wäre anders. Ich hab das immer so gemacht. Es hat immer funktioniert. Die Frauen bestätigen das doch selbst. Sie kommen zu mir, wir schieben ne Nummer, ich schmeiß sie raus. Fertig. So hab ich auch meine Freundin kennen gelernt. Sie hab ich nicht rausgeschmissen. Das war vor vier Jahren. Ich war treu.”
“Wers glaubt. Naja, du bist echt nicht zu beneiden.”
“Wieso?”
“Okay, du bist vielleicht zu beneiden, aber ich beneide dich nicht. Dein Geld möchte ich nicht mal geschenkt. Geschweige denn dein Leben. Aber das willst du ja selbst nicht, wie es scheint.”
“Kann sein, aber im Moment will ich nirgendwo sonst sein, außer hier.”
Ihr Plan mit den Filmszenen schien aufzugehen, es hörte sich alles, was sie sagten an, es sah alles, was sie taten, aus wie frisch einem Drehbuch entsprungen.
“Perfekt. Dann habe ich ja gar kein schlechtes Gewissen, wenn ich den jetzigen Zeitpunkt wähle, um dich alleine zu lassen.”
“Ich hab doch gesagt, du sollst hier bleiben! Komm schon, es wäre etwas Besonderes. Ich... Bitte!”
“Ich muss gehen.”
“Aber gegen ne schnelle Nummer unterm Torbogen hättest du doch sicher nichts, oder? Ungeschützt, was würde Mutti sagen?!”
Er drückte sie gegen die Wand und seine Lippen auf ihre. Seine Hände, zumindest die eine, die sie nicht festhielt, schienen sich zu verselbstständigen. Überall war sie plötzlich.
“Bleib. Bitte, bitte bleib!”
Sie schubste ihn von sich weg.
“Jetzt dreh nicht durch. DREH NICHT DURCH! Ich muss nach Hause. Du findest den Weg zurück, geh einfach den Spuren nach, ich nehme die andere Seite.”

“Dir ist schon klar, dass wir uns nie wieder sehen werden.”
“Das ist es.”
Sie küsste ihn und drängte sich an ihm vorbei. Erst im letztmöglichen Augenblick ließ sie seine Hand los. Dann ging es steil bergab, eine Akrobatikübung mit diesen Absätzen und ohne Stufen. Zum Glück gab es ein Geländer. Der perfekte Abgang für eine Liebeskomödie. Ohne Umdrehen natürlich. Konsequent geradeaus staksen.
“Du wirst doch jetzt nicht wirklich gehen!”
Sie hielt an, starrte nach vorne. Dann wandte sie ihren Kopf nach hinten und ging einen Schritt bergauf. Diese Richtung fiel ihr viel leichter. Wie alleine er dastand.
 
20.1.09 19:51
 


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